Narco-Kriminalität in Zentralamerika Alle Macht den Drogen

Der Staat entmachtet, die Menschen entrechtet - in seinem Buch "Eine Geschichte der Gewalt" zeichnet Óscar Martínez nach, wie die Narco-Kriminalität die Gesellschaften Guatemalas und El Salvadors zerstört. Und zieht eine Bilanz, die auch uns betrifft.

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In dem Brunnen liegen Leichen, möglicherweise ein oder zwei Dutzend. So genau weiß das niemand, denn die Toten konnten nie gezählt werden. Geschweige denn geborgen. Der Brunnen der kleinen Gemeinde im Westen El Salvadors, in dem verschiedene Gangs ihre Opfer entsorgen, ist 55 Meter tief, aber keine zwei Meter breit. Um die Leichen zutage zu fördern, muss von der Seite ein langer, tiefer Tunnel gegraben werden.

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Ein Gerichtsmediziner nimmt im Jahr 2010 die Aufgabe an. Doch in der Regenzeit muss er beim Graben pausieren, und die Regierung nimmt ihm immer wieder die Gerätschaften ab. 2013, nach über 800 Tagen, ist der Gerichtsmediziner immer noch am Buddeln, sein Ziel erscheint ferner denn je, die Leichen verwesen weiter.

Óscar Martínez
Verlag Antje Kunstmann

Óscar Martínez

Zu finden ist diese grausame Sisyphos-Geschichte in dem Buch "Eine Geschichte der Gewalt", das Langzeitreportagen des salvadorianischen Journalisten Óscar Martínez bündelt. Die Storys um Massengräber und Massenvergewaltigungen, um Massenverelendung und Massenabwanderungen haben im Kern alle dasselbe Thema: die Aushöhlung, ja beinahe Abschaffung des staatlichen Gewaltmonopols in fast allen Ländern Zentralamerikas.

Hier geht alle Gewalt von den Drogen aus. 850 Tonnen Kokain, so Martínez, würden jährlich in den Andenländern Südamerikas produziert, 90 Prozent davon gingen in Richtung USA durch Zentralamerika. Und mit jedem Kilometer, die der Stoff zurücklegt, steige sein Dollarpreis. Koste das Kilo in Nicaragua noch 6000 Dollar, sei es in El Salvador schon 11.000 wert und in Mexiko bis zu 20.000. Eine geografisch bedingte Gewinnkurve, von der profitiert, wer das Sagen hat. Und das sind in El Salvador, Honduras oder Guatemala eben kriminelle Banden. Oder korrupte Teile des Staates. Oder beide Elemente zusammen.

Der Rückzug des Staates aus den Kampfzonen der Narco-Mafia

Die Auswüchse der Gewalt sind bekannt. Christian Povedas erschütternde Dokumentation "La Vida Loca" thematisierte die Vernichtungslogik zwischen den rivalisierenden Gangs Mara 18 und Mara Salvatrucha in El Salvador, der Mafia-Experte Roberto Saviano skizzierte in seinem Kokswirtschaftsdossier "Zero Zero Zero" die Gewaltspirale in Mexiko als martialisches Kettensägennummernspiel. Autor Martínez nun zeichnet in seinem Reportageband - halb Sittengemälde, halb Systemanalyse - nach, wie die Narco-Kriminalität jeden Winkel gesellschaftlichen Lebens in Zentralamerika durchdringt.

Martínez' ausladende Reportagen, in denen die umständliche und unkonventionelle Recherche stets mitthematisiert wird, sind zuvor beim investigativen Online-Magazin El Faro erschienen. Für das Buch hat der Autor sie in drei Blöcke gegliedert: In dem ersten Teil mit dem Titel "Einsamkeit" beschreibt er den Rückzug des Staates aus den Kampfzonen der Narco-Mafia. Es geht zum Beispiel um Bandenbosse in El Salvador, die nicht nur den Kokstransport überwachen, sondern gleich auch noch an der Müllabfuhr und anderen kommunalen Geschäften verdienen.

Oder um Kleinbauern im nördlichen Naturschutzgebiet von Guatemala, durch das die meisten Drogen fließen. Die Kleinbauern werden des Drogenhandels beschuldigt und von ihrem Land vertrieben - das dann unter wenigen mächtigen Koksspediteuren aufgeteilt wird. Das dicht bewaldete, schwer zugängliche, staatlich geschützte Gebiet wird so zum Reservat für Narco-Bosse.

In dem zweiten Teil, "Wahnsinn" lautet der Titel, beschreibt Martínez die weitreichenden Folgen durch die Erosion des staatlichen Gewaltmonopols. Wie etwa unterschiedliche Banden El Salvadors die Gefängnisse unter ihre Kontrolle bringen, in einen rechtsfreien Raum verwandeln und hinter den Gittern Massenmorde an der Konkurrenz begehen. Oder wie die Drogenbosse von Guatemala längst Teil des politischen Systems geworden sind und nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Das wäre ja, wie Martínez schreibt, als würde ein Hund seinen Schwanz jagen.

Nur manchmal beißt sich nach dieser Logik der Hund dann doch in den Schwanz - auf Druck der USA, die ihren "war on drugs" auch über politischen und wirtschaftlichen Druck auf Guatemala führen.

Systematische Versklavung junger Frauen und Massaker

Unter Außenministerin Hilary Clinton begannen die USA, Guatemalas Maßnahmen gegen den Drogenhandel großzügig zu subventionieren - allerdings unter der Auflage, dass das Land einen erheblichen Teil des eigenen Staatshaushalts ebenfalls dafür investiert. Und folglich nicht in Bildung und Soziales. Ein hochrangiger guatemaltekischer Politiker macht deshalb eine bittere Rechnung vor Martínez auf: Weil 20 Millionen US-Bürger harte Drogen konsumieren, muss Guatemala 40 Prozent seines Budgets in den Krieg gegen diese Drogen fließen lassen.

Das Elend in Zentralamerika weist demnach längst über die Region hinaus - auch wegen der Menschenströme, die Martínez bereits in seiner Großreportage "The Beast" beschrieben hat und die er nun im dritten Teil seines neuen Buches, "Flucht" betitelt, noch einmal thematisiert. Da geht es zum Beispiel um die systematische Versklavung junger Frauen, die auf dem Weg in die USA sind. Oder um das Massaker, das die mexikanische Drogenbande Los Zetas an 268 salvadorianischen Flüchtlingen begangen hat, um klarzustellen, dass niemand abgabefrei ihr Revier durchquert.

Flucht als Erfahrung absoluten Ausgeliefertseins und kompletter Rechtlosigkeit - so wirft Óscar Martínez' Rechtsstaat-Requiem auch ein Licht auf die Flüchtlingsströme, die in Richtung Europa unterwegs sind.

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
geheimerbesen 10.04.2016
1. Die Lösung....
...liegt auf der Hand und sie brennt danach. Drogen legalisieren und der Mafia die Einnahmen entziehen. Umso länger man wartet, umso mehr wächst die Mafia und kann sich mehr alternative Einnahmequellen sichern. Es steht eine UN-Versammlung zum Drogen an. Man darf gespannt sein.
feurig 10.04.2016
2.
Man könnte mit einem Schlag die gesamte Drogenkriminalität stoppen, wenn man bloß rational denken würde. Aber nein, lieber den ungebildeten Wählerschichten imponieren und für tausende Tote verantwortlich sein: sei es bei den Drogenkriegen in Südamerika oder bei unfreiwilligen Überdosierungen und Vergiftungen mit Verunreinigungen.
galbraith-leser 10.04.2016
3. Typische Henne-Ei-Problematik
Was war zuerst da: das Angebot an Drogen, dass dann gemäß der Angebotstheorie die entsprechende Nachfrage generiert oder war zuerst die Nachfrage da, die die Drogenbosse beliefern? War die Nachfrage zuerst da, sind die US-Amerikanischen Kunden an dem Elend Schuld. War zuerst das Angebot da, sind es die Drogenbosse. Aber diese Frage ist im Massensterben wohl nur hypothetischer Natur.
brüggebrecht 10.04.2016
4.
Ich bin...einfach sprachlos. Soviel Gewalt, Hass, Ausbeutung, Unterdrückung. Wahrscheinlich steht am Anfang all dieser Spiralen die Armut und die Ungleichheit der Menschen. Oder die Religion. Oder die Nation. Leider glaube ich mittlerweile, dass die Bestie Mensch niemals in der Lage sein wird, friedlich miteinander zu koexistieren.
MichaelundNilma 10.04.2016
5. Auch Europa ist betroffen
Auch in Europa gibt es Staaten, in denen kriminelle Großstrukturen, den Staat immer wieder erfolgreich herausfordern, indem sie durch ihre schiere Überzahl für alle Bürger eine gefährliche Macht darstellen, denen zumindest unser Staat hilflos gegenübersteht. Besonders auffällig sind diesbezüglich Italien mit Mafia und Co., Rußland mit seinen kriminellen Banden, mit Strukturen bis in den Staat hinein, Bulgarien und die Ukraine. Auch Deutschland, als Rückzugsraum der Mafia und hochkriminelle arabische Großfamilien, sowie afrikanischer Rauschgiftdealer in großer Zahl, stellen eine große Gefahr dar, die von den einzelnen Bundesländern bisher nicht ernsthaft in Angriff genommen worden ist und eher unter krimineller Folklore zu laufen scheint. Dies wird besonders deutlich, wenn arabische Clans den Flüchtlingen am Flugplatz Tempelhof erklären, wessen Gesetze hier gelten und wer das Sagen hat. Gemeint ist nicht unser Rechtsstaat, sondern arabisches Clanrecht. Die Staatsanwaltschaft Bremen sagte, sich ausbreitende arabische Clans mit 100 und mehr Familienmitgliedern, im Milieu der Schwerst – und Drogenkriminalität, mit eigenem islamischen Recht, sind schwer zu bekämpfen, da sie sich alles und jeden kaufen oder bedrohen können. Sie sind auch dadurch geschützt, das Familienmitglieder sich nicht gegenseitig belasten müssen. Die italienische Polizei bekämpft Schwerstkriminalität erfolgreich durch Einzug der durch Kriminalität „erwirtschafteten Gelder“ indem sie einen Herkunftsbeweis verlangt. In Deutschland ist es umgekehrt. Hier muß die Herkunft des Geldes erst geklärt und bewiesen werden, daß das Geld durch kriminelle Handlungen erworben wurde, bevor es eingezogen werden darf. Ein aussichtsloses Unterfangen. Für die Polizei erschwerend ist auch, das Verdächtige gleich wieder auf freien Fuß gesetzt werden oder sehr milde Strafen verhängt werden.
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