Sexualität und Zeitgeschichte Im Bett mit Hitler

Hakenkreuz auf dem Penis, Holocaustliteratur zwischen den Laken: Der Isländer Eiríkur Örn Norðdahl erzählt in "Böse" von der Liaison eines Neonazis und einer Jüdin. Ein Assoziations- und Kopulationsreigen über die Amoral des Eros.

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Wohin mit all den Toten? Was tun mit all den abstrakten Zahlenkolonnen? Wie leben im Schatten all der Superlative des Grauens? Am Anfang und am Ende der Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg stehen immer wieder die blanken monströsen Zahlen, die man hin- und herschieben kann, ohne dass man die Schrecken dahinter in den Griff bekäme. Die sechs Millionen, die 17, 45, 80 Millionen Toten. Je nachdem, welchen Fokus auf den Krieg man wählt.

Auch Agnes, die junge Heldin in dem Roman "Böse" des Isländers Eiríkur Örn Norðdahl, schiebt und schiebt und schiebt die Zahlen hin und her. In ihrer kleinen Studentenwohnung türmt sich Literatur über Holocaust und Massenvernichtung, nachts verwandelt sie die Zahlenketten in Menschenketten, rechnet sich aus, wie oft die aneinandergereihten Leichen bis zum Mond reichen würden und ähnliches. Wer kann es ihr verdenken, dass sie tagsüber zu einer gewissen Gereiztheit neigt?

"Sechs Millionen, 17, 45, 80 Millionen Tote", werden dann auch einmal im Roman die entsprechenden Zahlen runtergerattert und dazu ausgeführt: "Schützengräben, Völkermorde, Atombomben und Gulags - und dann spätestens kriegt man beim Lesen Ohnmachtsanfälle, eine Erektion oder Brechreiz - oder alles zugleich." Sagen wir mal so: Das Abstrakte der großen Menschheitsverbrechen führt in "Böse" zu äußerst körperlichen Reaktionen.

Der SM-Porno als Überlebenshilfe

Denn der Roman ist - trotz aller historiografischen Rechenbeflissenheit - auch eine Geschichte über die Liebe, die Lust und vor allem: die Amoral des Eros. Agnes, die Frau im Zentrum der Geschichte, ist die Tochter von nach Island ausgewanderten Litauern mit jüdischen Wurzeln. Sie brütet eine Masterarbeit zum Thema Holocaust aus. Ein Thema, dass sie sowohl von der Masse des Materials als auch von der Unverstellbarkeit des Grauens zu erschlagen droht. Dass Agnes eine Dreiecksgeschichte mit zwei Männern unterhält, macht ihr Leben nicht einfacher.

Auf der einen Seite steht Ómar, ein Bummelstudent, schlicht im Gemüt und ziemlich antriebslos. Auf der anderen Seite Arnór, ein Neonazi, gerissen und ganz offen triebgesteuert. Auf 650 Seiten lässt Norðdahl die drei im Schatten der Menschheitsverbrechen durch die Betten irren. Es geht um Adolf Hitler und Eva Braun, um Cockrings und imaginierte Hakenkreuze auf erigierten Penissen.

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Irgendwann streift der Assoziations- und Kopulationsreigen auch das Phänomen der israelischen Stalag-Literatur: In den sechziger Jahren wurden in Israel massenhaft Groschenhefte konsumiert, in denen nationalsozialistische KZ-Wärterinnen mit prall gefüllten und weit geöffneten Blusen britische Kriegsgefangene als Sexsklaven missbrauchen. Man geht davon aus, dass der Großteil der Konsumenten dieser Heftchen männliche Holocaust-Überlebende waren, die über die Pulp-Literatur ihre Traumata verarbeiteten. Der SM-Porno als Überlebenshilfe. Das Verhältnis von Agnes zum rechtsradikalen Mannsbild Arnór ist anfänglich ähnlicher Natur wie das der jüdischen Stalag-Heftchen-Leser zu den darin gefeierten Nazi-Bräuten: ein Imaginationsraum, in dem das Nichterinnerbare bzw. Unvorstellbare durchlebt wird.

Obwohl Norðdahl, Jahrgang 1978, äußerst lustvoll aus der Grauzone zwischen Geschichtswissenschaft und sexueller Fantasie erzählt, ist "Böse" alles andere als ein Geschichtsporno geworden. Der Autor zeigt vielmehr gekonnt den Objektkult und die Mechanismen der Fetischisierung auf, die rund um die monströsen Daten und die monströse Emblematik des Zweiten Weltkrieges herrschen.

Aber nicht nur das - es gelingt Norðdahl auch, aus der anfänglich konstruiert wirkenden Liebeskonstellation aus Geisteswissenschaftlerin, Neonazi und Studentenniete die Entstehungsgeschichte einer etwas anderen Patchwork-Familie zu generieren, und dieser folgt man tatsächlich gerne bis zu der Geburt des Babys Snorri, das aus Ich-Perspektive von seiner Ankunft im Chaos aus Neofaschismus und Antifaschismus erzählt.

Eiríkur Örn Norðdahl hat ein grausames, zuweilen grausam komisches Buch darüber geschrieben, wie Ideologie und Geschichte unsere intimsten Sphären durchdringt. Böse.

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