"Ein plötzlicher Todesfall" Fünf Gründe, warum Sie Rowlings Buch nicht lesen müssen

Geheimniskrämerei, weltweiter Marketing-Rummel - und nun das: Joanne K. Rowlings neuer Roman "Ein plötzlicher Todesfall" steckt voller Klischees, ist unbeholfen geschrieben und offenbart ein weltfremdes Verständnis von der Realität.

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J.K. Rowling bei der Buchpräsentation in London: Gespenstische Travestienummer
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J.K. Rowling bei der Buchpräsentation in London: Gespenstische Travestienummer


1. Zu viel Sex
Zu viel Sex in einem Buch, kann es das in einer Zeit, in der "Shades of Grey" die Taschenbuch-Bestsellerliste dominiert, überhaupt geben? Joanne K. Rowling beweist mit "Ein plötzlicher Todesfall", dass schon eine einzige Sexszene zu viel sein kann. Besonders, wenn sie an einem Grab stattfindet. Leider belässt sie es nicht bei einer einzigen, das Buch ist voll davon. Allesamt überdrastisch ausgemalt und dabei ziemlich klischeehaft. Und: Nichts gegen Kraftwörter, aber man muss schon einigermaßen weltfremd sein, um der Leserschaft im Jahr 2012 derart penetrant Zotigkeiten vorzusetzen - als wäre dies ein kesser Tabubruch oder gar ein Zeichen schriftstellerischer Reife. Charles Bukowski starb 1994. Es wirkt wie eine gespenstische Travestienummer, wenn er nun in Gestalt einer älteren Tante seine Auferstehung feiert.

2. Zu simpel und zu gekünstelt
Ja, angelsächsische Autoren schreiben weniger verkopft als deutschsprachige Schriftsteller. Wir haben diese These hundertmal gehört. Auch J. K. Rowling formuliert ziemlich simpel - allerdings keineswegs ungekünstelt, sondern mitunter unbeholfen prätentiös. Beispiele:

  • "Und sie holte tief Luft, als hoffte sie, den intensiven Geschmack von Unheil in der warmen Nachmittagsluft wahrzunehmen."
  • "Die vertrauten, ach so geliebten Straßen erschienen ihr anders, fremd."
  • "Er war sowohl aus prinzipiellen, als auch aus persönlichen Gründen dagegen".

" Harry Potter" wurde von einer phantasievollen Geschichte getragen. Fällt die Phantasie, wie bei "Ein plötzlicher Todesfall", weg, bleibt nur klapprige Prosa.

3. Zu realitätsfremd
In "Ein plötzlicher Todesfall" geht es um soziale Konflikte. Rowling schildert sie zugespitzt am Beispiel der erfundenen, englischen Bilderbuchkleinstadt Pagford und ihres sozialen Brennpunkts Fields. Leider erscheint die ganze Ortschaft kulissenhaft. Auch Hogwarts war ein erdachtes Universum. Ein derart krass sozialrealistisch inszenierter Roman wie "Ein plötzlicher Todesfall" aber sollte in Beziehung zur Wirklichkeit stehen. Pagford wirkt vom alltäglichen Großbritannien so losgelöst, als habe man den Ort in einem US-amerikanischen Fernsehstudio aufgebaut: als Mischung aus "Dogville" und den "Simpsons".

4. Platte Figuren
J. K. Rowling lebt seit 2001 auf einem Luxusanwesen, im Alltag dürfte sie sich kaum ungestört bewegen können. Dafür ist sie viel zu prominent. Ihrem Buch merkt man das deutlich an. Soziale Konflikte werden hier auf dem Stand der achtziger und neunziger Jahre verhandelt. Die Unterschicht wird vorgeführt wie in einem Zoo. Man trägt Trainingsanzüge - was sonst? Gekifft wird vor dem Klohäuschen - wo sonst? Vielschichtige, widersprüchliche Figuren sind in diesem Buch kaum zu finden.

5. Es sollte kein Kinderbuch werden
Und genau das ist das Problem. Rowling hat derart verkrampft "für Erwachsene" geschrieben, dass es fast lächerlich wirkt - dabei offenbart sie ein erstaunlich altbackenes Verständnis von Erwachsenenthemen: Sex und Drogen, oha! So mancher britische Teenager dürfte besser darüber Bescheid wissen als Frau Rowling.

Sie wollen trotzdem mehr über das Buch wissen? Dann schauen Sie noch mal in unsere Live-Rezension.

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insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-10000295290 28.09.2012
1. ...Erschreckend...
... ist nicht dass ihr Buch ein vermeintlicher Flop ist... erschreckend ist, dass das Buch auf dieser Seite vor wenigen Tagen noch als Jahrhundertveröffentlichung mit einem Liveticker zum ersten Lesen gehyped wurde... Traurig SpiegelOnline, wie käuflich ihr geworden seid...
arno_schlick 28.09.2012
2. Hat die Frau keine Berater?
Oder weshalb ist sie sich selber bei diesem Werk so auf den Leim gegangen?
DerZauberer 28.09.2012
3. optional
Bei der miserablen Übersetzungs-Qualität vieler hastig auf den Markt geworfener Bücher sind Rezensionen erst dann sinnvoll, wenn sie auf dem englischen Original beruhen. Ist leider eine Tatsache - gute Übersetzungen sind eine Seltenheit mittlerweile, bei "kleinen" wie bei "großen" Autoren. Es schließt sich die Frage an, wie viel "Ahnung" der Rezensent zudem von der britischen Alltagskultur hat und was er von englischen sozialen Brennpunkten gesehen hat. Die Kritik klingt hier nämlich durchaus so, als wäre auch dem Schreiber der Rezension die Realität fremd. Über den schönen Satz "Pagford wirkt vom alltäglichen Großbritannien so losgelöst wirk,..." verliere ich hier kein weiteres Wort. Kurzum: Ich warte auf eine vernünftige umfassende Rezension - oder muss mir dann doch das Buch besorgen und mir selbst ein Bild machen.
gbk666 28.09.2012
4.
Ah..jetzt folgt die Welle von SPON Artikeln über das Buch..vermutlich 4-10 Artikel die man eigentlich genausowenig lesen braucht wie das Buch und diesen Kommentar dazu ;-)
nuelaprofessorin80 28.09.2012
5. Gute Bücher????
...gibt es eine Kausalität,den SPIEGEL und das MANAGER MAGAZIN links liegen zu lassen??? Ja.Unterhaltsame Bücher.Nach einem langen Arbeitstag.Nahc Stress und vielen Schlagzeilen und dem ewwigen Drang-entweder das erkannte im Klo zu verewigen oder einen Kleinkrieg aufm Schreibtisch zum finalen Stadium zu führen.in der tarvis dorsalis..... Exitus.
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