"Electroboy" Andy Behrman "Ich war der American Psycho"

Andy Behrman war die Ausgeburt der achtziger Jahre: elegant, erfolgreich, sexy. Filmemacher, PR-Agent und Kunsthändler, Kunstfälscher, Drogenopfer und Stricher. Und manisch-depressiv, was erst 19 Elektroschocks heilen konnten. Jetzt wird das Leben des "Electroboy" mit Tobey Maguire verfilmt.

Von Tobias Rüther


Entrepreneur Behrman: "Ich bin der Electroboy"
Frank Schwere / MONOPOL

Entrepreneur Behrman: "Ich bin der Electroboy"

Er rast. Über drei rote Ampeln auf der Foothill Road in Los Angeles, mit achtzig Meilen in der Stunde und dem Radio bis zum Anschlag aufgedreht. Eine Polizeistreife folgt ihm, stellt ihn. Was ist los, fragt der Streifenpolizist. Wenn ich ehrlich sein soll, sagt der Electroboy, bin ich gerast, mit achtzig Meilen pro Stunde über drei Ampeln und der Musik bis zum Anschlag. Es waren vier Ampeln, antwortet der Polizist, und 82 Meilen. Schnallen Sie sich bitte ab, sagt der Polizist dann. Der Electroboy schnallt sich ab. Ich muß Ihnen einen Strafzettel über 40 Dollar wegen Fahrens ohne Gurt geben, sagt der Polizist. Weil Sie so ehrlich waren. Thanks, dude, antwortet der Electroboy und fährt davon.

Andy Behrman, der Electroboy, ist noch einmal davongekommen. Mit einem Strafzettel und mit dem Leben. Einige Monate zuvor war er von einem schnellen Auto angefahren worden, mitten auf dem Wilshire Boulevard in Beverly Hills, sein Kopf war durch die Windschutzscheibe gekracht, er hatte dem Fahrer kurz ins Gesicht sehen können, bevor er auf den Asphalt geschleudert wurde, fast unverletzt. Und Jahre zuvor hätte nicht viel gefehlt, und Andy Behrman, der Electroboy, hätte sich eine Pistole in den Mund gesteckt und abgedrückt. Um der Raserei und den Vollbremsungen, den Aufstiegen und Abstürzen für immer ein Ende zu bereiten, um die manische Depression abzuschütteln, die ihn seit seiner Kindheit im Klammergriff hielt.

Er lebte die Achtziger

Stattdessen jagten die Ärzte neunzehn Mal Strom durch seinen Körper, im Gracie Square Hospital von Manhattan. Die Schocks beendeten seine Qual. Endlich hat jemand mein Gehirn repariert, schrieb Andy Behrman, den eine Krankenschwester nach der ersten Schocktherapie "Electroboy" taufte, bald darauf in seine Autobiographie. Sie ist bislang in sieben Ländern erschienen, im vorigen Jahr auch auf Deutsch. Ab März werden Behrmans manische Memoiren mit Tobey Maguire in der Hauptrolle verfilmt. "Spiderman" spielt dann den wahren "American Psycho".

Wenn man liest und dann bald auch auf der Leinwand verfolgt, wie Behrmans Leben die Kunst imitierte, läuft es einem kalt den Rücken herunter: Andy ist nichts weniger als ein Doppelgänger der Romanfiguren von Bret Easton Ellis oder Jay McInerney. Keine Projektionsfläche für die Begierden und Gelüste der Reagonomics wie der Serienkiller und Dressman Patrick Bateman, den Bret Easton Ellis erfand, sondern aus Fleisch und Blut. Andy Behrman war da. Er lebte die Achtziger. Electroboy war ihre Ausgeburt.

Er raste. In einer Bundfaltenhose von Ralph Lauren oder einem geklauten Anzug von Armani. Oder gleich ganz nackt. Mit zwei Trägern Bier oder einer Fingerspitze Kokain im Blut, das Andy sich in die Augenwinkel reibt, damit es sofort ins Gehirn schießt und ihn in die Sterne über New York katapultiert. Er schlägt auf am Times Square. Er schlägt immer am Times Square auf. Times Square ist seine Absteige. Es ist sein Wohnzimmer. Ein neonbeleuchteter Tatort, ein Puff in Stadiongröße, eine Unterwelt, nach oben gekehrt. Es ist 1984, 1987 oder 1989. Es ist fünf Uhr morgens oder fünf Uhr nachmittags. Andy ist Filmproduzent, Zuhälter, PR-Agent, Stricher und Kunsthändler. In dieser Reihenfolge, oder alles auf einmal.

The boy about town

Der "Electroboy" ist er noch nicht, und auch zum verurteilten Kunstfälscher wird er erst später. Jetzt ist er nur total überschuldet, weil er Geld für ein Filmprojekt veruntreut hat, aber zugleich sehr reich, weil er mit Kunst handelt - und der Kunstmarkt in Zeiten von Jean-Michel Basquiat und Julian Schnabel eine Goldgrube ist. Andy verstaut seine Dollar und Deutschmark in dicken Bündeln im Gefrierfach neben einem Becher Chunky-Monkey-Eis von Ben & Jerry's. Oder er gibt sie gleich bündelweise aus. Für Kaschmirpullover bei Barney's. Für einen Flug nach Tokio und Teebaumöl-Schampoo von Kiehl's. Für die Neopop-Gemälde von "figuration libre", für Küchengeräte von Bloomingdale's. Für Pornovideos, Restaurants und teure Appartments an der Upper Westside von Manhattan.

Behrman-Buch "Electroboy": "Manische Memoiren"

Behrman-Buch "Electroboy": "Manische Memoiren"

Andy ist der boy about town, ein Hans Dampf in allen Gassen. Doch er ist schwerkrank, was kaum einer weiß, seine Familie nur ahnt, seine Psychiater allenfalls unklar diagnostizieren. Narzißtische Persönlichkeitsstörung, sagen die Ärzte, was nur die Spitze des Eisberges ist. Andy beginnt irgendwann über diese Diagnose zu lachen, er hat sie so oft gehört, geändert hat sie nichts. Die Ärzte verschreiben ihm Tabletten, Prozac zum Beispiel, oder Dekapote, Neurontin, Wellbutrin, Risperdal, Zyprexa, Trazodone, Effexor, Klonopoin, Zoloft, Paxil, Serzone, Tegretol, Artane, Ativan. Oder sie verschreiben ihm keine Tabletten, mit dem gleichen Ergebnis. Die Fehldiagnosen kommen auch deshalb zustande, weil Andy verschweigt, wie viele Drogen er nimmt. Sehr viele nämlich. Sehr, sehr viele.

Pornofilme in braunen Papiertüten

Zudem geht Andy nur dann zum Arzt, wenn er depressiv ist, und nicht, wenn er manisch ist, wenn er rast, wenn er als PR-Agent bis zum Lunch drei neue Kunden in seine Kartei aufnimmt und bis zum Dinner zwei weitere, wenn er zweiundzwanzig Stunden täglich arbeitet. Diese manischen Phasen der Krankheit sind leicht mit kreativen Schüben zu verwechseln. Und Andy ist in solchen Schüben witzig, schnell, elegant sowieso, ein Star. Das mögen seine Arbeitgeber, Armani zum Beispiel, dessen New Yorker Niederlassung er aufzubauen hilft. Oder die Diätwunderheiler, deren Bücher er als PR-Agent reihenweise in die Beststellerliste der New York Times hievt. Oder Cornelia Guest, eine Paris Hilton ihrer Zeit. Und schließlich Mark Kostabi. Ein Konzeptkünstler, dessen Firma "Kostabi World" in seinem Namen am Fließband Bilder anfertigt - das ist das Konzept.

Andy hält diese Bilder gesichtsloser Comicfiguren in bracher Landschaft für bescheuert. Schaut man sie heute an, ist einem schier unbegreiflich, wie die Leute damals so viel Geld für diesen Mädchenzimmersurrealismus ausgeben konnten. Doch sie finden reißenden Absatz, besonders in Japan. Also steigt Andy ein und immer weiter nach oben, denn sein Verkaufstalent ist enorm. Nachts aber schlägt er immer noch am Times Square auf.

Überall blitzt es

Der ist fünfzehn Jahre später schrill erleuchtet, morgens, nachmittags, abends, nachts. Die Seitenstraßen des Broadway um den Times Square hat Bürgermeister Giuliani vor einiger Zeit mit eisernem Besen gesäubert, besonders die berüchtigte 42nd Street, in deren Pornogeschäften Andy Behrman Videos (hetero, schwul, Bi, Gruppensex, orientalisch, Amateure) in braunen Papiertüten kaufte - und wo die Nutten (männlich, weiblich, beides) auf Kundschaft warteten. Zero Tolerance, hieß die Parole, bis heute durchgepaukt. Inzwischen hat der Bertelsmann-Verlag aus dem ostwestfälischen Gütersloh seine amerikanische Konzernzentrale am Times Square in den Himmel gebaut. MTV betreibt sein Studio hier. Überall blitzt es, filmen Kamerateams. Der BBC dreht hier seine wöchentliche Kinosendung. Mitten auf dem Times Square rekrutiert die US-Army neue Soldaten.

Vor dem Virgin Megastore steht sich eine Spiderman-Figur im dünnen Kostüm an diesem kalten, sonnigen Winternachmittag die Beine in den Bauch, läßt sich von Passanten aus Ohio, Osaka und Oldenburg bestaunen. Es müssen ungefähr eine Million Menschen gleichzeitig auf diesem breiten Boulevard unterwegs sein, so fühlt es sich jedenfalls an: eng, grell, hektisch, ätzend. Eine Touristenfalle, das ist Times Square heute. Der unruhigste Ort der Welt. Hier will sich Andy Behrman verabreden. Ausgerechnet hier. Natürlich hier. Andy, der Electroboy, steht regungslos vor der "US Armed Forces Recruiting Station" und telefoniert, während er sich fotografieren läßt. Sein Handy klingelt ständig, ob auf dem Times Square oder später bei Howard Johnson's, dem Diner an der Ecke von Broadway und 46ster Straße, einer New Yorker Institution, seit Urzeiten an dieser Stelle geöffnet.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.