Ferrante-Fieber Der unbekannte Weltstar

Eine anonyme Schriftstellerin, vier Bestseller über Frauen in Neapel - und einer der größten literarischen Hypes überhaupt. Wie wurde Elena Ferrante zur internationalen Sensation?

Neapel, 1955
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Neapel, 1955

Von Stefan Mesch


1991: "Von all Ihren Autoren werde ich diejenige sein, die Sie am wenigsten belästigt. Ich werde Ihnen meine Anwesenheit ersparen", schreibt eine Unbekannte an Sandra Ozzola Ferri und ihren Mann Sandro. Seit 1979 leitet das Paar einen Verlag in Rom, Edizioni e/o. Ein Freund sagt ihnen, eine Frau in Neapel arbeite an einem Buch. Doch sie hat eine Bedingung: Es soll unter Pseudonym erscheinen. Denn Romane, schreibt sie, stehen am besten für sich allein. Ein Autor, der Werbung macht? Sich öffentlich erklärt? Nicht nötig!

1992: Im Debütroman "Lästige Liebe" erzählt eine verzweifelte Frau in Neapel, wie ihre Mutter verschwand. Das Buch gewinnt einige Preise und wird drei Jahre später von Mario Martone, Regisseur aus Neapel, verfilmt. Die Autorin nennt sich Elena Ferrante und gibt nur wenige Interviews - alle schriftlich.

2002: Erst zehn Jahre später erscheint ein neuer Roman: In "Tage des Verlassenwerdens" erzählt eine verzweifelte Mutter in Turin vom Leben als Alleinerziehende, nachdem ihr Mann verschwindet. Das Buch wird drei Jahre später von Roberto Faenza, Regisseur aus Turin, verfilmt.

2005: Die Verleger und eine Agentin, Clementina Liuzzi, kennen die Autorin jetzt persönlich. Doch sonst weiß keiner, wer hinter dem Pseudonym steckt. Zwischen 2003 und 2007 erscheinen drei Ferrante-Romane auf Deutsch, bei List und DVA, mit passablen Kritiken. "Days of Abandonment", der Scheidungsroman, wird 2005 ein kleiner Erfolg in den USA: Das Buch ist der erste Titel im Verlagsprogramm von Europa Editions, einem neuen, zweiten Verlag von Sandra und Sandro Ferri für gehobene Unterhaltungsliteratur auf Englisch.

2006: In Ferrantes drittem Buch, "Die Frau im Dunkeln", erzählt eine verbitterte Professorin, wie sie der Karriere zuliebe ihre Töchter verließ. Aus Neid und Eifersucht stiehlt sie am Strand die Puppe eines kleinen Mädchens und bringt es damit tagelang zum Weinen. Eine Puppe, die zur Hauptfigur wird in...

Der Vulkan Vesuv
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Der Vulkan Vesuv

2007: ...Ferrantes bislang einzigem Kinder- und Bilderbuch, "The Beach at Night". Ende 2016 erscheint der düstere, kaum 30 Seiten lange Text über vergessenes Spielzeug auf Englisch. 2007 waren Italiens Buchhändler "eher ratlos", sagt Verlegerin Sandra Ferri. Denn nach drei Romanen hat Ferrante jetzt ein festes Publikum und einen Ruf: Es geht um Ich-Erzählerinnen im Abseits. Um schlichte Sprache, große Traumata, Rivalität und Feminismus. Zerquälte Frauen, mit dem Rücken zur Wand.

Oktober 2011: Ferrantes wichtigstes Projekt gerät außer Kontrolle - ein Neapel-Roman über die strebsame Elena, die in der ersten Klasse, Mitte der Fünfzigerjahre, eine beste Freundin findet: Lila, störrisch und grausam. Als Teenager wollen sie dem trostlosen Viertel und ihren brutalen, verzweifelten Familien entkommen - doch werden dabei immer wieder zu Rivalen. Als alte Frau verschwindet Lila, wie viele Ferrante-Figuren, spurlos. Doch weil die Handlung nach 400 Seiten erst das Jahr 1961 erreicht, schlägt der Verlag vor, das Buch als Mehrteiler zu veröffentlichen: Band 1, "Meine geniale Freundin", wird in Italien zum Bestseller. Ende August 2016 erscheint es auf Deutsch.

2012: Noch rechnen alle mit einer Neapel-Trilogie. Doch Elenas Geschichte wird zum Quartett: vier Bände über Liebe, Wut und Eifersucht zwischen Frauen, von der Grundschulzeit und Jugend (Band 1) über die Achtzigerjahre ins Jahr 2005 (Band 4), je fast 500 Seiten. Von 2011 bis 2014 erscheint jeden Oktober ein Band in Italien; von 2012 bis 2015 erscheint jeden September ein Band in Übersetzung auf dem englischsprachigen Markt. In Italien werden die Bücher Bestseller. Doch noch ist nicht absehbar, dass Ferrante durch diese "Neapolitanische Saga" zum Weltstar wird.

Neapel und die Prozessionen: Hier für den Mafiaboss Lucky Luciano im Jahr 1962
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Neapel und die Prozessionen: Hier für den Mafiaboss Lucky Luciano im Jahr 1962

April 2012: Hässlich, kleinlich, ungeschminkt, persönlich: Seit April erzählt Lena Dunhams TV-Serie "Girls" von Freundschaft, Wut und Eifersucht zwischen Frauen unter 30, die sich im Lauf von sechs Staffeln immer wieder annähern und entfremden. Im selben Monat erscheint Band 1 von Karl Ove Knausgårds "My Struggle" in englischer Übersetzung - der 3600 Seiten lange persönliche Bericht eines Norwegers in sechs Teilen: intim, mäandernd, überraschend sperrig. Entblößung und Autofiktion werden im US-Kulturbetrieb zum Thema der Stunde.

August 2012: Literaturexperte James Wood ("Die Kunst des Erzählens") empfiehlt Knausgård im "New Yorker", und bricht dabei eine Lanze für persönliche, lange Texte. Auf dem US-Markt hat aus Fremdsprachen übersetzte Literatur einen Marktanteil von drei Prozent (in Deutschland, Sachbücher inklusive: 12 Prozent). Doch durch James Wood wird Knausgård zum gefragten Geheimtipp.

September 2012: Band 1 des "Neapel-Quartetts" erscheint auf Englisch, bei Europa Editions. Edizioni e/o, der italienische Verlag der Ferris, veröffentlicht pro Jahr knapp 60 Titel; auch deutsche Klassiker wie Christa Wolf, Marlen Haushofer und Unterhaltung wie Rita Falk, Axel Hacke, Alina Bronsky. Europa Editions bringt jedes Jahr 30 Titel nach unter anderem Nordamerika: Jane Gardam, französische Krimis, Boualem Sansal. Oft literarische Unterhaltung mit Gesellschaftskritik, die vor allem kleine, unabhängige US-Bookstores begeistert: Ende 2012 steht Ferrante auf Platz sechs der ABA Indie Bookseller List.

Oktober 2012: "Wie grausam, jetzt auf Band 2 warten zu müssen", schwärmt Eugenia Williamson im "Boston Globe". Die "New York Times" stellt Ferrante im Dezember vor, recht nüchtern und knapp: "Ein scharfsinniger Roman, kompetent übersetzt" sind Juliet Lapidos' einzig lobende Worte. Kritiker rechnen weiterhin mit einer Trilogie, keinem Vierteiler.

Januar 2013: James Wood empfiehlt das komplette bisherige Werk Ferrantes im "New Yorker" - in einem langen Text, begeisterter noch als bei Karl Ove Knausgård. Er nennt die Bücher "brutal persönlich" und spekuliert, wer hinter dem Pseudonym steht: Vielleicht ein Mann? Der Roman- und Drehbuchautor Domenico Starnone, 1943 bei Neapel geboren - und damit im Alter der Romanfiguren Elena und Lila?

April 2013: Das Onlinemagazin "Vulture" besucht James Wood und seine Frau Claire Messud in Boston. Messud schrieb 2006 einen zynischen, recht freudlosen Bestseller über Rivalität und Hass zwischen New Yorker Freundinnen, "Des Kaisers Kinder". Wood und Messud schwärmen beide von Ferrante - vielleicht, weil das Quartett ähnliche Themen beschreibt wie Messud? Im selben abgeklärten, matten Stil?

Neapel, Gegenwart
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Neapel, Gegenwart

2014: Nach viel guter Presse in der Vorweihnachtszeit sind die Neapel-Romane jetzt Bestseller im gesamten englischsprachigen Raum. Deutsche Verlage "haben das Phänomen Ferrante lange unterschätzt", spekuliert Ursula Scheel 2016 in der "Frankfurter-Allgemeinen Zeitung": "Schon 2012 sei man auf die Autorin aufmerksam geworden, heißt es zwar bei Suhrkamp. Die Rechte sicherte sich der Verlag aber erst 2014, als der Erfolg schon überwältigend war."

Oktober 2014: Tatsächlich, erklärt Suhrkamp-Lektor Frank Wegner, hat Suhrkamp 2012 schon auf die Übersetzungsrechte geboten. Doch erst auf der Frankfurter Buchmesse 2014, bei einem persönlichen Treffen, holte das Ehepaar Ferri Gebote aller interessierten deutschen Verlage ein und traf eine letzte Entscheidung: "Wir saßen alle am Tisch, mit den Ferris. Es fühlte sich an wie eine mündliche Prüfung. Suhrkamp bekam den Zuschlag, obwohl wir nicht das höchste Gebot abgaben. Weil Ferrante und die Ferris viele Suhrkamp-Bücher kennen und mögen, das Umfeld passend finden."

Herbst 2014: In den USA berichten die "New York Times" und der "New Yorker" jetzt regelmäßig über Ferrante. Der britische Guardian bringt zwei Artikel in zwei Wochen: Autorinnen wie Zadie Smith, Jhumpa Lahiri und Messud sind Ferrante-Fans ("The global literary sensation that nobody knows") und das Rätselraten um Ferrantes Identität geht weiter; nachdem Domenico Starnone dementiert, Ferrante zu sein ("Who is the real literary novelist writing as Elena Ferrante?"). Donna Leon kann die Unbekannte gut verstehen: Leon will ihre Venedig-Krimis nicht in Italien veröffentlichen. Aus Angst, sich in Venedig dann nicht mehr frei bewegen zu können.

Frühling 2015: Die "Paris Review" veröffentlicht ein langes Interview, das Ferrante mit dem Ehepaar Ferri und deren Tochter führte. 2016 folgt eine deutsche Version in "Das Magazin". Ferrante spricht auch immer wieder in den "New York Times": Sie stellt ihre Lieblingsdichterin vor (Amelia Rosselli) oder beantwortet Fragen. Im Oktober veröffentlicht die Frauenzeitschrift Elle Ferrantes Vorwort zu Jane Austens "Sinn und Sinnlichkeit".

März 2015: "Die Literatur-Titanen der Stunde sind Elena Ferrante und Karl Ove Knausgård", schwärmt Joshua Rothman, erneut im "New Yorker": "So, wie man früher fragte: Tolstoi oder Dostojewski? Jedem, dem Gerechtigkeit und Geschichtsbewusstsein wichtig sind, zieht es eher zu Ferrante. Bei beiden ist Gewalt durch Männer ein Problem - doch nur Ferrantes Bücher sind wirklich feministisch."

Die Quartieri Spagnoli in Neapel
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Die Quartieri Spagnoli in Neapel

August 2015: The Economist rechnet: Eine Million verkaufte Exemplare weltweit. Übersetzungen in 27 Sprachen sind in Arbeit, die Rechte in 29 Länder verkauft. Im Frühling 2016 sind sogar 50 Länder.

Oktober 2015: Boulevardzeitungen schreiben jetzt über Ferrante. Im Zentrum steht nicht der Text - sondern ihre Identität. Ist die Autorin im Alter ihrer Figur Elena, über 70? Ferrante selbst sagt nur, dass sie aus Neapel stammt, Geisteswissenschaften studierte, an Universitäten lehrte, Mutter mehrer Kinder sei und mittlerweile allein lebt. "Ihre Fans machen Ferrante zu einer Superheldin. Warum auch nicht?", fragt Elizabeth Mitchell in der "New York Daily Post". "Sie hat alle nötigen Eigenschaften: überragende Begabung, moralische Prinzipien und eine verschleierte Identität."

Ende 2015: Das Neapel-Quartett ist auf Italienisch und auf Englisch komplett erschienen. Erst jetzt häufen sich auch kritische Stimmen: Margaret Drabble hinterfragt Ferrantes Frauen- und Weltbild. "What kind of Feminist is Elena Ferrante?" Gaby Wood klagt: "Das Neapel-Quartett ist sprachlich nicht gerade makellos. Viele Sätze gehen Richtung Trash." Autorin Zoe Heller ist gelangweilt. Und Annalisa Merelli las Original und Übersetzung: "In Englisch ist Ferrante besser als im Original."

Januar 2016: "Übersetzer werden selten zu Stars", schreibt das "Wall Street Journal" - und stellt eine große Ausnahme vor: Ann Goldstein, Übersetzerin von Primo Levi, Jhumpa Lahiri und Elena Ferrante. Seit 1974 arbeitet Goldstein auch in der Redaktion des "New Yorker". Als James Wood und andere Autoren im "New Yorker" für Ferrante schwärmten, machten sie damit also auch für eine langjährige Kollegin und Vorgesetzte Werbung: Ann Goldstein.

Februar 2016: In Italien soll Ferrantes Quartett als TV-Reihe verfilmt werden: acht Episoden pro Band, vier Staffeln. Auch Stars schwärmen öffentlich von den Romanen, darunter James Franco ("Spider-Man"), Gwyneth Paltrow ("Iron Man"), Busy Philipps ("Dawson's Creek"), Regisseur John Waters und die Sängerin Sophie Hunger. Fans nutzen auf Twitter und Instagram den Hashtag #ferrantefever, und Ende Juni 2016 erscheint ein kurzer Online-Clip zur Serie "Gilmore Girls": Rory Gilmore, Beraterin im Weißen Haus, gibt der First Lady überschwänglich zahllose Buchtipps. Michelle Obama wählt nur ein Buch: Ferrantes "My brilliant Friend". Doch Rory packt die drei Fortsetzungen heimlich dazu: "Sie wird weiterlesen wollen!"

Neapel, 1960
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Neapel, 1960

14. Februar 2016: Schon im Januar titelt der Reiseteil der "New York Times": "Elena Ferrantes Neapel, gestern und heute". Jetzt erklärt Daniela Petracco (Europa Editions) im "Guardian", Neapel erlebe einen Tourismus-Boom: Restaurants bieten sogar Ferrante-Pizza an. "Bisher war Neapel die Stadt, die man nur auf der Durchreise nach Pompeji und zum Vesuv sah." Ferrante selbst lehnt Buchprojekte wie "Mein Neapel" ab. Trotzdem werden unter ferrantefever.com Gruppenreisen angeboten, ein Reiseführer ist in Arbeit.

28. Februar 2016: "Literarische Phänomene entwickeln sich in ein paar simplen Schritten", schreibt Gaby Wood über Ferrante und Knausgård: Zuerst empfehlen Fans ihre Entdeckung weiter. Mundpropaganda. Ein Kult entsteht. Dann folgt der Backlash: Desinteressierte erklären, warum sie keine Lust haben, ein Buch zu lesen, über das gerade jeder spricht. "Und dann wächst in seltenen Fällen eine Flutwelle. Niemand fragt jetzt noch, ob du das Buch gelesen hast - das wäre heikel. Sie fragen: Was denkst du darüber? Man ist dafür oder dagegen."

12. März 2016: Marco Santagata behauptet in der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Serra", hinter Elena Ferrante verberge sich Marcella Marmo, Historikerin an der Universität Neapel. Wie Ferrantes Hauptfigur Elena studierte auch Marmo Mitte der 60er Jahre in Pisa. Marmo und das Ehepaar Ferri dementieren - doch immer neue Theorien und Vorschläge erscheinen: Auf Bustle.com sammelt E. Ce Miller neun Ideen; darunter die Pisa-Absolventin Maria Mercogliano, Domenico Starnones Ehefrau Anita Raja oder Ann Goldstein - die sagt, sie hatte selbst keinen Kontakt zu Ferrante und kontaktierte bei Übersetzungsfragen die Verleger.

April 2016: Das "Time Magazine" stellt die 100 wichtigsten Kreativen vor - darunter Ferrante. Der Blog "Daily Beast" schreibt über die einflussreichsten Menschen, deren Gesicht fast niemand kennt: Künstler Banksy, Elektro-Duo Daft Punk, Ferrante. Amerikanische Indie-Bookstores sind mit "Authorless Events" überraschend erfolgreich: Das Publikum freut sich auf Lesungen und Diskussionen zum Quartett. Auch, wenn "nur" Ann Goldstein oder James Wood erscheinen. Nie die Autorin selbst.

Mai und Juni 2016: In der Schweiz ("NZZ") und Deutschland ("FAZ") erscheinen erste längere Artikel über Ferrante. Die Welt nennt Ferrante "die geheimste Autorin der Welt". Die erste deutsche kritische Rezension erscheint Mitte August in der "Süddeutschen Zeitung": Thomas Steinfeld hält die Bücher für trivialen Kitsch und eine Einladung zur "Selbstfeier" gewöhnlicher Frauen/Leserinnen.

Das Meer
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Das Meer

Mai 2016: Ferrante wird immer wieder als Ferienlektüre empfohlen - vor allem Band 2 des Quartetts spielt über weite Strecken am Strand - sowie als Blick auf dunkle Seiten einer Freundschaft. Autorin Joan Didion stellte nach "Das Jahr magischen Denkens" fest, dass viele überraschend junge Leute ihr Buch über den Tod ihres Ehemanns lesen: Um zu erfahren, wie eine 40 Jahre dauernde Ehe funktioniert. Ähnlich intensiv beschreibt Ferrante die vielen Tiefpunkte einer fast 60 Jahre langen Freundschaft. Auch Jonathan Franzen, der oft ähnlich zynisch erzählt, fühlt sich angesprochen: Haruki Murakami und Ferrante, sagt er, gehören zu den seltenen Gegenwartsautoren, die er gern liest.

16. Mai 2016: Band 4 des Quartetts steht in der Endrunde des britischen Man Booker Prize International - doch verliert gegen Han Kangs "Die Vegetarierin". 2015 war der Roman für den Premio Strega nominiert, den wichtigsten italienischen Literaturpreis - doch verlor gegen Nicola Lagioias "Eiskalter Süden". Seit 2011 gewannen die Bücher (und ihre Übersetzungen) vor allem kleinere Preise.

20. Mai 2016: Suhrkamp lädt 15 Literaturblogger nach Berlin ein, um durchs Verlagsgebäude zu führen und für neue Bücher aus dem Herbstprogramm zu werben. Jeder erhält Ferrantes Buch. "Alle Mitarbeiter bei Suhrkamp sind angeblich heiß gemacht worden auf Elena Ferrante, alle mussten sie lesen und diskutieren", bloggt Jochen Kienbaum später, "nach einem, wie [Lektor Frank] Wegner betonte, dramatischen und heißen Wettrennen um die Rechte. Dass verlagsintern alle Mitarbeiter, wirklich alle, so massiv auf einen Titel heiß gemacht und eingeschworen werden, ist selbst bei Suhrkamp eine Novum und sehr ungewöhnlich." Wegner selbst: "Natürlich habe ich niemanden zum Lesen gezwungen..."

Die Quartieri Spagnoli
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Die Quartieri Spagnoli

Juli 2016: Ferrantes Quartett hat viele melodramatische Szenen. Trotzdem fragt die US-Literaturkritikerin Emily Harnett, warum die Cover-Motive bei den italienischen und englischen Bänden an Klischee-Frauenlektüre erinnern. Verlegerin Sandra Ferri antwortet: Weil Buch 1 in einer kitschig-prunkvollen Hochzeit endet, ausgerichtet von neureichen Mafiosi in der Wirtschaftswunderzeit. Harnett selbst hält nur die düster-goldenen australischen Cover für gelungen.

27. August 2016: "Meine geniale Freundin", Band 1 des Neapel-Quartetts, erscheint bei Suhrkamp, in der Übersetzung von Karin Krieger, mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren. Kriegers Übersetzung klingt poetischer, literarischer und weniger holprig, störrisch als die englische. Das Buch sollte am 11. September erscheinen - doch als das ZDF bekannt gibt, Ferrante werde am 26. August im "Literarischen Quartett" besprochen, zieht Suhrkamp den Erscheinungstermin zwei Wochen vor.

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    Aus dem Italienischen von Karin Krieger übersetzt.

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November 2016: "Ein einziges Interview gibt Elena Ferrante pro Land, in dem ihre Bücher erscheinen", warnt Suhrkamp. Trotzdem sammelte sich schon 2003 ein ganzes Buch voller Interviews, Essays und Zwischenrufe an, "Frantumaglia" ["die Kunst des Zersplitterns"], ab November 2016 auch in englischer Übersetzung.

2017: "Die Geschichte eines neuen Namens" erscheint am 30. Januar 2017. "Die Geschichte der getrennten Wege" im Sommer 2017. "Die Geschichte des verlorenen Kindes" im Herbst 2017: Bis September 2017 liegt das Neapel-Quartett komplett auf Deutsch vor. Auch die drei vorigen Romane, "Lästige Liebe", "Tage des Verlassenwerdens" und "Frau im Dunkeln" erscheinen als Taschenbuch neu.

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sikasuu 22.08.2016
1. B.Traven(1) war und ist auch jahrzehntelang als Person nicht präsent....
... uns schrieb dazu im Mitteilungsblatt der Büchergilde sinngemäß: "Wofür braucht ihr einen Autor? Der Text ist wichtig! Wenn der Autor den Text, sein Kind in die Welt geschickt hat, steht DER/DAS alleine für sich!" . Ich kann die Autor/In gut verstehen. Ohne ihre Texte zu kennen, dürfte von den Andeutungen im Artikel nicht meinen Kragenweite sein, ist mir klar, das der/die Autor/In in diesem Leserumfeld & in dieser Wohngegend wohl keine ruhige Std. mehr haben würde, wenn sie mit Namen und Adresse bei Lesern & einem Teil der dortigen Nachbarn bekannt wäre. . Bei den Auflagen&Übersetzungen kommt doch etwas mehr als HartzIV raus, da werden Publikum&Mitesser wohl zu Plage. . Autoren sind doch nur für "Sprachwissenschaftler" interessant "Was will der Autor damit sagen?" ist vielleicht spannend, aber nicht für den Autor. . Kleiner Joke am Rande: "Ein ziemlich bekannter Schiftsteller aus dem Pott, half einmal einer "Kollegschülerin" bei einer Jahresarbeit über sich selbst! . Die Dame bekam einen glatte VIER von der bewertenden Germanistin "Intention&Idee des Autors verfehlt!" Er bot dann dem "Kolleg" an, auf der Abiturfeier eine Rede zu halten. . Als er sich am Schluss seiner Laudatio bei der Germanistin persönlich für die VIER bedankte, hat die fast beruflichen "Suizid":-)) begangen. So kann's auch gehen. . Lasst das Werk OHNE Autor/In stehen. Wiedervorlage in 20 Jahren. Wenn man dann die Bücher noch kennt, war es Literatur! (1)https://de.wikipedia.org/wiki/B._Traven
b.eindorf 22.08.2016
2. Sicher wird man ...
... diese Romane in 20 Jahren noch kennen - als sprachlich mittelprächtige, dicke Zeitzeugen über die Probleme der Mittelschicht. Kein Wunder, dass sie Mr. Frantzen gefallen. Interessant vor allem aber auch, wie literarischer Hype aufgebaut wird, und der Spiegrl ust wieder mittenmang dabei.
serenity2012 23.08.2016
3. Witzig
Hat Spiegel erkannt, dass man Elena Ferrante erstmal vorstellen sollte, ehe man versucht, das Interview bei SpiegelPlus zu verkaufen? Ich habe mittlerweile drei der vier Neapel-Bücher gelesen, das Vierte kommt bald. Die ersten beiden Bände, die wirklich in Neapel spielen und das Aufwachsen von Elena und Lila im Neapel der 50er Jahre schildern, sind fantastisch. Für mich war es nicht nur die sehr ehrliche Schilderung einer komplizierten Freundschaft jenseits des albernen "Hab dich lieb"-Diddl-Kitsches der heute zelebriert wird. Faszinierend war eher die Schilderung des Viertels und seiner Einwohner zu der Zeit und die unglaubliche Armut, die ja auch viele Italiener als Gastarbeiter in den Norden trieb, das reale Italien jenseits des Adriaurlaubs- und High Society-Kitsches jener Zeit. Der dritte Band, den die nun erwachsene Elena vor allem im Norden verbringt, ist dagegen eher langweilig und ergeht sich in öden Beschreibungen einer schlechten Ehe. Viel zu wenig Neapel, viel zu wenig Lila (die weit faszinierendere Figur der beiden). Mal sehen, wie das große Finale wird. Stilistisch auf jeden Fall ein ganz großer Wurf (sicher auch dank der Übersetzerin Ann Goldstein) und überhaupt kein Vergleich zu den lahmen Kitsch-Krimis von Leon. Warum Elena Ferrante so ein Geheimnis aus sich macht, keine Ahnung. Letztendlich ist es erfrischend anders als der Persönlichkeitskult, den manche Autoren heute im Internet um sich treiben.
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