Ein Jahr "Esra"-Urteil Wie ein Roman-Verbot die Buchbranche einschüchtert

Vor einem Jahr wurde Maxim Billers Roman "Esra" verboten. Medienrechtsexperte Tobias Gostomzyk macht für SPIEGEL ONLINE die Folgeschäden des Urteils deutlich: Autoren und Verlage sind verunsichert und zensieren sich selbst. Profit aus der Misere schlägt nur die Presse.


Der Skandal fängt manchmal erst an, wenn Richter ihm ein Ende setzen: Vor einem Jahr bestätigte das Bundesverfassungsgericht das Verbot des Romans "Esra" von Maxim Biller. Heute kämpfen Autoren und Verlage mit den juristischen Folgen. Höchste Zeit also, eine erste Bilanz zu ziehen: Welche Folgen hat die höchstrichterliche Entscheidung für Autoren und Verlage? Ist die Kunstfreiheit in Deutschland nicht mehr, was sie einmal war?

"Esra"-Autor Biller: Opfer der Je-desto-Formel
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"Esra"-Autor Biller: Opfer der Je-desto-Formel

Erinnern wir uns: Im Jahr 2003 erschien im Verlag Kiepenheuer und Witsch der Roman "Esra". Er erzählt die Liebesgeschichte zwischen Esra und Adam, die schließlich an zahlreichen Hindernissen zerbricht: familiäre Zerwürfnisse, Eifersuchtsdramen, sexuelle Turbulenzen. Dabei bestehen erkennbare Ähnlichkeiten zwischen Esra und einer ehemaligen Geliebten des Autors.

Die ehemalige Geliebte zog deshalb vor Gericht – ohne dass der Autor und sein Verlag klein beigeben wollten. Am Ende besiegelte das Bundesverfassungsgericht das Aus für den Roman. Die öffentliche Schilderung "intimster Details" sei als schwere Persönlichkeitsrechtsverletzung nicht zumutbar.

Die "Esra"-Entscheidung markiert eine Zeitenwende: Bis zur Entscheidung gingen Verlage und Autoren davon aus, die Kunst sei gemeinhin frei. Seit dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts ist die Verunsicherung unter Autoren und Verlagen groß. Deshalb wächst die Nachfrage nach Rechtsberatung deutlich. Darüber können sich Anwälte freuen. Aber auf das künstlerisches Schaffen wirkt diese Rechtsunsicherheit wie ein Narkotikum - bis hin zur Selbstzensur. Schließlich drohen hohe Kosten für Gerichtsverfahren.

Berichterstattung von ihrer üblen Seite

Verantwortlich für diese kunstfeindliche Stimmung ist nicht nur die Gerichtsentscheidung selbst. Einen größeren Schaden hat die konstante Medienberichterstattung bewirkt: Jede neue gerichtliche Niederlage im Zeitraum von 2003 bis 2007 führte zu neuen Meldungen und Kommentaren. Die gerichtlichen Bücherverbote haben sich auf diese Weise tief im Bewusstsein von Autoren und Verlagsmitarbeitern verankert. Was sie über die Rechtslage wissen, wissen sie über Medien. Gerichtsentscheidungen selbst liest – Juristen ausgenommen – niemand.

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So lässt sich auch der Widerspruch erklären, dass trotz der neuen Furcht vor Bücherverboten die Anzahl an einschlägigen Gerichtsverfahren nicht gestiegen ist. Sie bewegt sich nach wie vor schätzungsweise zwischen 30 und 40 pro Jahr. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass es zu Nachahmungseffekten kommt: Wer sich in einem Roman erkennbar und unvorteilhaft wiederfindet, fühlt sich ermutigt, sich zu wehren. Gerichtsverfahren gegen Bücher sind eben die wirkungsvollste Buchkritik.

Kann eine Vorabprüfung durch Juristen Autoren und Verlagen vollständig Rechtsgewissheit geben? Auch nach der "Esra"-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wird es auf die Abwägung zwischen Allgemeinem Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit im Einzelfall ankommen.

Das Gericht hat der literarischen Welt dafür eine vermeintlich einfache Je-desto-Formel formuliert: "Je mehr die künstlerische Darstellung besonders geschützte Dimensionen des Persönlichkeitsrechts berührt, desto stärker muss die Fiktionalisierung sein, um eine Persönlichkeitsrechtsverletzung auszuschließen."

Das hilft aber kaum weiter, um Entscheidungen verlässlich zu prognostizieren. Stattdessen bleibt das Dilemma bestehen, wie Wirklichkeit und Fiktion in ein angemessenes Verhältnis gebracht werden können. So bleibt im Kern rechtlich also alles so wie es bislang (seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Roman "Mephisto" von Klaus Mann aus dem Jahre 1971) war.

Zugleich geht der Rechtsstreit um "Esra" in einem Punkt weiter: Neben dem Verbot der Veröffentlichung des Buches steht eine Geldentschädigung wegen schwerer Persönlichkeitsrechtsverletzung im Raum. Das Landgericht München I hatte der ehemaligen Geliebten 50.000 Euro zugesprochen, das OLG München diese Entscheidung kürzlich aufgehoben. Nun soll der Bundesgerichtshof urteilen.

Auf dem Buchrücken der Kunst

Eine weitere Grundsatzentscheidung steht also an. Bis dahin wird auch hier Rechtsunsicherheit bestehen. In der Branche, heißt es, seien wegen dieser kaum mehr kalkulierbaren finanziellen Risiken bereits Bücher im vorauseilenden Gehorsam vom Markt genommen worden.

Für den Verlag Kiepenheuer und Witsch und seinen Autor Maxim Biller war es riskant, erst durch die Instanzen (LG München I, Oberlandesgericht München, Bundesgerichtshof) und schließlich vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Die Kosten dafür dürften sich schätzungsweise im mittleren fünfstelligen Bereich bewegt haben. Mehr noch: Wäre das Gerichtsverfahren für den Verlag erfolgreich ausgegangen, hätte die Kunstfreiheit viel gewonnen. Nun bleibt große Verunsicherung bei Autoren und Verlagen zurück.

Bei Ebay werden ab und an einzelne Exemplare von "Esra" – Originalpreis 18,90 Euro – für 150 bis 200 Euro veräußert, bei Amazon ebenfalls. Das bedeutet eine Preissteigerung um bis zu 1000 Prozent für glückliche Verkäufer. Demgegenüber ist es für Verlage wirtschaftlich nicht sinnvoll, das erhöhte Medieninteresse bei Gerichtsverfahren als Strategie des Buchmarketings einzusetzen.

Auch Lesern ist damit nicht geholfen, selbst wenn ein Ratschlag von Albert Camus lautet: "Man sollte auch gute, ja, ausgezeichnete Bücher verbieten, bloß damit sie mehr gelesen und beachtet werden."

Gerichtliche Bücherverbote bedeuten für Romane wie "Esra" das endgültige Aus.



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