Universelle Familiensaga Ein Leben mit wenig Spiel, aber viel Hölle

Im Generationenroman "Ein einfaches Leben" erzählt Min Jin Lee von einer koreanischen Familie in Japan und deren Diskriminierung im Alltag. Eine Geschichte mit Widerhall - gerade jetzt, gerade hier.

Pachinko-Spielhalle in Tokio
picture alliance/ Friso Gentsch

Pachinko-Spielhalle in Tokio

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"Zainichi" - ein Wort, das alle, die es mit sich tragen, in eine Welt voller Diskriminierung wirft. "Ausländer mit Wohnsitz in Japan", bedeutet es. Gemeint sind: Koreaner in Japan, auch in zweiter oder dritter Generation. Sie sind geduldet, mehr nicht. Gezwungen, einen japanisierten Namen anzunehmen. Immer in der Hoffnung, nicht abgeschoben zu werden. Als Japaner mit Zainichi zu leben, sie zu lieben: ein Skandal.

Manchmal ist es zwingend, sich selbst im Anderen zu spiegeln. Genau dazu bringt uns Min Jin Lee mit "Ein einfaches Leben": einer Geschichte, so universell wie wenige. Ein generationenumspannender Roman, in dem sie das Mädchen Sunja 1910 aus dem kargen südkoreanischen Fischerdorf übers Wasser nach Osaka und bis 1989 nach Yokohama begleitet und von den täglichen Überlebenskämpfen erzählt - von ihr, ihrem nordkoreanischen Mann Isak, den Söhnen Noa und Mozasu, im Armenviertel, auf dem Bauernhof zu Kriegszeiten, später im Wohlstand.

Doch das ist nicht einfach eine Geschichte über sozialen Aufstieg. Sondern eine über die Sehnsucht, dazuzugehören. Als mehrfache Minderheit, als Koreaner und Christen. An der Seite von Sunja geht es durch die Jahrzehnte, in denen sie und ihre Schwägerin die Familie als Kimchi-und-Toffee-Verkäuferin ernähren, in denen das Geld oft nicht einmal für Tee reicht. So lange ist es gar nicht her, dieses 1910, als Japan Korea als Kolonie besetzte.

Wohlstand als Pachinko-Unternehmer - und doch verpönt

Denn die Spuren prägen die Zainichi bis heute. Min Jin Lees Roman, 2017 nominiert für den National Book Award, erzählt daher auch von koreanischen Jungs, die sich von Dächern stürzen, weil Schulkameraden sie hänseln. Von jungen Vätern, die sich erschießen, bevor ihre Ehefrau, ihre Kinder, ihre Arbeitgeber herausfinden, dass sie keine Japaner sind.

Sie erzählt von den Männern der Familie, die niemand anstellen möchte, weil sie Koreaner sind, und die sich dann als Betreiber von Pachinko-Spielsalons selbständig machen - verpönt als zwielichtige Gangster mit Lasterhöhlen. Ihre Kinder schicken sie auf japanische und amerikanische Universitäten, eine Art Camouflage. Heute zählen die Zainichi zu den größten ethnischen Minderheiten in Japan, derzeit knapp unter einer halben Million, sogar eine eigene Fußballmannschaft haben sie gegründet.

Autorin Min Jin Lee
Elena Seibert

Autorin Min Jin Lee

Die Sprache, die Min Jin Lee für die Geschichte von Sunja und ihrer Familie findet, ist so schnörkellos wie das Leben der Familie: Es geht ums Wesentliche. Dazu gehört: Das Atombombenmassaker in Hiroshima und Nagasaki, die Teilung Koreas, sie werden nur gestreift, eine Randnotiz. Etwa als Schwager Yoseb aus Nagasaki schwer verletzt zurückkehrt; als klar ist, dass die Eltern von Yoseb und Isak in Pjöngjang nicht mehr zu retten sind; als die Erzählstimme erst 50 Seiten vor Schluss anmerkt, dass die Zainichi sich nach der Teilung zwischen den beiden Koreas entscheiden mussten.

So absurd es auch wirkt, dieser Blick entspricht dem Mikrokosmos der Familie, in dem die Frauen nicht lesen und schreiben können, Japanisch nur holpernd sprechen: eng auf sich bezogen, konzentriert aufs Überleben, Tag für Tag.

Spätes Aufbegehren gegen die alte Diskriminierung

Solomon, Sunjas Enkel, gehört zur ersten Generation ohne Sorge, dass es Krieg geben könnte, dass sie nicht genug zu essen haben oder nicht wissen, wo sie schlafen sollen. Die erste Generation also, bei der auf einmal Raum und Energie ist für Identitätsfragen. Sich damit auseinanderzusetzen, was es heißt, sich entscheiden zu müssen. Oder genau das nicht zu wollen.

Als im letzten Teil, Ende der Achtziger - leider etwas arg brüsk - neue Figuren eingeführt werden, bricht diese Diskrepanz auf: über Phoebe, Solomons Freundin, etwa gleichalt, beide mit Uniabschluss, auch ihre Eltern sind Koreaner. Doch Phoebe ist in Seattle geboren, nicht in Japan. Sie versteht nicht. Die Kluft zwischen ihr und Solomon weitet sich zu einem Ozean.

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Min Jin Lee:
Ein einfaches Leben

Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel

dtv, 552 Seiten, 24 Euro.

Wie das Bewusstsein über diese Zerrissenheit einsickert, bis Solomon als erster der Familie klar Position gegen die Diskriminierung bezieht und sie nicht nur erduldet, ist ergreifend. Auch darum ein Roman für gerade jetzt, gerade hier. Wo Deutsche so intensiv darauf gestoßen sind, was es heißt, mehrere Länderidentitäten in sich zu tragen, auf der Suche nach Heimatgefühl. Weil es den Ort, an dem man geboren wurde, so nicht mehr gibt, egal ob DDR, Korea, Syrien.

Und dann umarmen sich dieser Tage zwei Staatschefs aus zwei Koreas und ja, da ist er wieder, der Gedanke: So lange ist das alles wirklich nicht her. Zeit, dass sich was dreht.

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