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Pop-Geschichte der Achtziger: Als Düsseldorf Kulturhauptstadt war

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Düsseldorf: Der Sound der Beuys- und Bauhauskinder Fotos
Corbis

Zwischen Kunstakademie und Werbebranche: Ein neues Buch erzählt, wie Düsseldorf zur wichtigsten Kulturstadt der alten Bundesrepublik wurde - und international bedeutende Bands wie Kraftwerk hervorbrachte.

So langsam nerven der Ernst und das Pathos, mit dem die Band Kraftwerk sich wieder und wieder zum Klassiker der Moderne erklärt. Gerade hat sie bekannt gegeben, dass sie im Januar 2015 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin an acht Abenden hintereinander ihre acht Alben aufführt. Im Museum of Modern Art in New York hat Kraftwerk 2013 ähnliches gemacht. Ja, diese Band ist wichtig. Ja, sie kommt aus Düsseldorf. Ja, die Geschichte elektronischer Musik wäre ohne sie anders verlaufen. Ist noch was?

Nimmt man "Electri_City" zur Hand, das neue Buch des Musikers und Autors Rüdiger Esch, das zum ersten Mal die Geschichte jener Szene erzählt, aus der Kraftwerk hervorging und einige andere Bands auch, muss man sagen: Ja, da ist noch was.

Denn dieses elektrische Düsseldorf der späten Sechziger, Siebziger und frühen Achtziger war nicht nur der Geburtsort der elektronischen Musik, das Mississippidelta des Techno, wie es der Musikkritiker Simon Reynolds einmal mit Anspielung auf die Wurzeln des Rock im Blues genannt hat. Diese Stadt war wahrscheinlich für ein paar Jahre auch die Kulturhauptstadt der alten Bundesrepublik. Nicht München, nicht Hamburg, nicht Köln und erst recht nicht Berlin.

Die Kinder von Beuys, Bauhaus und den Beatles

Nirgendwo wurde das deutsche Selbstverständnis der Nach-Wirtschaftswunderland-Jahre so vollkommen ausformuliert wie hier - wobei "ausformuliert" wahrscheinlich das ganz falsche Wort ist. Für dieses Deutschland sind die Dichter und Denker ja viel weniger wichtig als die Ingenieure und Werbetexter, die Industriedesigner und Bildenden Künstler. Die jungen Kreativen und das große Geld kommen hier zusammen. In einem eigenartigen Dreieck zwischen Altstadt-Bohème, Kunstakademie und Werbeindustrie. Und heraus kommen eben nicht nur Gerhard Richter, Sigmar Polke, Jörg Immendorff und Markus Lüpertz. Sondern auch die elektronische Popmusik. Die erste deutsche Musik, die es sich herausnimmt, mit der Übermacht der anglo-amerikanischen Popmodelle zu brechen - und gerade dadurch in England und Amerika so einflussreich wird. Es ist der Sound der Kinder von Beuys, Bauhaus und den Beatles. "Electri_City" von Rüdiger Esch erzählt ihre Geschichte nun zum ersten Mal.

Das Buch hat seinen tragischen Helden, den Produzenten Conny Plank, der von den ersten Kraftwerk-Alben Anfang der Siebziger bis zu den Meisterwerken von DAF bei fast allen wichtigen Aufnahmen hinter den Reglern saß und die große Integrationsfigur dieser Szene war. Sein Studio war in einem umgebauten Bauernhof in Wolperath bei Düsseldorf, es ist einer der legendären Orte des deutschen Pop. 1987 starb Plank an Krebs.

Dann gibt es die verfeindeten Lager: Kraftwerk auf der einen Seite, die unbestritten wichtigste Band der Stadt, Millionärssöhne, international erfolgreich, die sich ein Image als Kunstfiguren erfinden, in die sie sich dann irgendwann wirklich zu verwandeln scheinen. Die beiden Chefs der Band, Ralf Hütter und Florian Schneider, waren sich allerdings zu fein, mit Esch für das Buch zu sprechen.

Auf der anderen Seite die Band Neu! mit Klaus Dinger, ganz am Anfang selbst einmal Kraftwerk-Trommler, dann die eine Hälfte von Neu! und Kopf von La Düsseldorf. Dinger war der Erfinder des "motorischen Groove", ein schwieriger, genialischer Typ, der sich schlussendlich durch Alkoholismus, falsche Entscheidungen und erratisches Verhalten selbst um die ganz große Karriere brachte.

Viele Dutzend Interviews hat Rüdiger Esch, selbst eine Weile Teil der Band Die Krupps, für sein Buch geführt. Nicht nur mit Düsseldorfer Musikern, auch viele Engländer kommen zu Wort, Andy McClusky etwa, der Gründer von Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD. Der britische Synthie-Pop der Achtziger wäre ohne die Musik aus Düsseldorf nicht vorstellbar gewesen. Auch Iggy Pop kommt vor - er lebte Mitte der Siebziger mit David Bowie in Berlin. Bowies Berliner Platten waren maßgeblich vom Düsseldorfer Sound beeinflusst. Michael Rother, die andere Hälfte von Neu!, ist noch so ein tragischer Held des Buchs: eine Plattenfirmen-Intrige kostete ihn den Job als Gitarrist in Bowies Berliner "Heroes"-Session.

Abneigung gegen Rock

Ende der Siebziger kommt dann die zweite Generation. Punks wie DAF, die das Düsseldorfer Elektro-Pop-Konzept mit Stücken wie "Der Mussolini" auf die Spitze treiben. Und Die Krupps, die mit "Wahre Arbeit, wahrer Lohn" beinahe berühmt geworden wären. Das Buch endet im Jahr 1986, mit dem internationalen Erfolg des Synthie-Pop-Acts Propaganda, der noch einmal alles zusammenbringt, was den Düsseldorfer Pop so groß gemacht hatte, das popistische Flirten mit schweren deutschen Zeichen, den Willen zur musikalischen Zeitgenossenschaft, die Abneigung gegen das traditionelle Bandkonzept des Rock, die Freude an der Arbeit im Studio.

Esch hätte das Buch hier nicht enden lassen müssen. Die erfolgreichste deutsche Band der vergangenen dreißig Jahre ist genau aus dieser Szene hervorgegangen, die Toten Hosen. Campino hing auch im Ratinger Hof herum, dem Wohnzimmer der zweiten Düsseldorfer Pop- und Kunstgeneration. Der Manager der Hosen arbeitete vorher für DAF und Fehlfarben.

Tatsächlich kommen die Toten Hosen im ganzen Buch aber nur einmal vor, in einem Nebensatz. Was irgendwie schlüssig ist, mit Avantgarde, Experiment und Elektronik hat diese Band nun wirklich nichts zu tun. Dass es nicht immer die Innovateure sind, die den großen Ruhm abbekommen, und dass die prägenden Bands manchmal einfach die sind, die lange genug dabei bleiben, die sich nicht zerstreiten, die, die die richtigen Entscheidungen treffen und die Kraft haben, den langen Weg zu gehen - das hätte auch eine gute Pointe des Buchs sein können.

Abgesehen davon, dass die Toten Hosen spätestens am Wahlabend 2013, als der CDU-Generalsekretär ihren Hit "Tage wie dieser" sang, ja auch zur Staatsband der neuen Bundesrepublik geworden sind. Da ist sie dann noch mal, die Kulturhauptstadt Düsseldorf.

Lange hat man sich in Deutschland schwergetan mit der Pop-Geschichte. Schaute lieber nach England und in die USA und machte sich deren Geschichten zu eigen. Zusammen mit "Verschwende Deine Jugend", Jürgen Teipels großartigem Buch über die deutsche Punkszene, "Der Klang der Familie" von Felix Denk und Sven von Thülen, das Aufstieg und Fall der Berliner Technoszene erzählt, ergibt "Electri_City" ein Triptychon des deutschen Pop-Underground. Fehlt nur noch eine Geschichte von Disco in München. Und eine der Hamburger Schule.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Wo ist denn der Plan geblieben?
chromakey 08.11.2014
Also Atatak sollte schon hier erwähnt werden, der Plan, Pyrolator und Andreas Dorau nur mal so.
2. Östro430
Gorge11 08.11.2014
sag ich nur.
3. Das Beste
Skakesbier 08.11.2014
an D'doof ist der ICE nach Köln!
4. Pop-Kulturhauptstadt der 80er?
Phenar 08.11.2014
Ja, wenn man sich das nur lange genug selbst einredet, dann glaubt man bald auch daran. Das kraftvollste war noch der Name der Band, ansonsten blutleere Synthie-Askese für damals irgendwie noch nicht ganz im Leben angekommene Yppies. Da lobe ich mir hingegen die wirklich kraftvollen Krautrock Bands und Musiker wie Tangerine Dream, Ash Ra Tempel, Can, Grobschnitt, Klaus Schulze u. a.
5. Kraftwerk
Tyrone 08.11.2014
Es gibt tatsächlich gute Musik von Kraftwerk, die erste Platte als sie noch Organisation hiessen, Live Aufnahmen von '71 aus Bremen mit Dinger & Rother. Die veröffentlichen Platten allerdings sind schlicht uninteressant, wohlgeformte Produkte, die schon damals sich hauptsächlich als Fahrstuhlmusik eigneten. Wenns um Einfluß auf spätere Musik geht sollte man eher über den Rhein gucken, da gibt dann CAN...
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