Geschichte einer Selbstverbrennung Ein Fanal vom Untermieter aus dem Souterrain

Vor 40 Jahren verbrannte sich Hartmut Gründler aus Protest gegen Helmut Schmidts AKW-Politik. Der Roman "Der Mensch brennt" von Nicol Ljubic erzählt, wie sich die extreme moralische Konsequenz eines Einzelnen auf andere auswirkt.

Hartmut Gründler 1976 im Hungerstreik
DPA

Hartmut Gründler 1976 im Hungerstreik

Von


Der "Burning Man", der brennende Mensch, ist als Festival der Gaukler und Selbstverwirklicher alljährlicher Quell für Fotostrecken im Bunten. Nie fehlen darf eine Ansicht vom Abbrennen der riesigen Holzstatue, die dem Festival seinen Namen gab.

Doch 2017 kam es zu einem tragischen Ereignis, als ein Mensch aus Fleisch und Blut ins Burning-Man-Feuer rannte und verbrannte. Was den 41-jährigen US-Bürger, der in einer spirituellen Gemeinschaft im Schweizer Kanton Thurgau lebte, dazu bewog, ist ungeklärt. Ob er das so wollte oder nicht: Das Interesse an dem Fall war riesig, vor Ort und medial.

Auf die öffentliche Wirkung angelegt sind hingegen Selbstverbrennungen aus politischen Gründen. Es ist das wohl drastischste Zeichen, das ein Mensch setzen kann. Der Einsatz des Lebens unter unfassbaren Schmerzen. 1963 hatte sich der buddhistische Mönch Thich Quang Duc mitten in Saigon vor der Presse verbrannt; der Student Jan Palach protestierte so 1969 gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings - Agnieszka Holland drehte später eine HBO-Miniserie über ihn; die Selbstverbrennung des tunesischen Obsthändlers Mohammed Bouazizi setzte 2010 den Arabischen Frühling in Gang.

Weniger prominent wurde der Fall, von dem das Buch des Berliner Schriftstellers Nicol Ljubic handelt: die Selbstverbrennung des Tübinger Lehrers Hartmut Gründler am 16. November 1977 vor der Petrikirche in Hamburg . Die SPD debattierte dort gerade im Kongresszentrum über die Atomenergie. Gründler erlag seinen Verbrennungen fünf Tage später; seit 2015 erinnert eine kleine Gedenktafel an der Kirche an ihn. Damals berichtete nur die Lokalpresse, größere Wellen schlug die Tat nicht.

Ljubic, der auch als Journalist arbeitet, hätte natürlich einen Artikel über diesen Mann und seinen bis zum Äußersten gehenden Kampf gegen die Atompolitik der damaligen SPD/FDP-Bundesregierung schreiben können. Es gab ja später doch noch einige, vor allem 2011, nach der Katastrophe von Fukushima und der plötzlichen Energiewende von Angela Merkel.

Autor Ljubic
Jens Oellermann

Autor Ljubic

Doch Nicol Ljubic entschied sich für den Roman als Form. Offenkundig, weil er sich nicht in erster Linie für eine Märtyrergeschichte interessierte, sondern dafür, was eine solche Kompromisslosigkeit, ein solcher moralischer Rigorismus für die Menschen im Umfeld des sich selbst Tötenden bedeutet.

Ljubic hat die Familie Kelsterberg erfunden, bei der er Hartmut Gründler 1975 einziehen lässt. Der Vater, der gerne schwer isst und schnell Auto fährt, betrachtet den Idealisten mit Skepsis. Erst recht, da die Mutter sich recht bald anstecken lässt von der Wut und der Verve des Protests. Und mittendrin der achtjährige Hanno, den vor allem seine Fußballsammelbilder interessieren - und der doch mitsoll zu Demonstrationen, der doch bemerkt, wie sich da in seinem Zuhause etwas verändert hat, seit dieser hagere Mann in der Einliegerwohnung im Souterrain eingezogen ist.

Der Roman setzt ein in den Wochen nach Fukushima, nach der öffentlichen "Wiederentdeckung" des Falls Gründler: Der längst erwachsene Hanno und seine noch immer kampfeslustige Mutter blicken zurück auf die Zeit mit Hartmut, später arbeitet sich der Junge von einst durch die Dokumente, die die Mutter gesammelt und akribisch sortiert hatte.

Hartmut Gründler war zu Lebzeiten schon eine prägende Figur der sich formierenden Anti-AKW-Bewegung gewesen. Als DER SPIEGEL 1975 eine Titelgeschichte zum Thema brachte, eröffnete der Artikel mit dem aus Protest gegen das geplante Kraftwerk in Wyhl fastenden Gründler. Seine Schriften wurden unter anderem im Rowohlt-Verlag veröffentlicht, insbesondere die Sprachkritik gegen verharmlosende Begriffe wie "Kernkraft" hat noch heute Resonanz - in Ljubic' Roman geschickt durch die Reaktionen des erwachsenen Hanno gekennzeichnet.

Überhaupt wächst einem dieser Hanno rasch ans Herz, als Junge in seiner kindlichen Begeisterungsfähigkeit, als Erwachsener in seinem Kopfschütteln über diese so schrecklich viel konsequenteren Menschen in jener aufgeheizten Zeit. "Als Christ in der politischen Entscheidung" heißt das Buch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt - ein Buchtitel, der Gründler so provoziert, dass er in seinem Abschiedsbrief verlangt, es möge auf seinen Sarg genagelt werden.

ANZEIGE
Nicol Ljubic:
Ein Mensch brennt

dtv, 336 Seiten, 20 Euro

Für Hannos Mutter scheint durch diesen so moralisch handelnden Mann die Vision eines anderen Lebens auf, in dem es um mehr geht, als die liebende und den Haushalt machende Ehefrau zu sein - eine nicht seltene Emanzipationserfahrung in der Bundesrepublik der Siebzigerjahre. Hannos Vater erscheint als Bremser, als Reaktionär, auch wenn im milderen Licht des Rückblicks klarer wird, dass er im Sinne hatte, die Familie zu retten.

Nicol Ljubics geschickt konstruierter Roman öffnet also durchaus noch allgemeinverbindlichere Perspektiven über seinen zeitgeschichtlichen Hintergrund heraus. Er findet treffende Figuren für die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen man auf ein solch drastisches Handeln schauen kann.

Die banalste dieser Perspektiven erzählt, warum in den Zeitungen am Tag nach der Tat so wenig Platz für Berichte darüber war - Klaus Fischer hatte fast zur selben Zeit sein legendäres Fallrückziehertor im Fußball-Länderspiel geschossen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SenseSeek 16.11.2017
1.
Ich halte es schlicht für dumm, auf solch drastische Art und Weise ein Zeichen setzen zu wollen. Die Führungsriege - sei es wirtschaftlich oder politisch - interessiert sich nicht die Bohne für die Gesellschaft und schon gar nicht für Einzelne. Zu groß ist die Gier nach Macht und Geld. Wen interessieren schon Umwelt und Ressourcen wenn das Kapital lockt. Am Ende wird immer schön mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen argumentiert. Und so lässt man sein Leben - ändern wird sich dadurch letztlich gar nichts.
yoda56 16.11.2017
2. Auch wenn ich das Buch...
...bisher nicht gelesen habe, wage ich die Behauptung, dass auch in diesem Fall der Grund für den Suizid eher in einer depressiven Grundhaltung und Ich-Bezogenheit ohne Rücksicht auf Mitmenschen und deren Leid zu suchen ist und die "offizielle Begründung" durchaus austauschbar ist. Das Beispiel des Polen Pjotr S. in Warschau veranschaulicht es. Der Mann überraschte seine Frau und seine beiden Kinder mit seiner Selbstverbrennung. Welches Leid er diesen Menschen zugefügt hat, finde ich absolut inakzeptabel.
klmo 16.11.2017
3.
Zitat von yoda56...bisher nicht gelesen habe, wage ich die Behauptung, dass auch in diesem Fall der Grund für den Suizid eher in einer depressiven Grundhaltung und Ich-Bezogenheit ohne Rücksicht auf Mitmenschen und deren Leid zu suchen ist und die "offizielle Begründung" durchaus austauschbar ist. Das Beispiel des Polen Pjotr S. in Warschau veranschaulicht es. Der Mann überraschte seine Frau und seine beiden Kinder mit seiner Selbstverbrennung. Welches Leid er diesen Menschen zugefügt hat, finde ich absolut inakzeptabel.
Es ist anzunehmen, dass der (angebliche) politische Hintergrund eher eine Alibifunktion hatte. Wenn Widerstand, dann läßt der sich aktiv auch anders gestalten.
rahelrubin 16.11.2017
4. Natürlich
verbrennt sich niemand wegen AKW oder Freiheitskampf oder irgendeinem Motiv, das nicht im eigenen Leben angelegt ist. Vielleicht ist das vorgebliche Motiv ein Punkt, der den Selbstmörder besonders umtreibt. Aber mehr auch nicht. Vielmehr dürften Menschen, die sich selbst verbrennen, an schwersten psychischen Erkrankungen leiden.
karl-ecker 16.11.2017
5. Verbrennt sich wegen einer Politikrichtung
Ob da noch von geistig klaren Kompetenzen ausgegangen werden kann, ist für mich eher zweifelhaft. Er bedachte nicht die schmerzhaften Folgen seiner Handlungsweise und hätten Sie jetzt nicht davon berichtet, hätte es auch keiner gewusst. Es ist bedauerlich, was Menschen sich alles antun aus absolut unwürdigen Motiven.,
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.