Anonyme Bestsellerautorin Ferrantes Schnitzeljagd

Sie wollte immer ihre Anonymität wahren und drohte mit dem Ende ihrer Karriere, sollte ihre Identität enthüllt werden. Jetzt will ein Journalist herausgefunden haben, wer die Autorin Elena Ferrante wirklich ist.

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Sie wollte nie ihren Namen preisgeben. Dann kam der Hype, und alle wollten es wissen: Wer ist Elena Ferrante? Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym? Ferrantes Buch "Meine geniale Freundin" hat international eine unglaubliche Begeisterung ausgelöst - sowohl bei Leserinnen als auch bei Kritikerinnen. Mit der Aufregung kam immer stärker der Wunsch auf, die "wahre Identität" von Ferrante herauszufinden.

Jetzt will der Investigativjournalist Claudio Gatti endlich herausgefunden haben, wer die Autorin Elena Ferrante "wirklich" ist. Seine Recherche erscheint gleichzeitig in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der italienischen Zeitung "Il Sole 24", der "The New York Review of Books" und der französischen Investigativ-Website "Mediapart".

In seiner Recherche hat Gatti herausgefunden, dass Anita Raja Elena Ferrante ist - oder Elena Ferrante Anita Raja. Dabei hat er, so schreibt er, interne Dokumente von Edizioni e/o vorliegen, dem kleinen italienischen Verlag, der Ferrantes Bücher publiziert und bei dem Raja als Übersetzerin arbeitet. Rajas Honorar stieg mit dem Erfolg der Ferrante-Bücher. Dies lasse sich an den Überweisungen sehen, die Gatti vorliegen.

Außerdem hat er in die Grundbücher geschaut und gesehen: Raja als auch ihre Ehemann Domenico Starnone haben Wohnungen in Rom und der Toskana gekauft - "in einer der schönsten Straßen Roms", "in einer teuren Gegend".

Es soll aber auch inhaltliche Hinweise geben: Eine der Heldinnen in Ferrantes Buch heißt Elena, genau wie Rajas geliebte Tante. Und der Spitzname von Rajas Mann ist "Nino", eine wichtige männliche Figur im Roman. Im Großen und Ganzen ist dies eine komplette Indiziengeschichte, dessen scheint sich Gatti auch bewusst zu sein. Am Anfang schreibt er: "Nach monatelangen Recherchen scheint es uns nun möglich, die wahre Identität der Schriftstellerin zu enthüllen." Oder: "Sie ist offensichtlich die Hauptnutznießerin, der durch Elena Ferrantes Erfolg gestiegenen Einkünfte des Verlags." Offensichtlich. Scheint.

Die Suche nach dem Phantom

Vom Verlag gibt es keine Auskunft dazu. In einem Telefonat sagt Verleger Sandro Ferri dem Journalisten Gatti nur: "Wenn Sie einen Artikel schreiben wollen, der Ferrantes Identität enthüllen will, sollten Sie wissen, dass wir weder Ihre Frage beantworten noch Informationen bereitstellen werden."

Der Name Anita Raja taucht allerdings nicht zum ersten Mal auf bei der Suche nach der wahren Elena Ferrante. Schon 2014 kursierten ihr Name und der ihres Mannes. Beide dementierten damals. Die Suche ging weiter. Ständig kamen neue Personen hinzu oder wurden von der Liste verworfen: der Journalist Goffredo Fofi, eine Art Schriftstellerkollektiv, das Edizioni-Verlagspaar Sandra Ozzola und Sandro Ferri. Im Frühling dieses Jahr waren sich dann alle einig: Es kann nur die Professorin Marcella Marmo sein.

Eine Passage aus dem schriftlich geführtem SPIEGEL-Interview mit Elena Ferrante im August liest sich aktueller den je::

SPIEGEL: Haben eigentlich Investigativjournalisten oder Detektive herauszufinden versucht, wer Sie sind?

Ferrante: Ich wünsche mir, dass ich nie mit Menschen zu tun habe, die Zeit und Mühe an ein derart sinnloses Unterfangen verschwenden.

SPIEGEL: Fürchten Sie den Moment Ihrer Enttarnung?

Ferrante: Nein, nicht im Geringsten. Ich würde einfach aufhören zu publizieren.

Sollte Raja also wirklich die Schriftstellerin Elena Ferrante sein, könnte dies ein Ende bedeuten. Vorausgesetzt Ferrante hat die Wahrheit gesagt.

"Ich habe nichts gegen Lügen, ich finde sie fürs Leben nützlich", schreibt sie in ihrem nicht-fiktiven Buch "La frantumaglia". Dieser Satz und dass Ferrante eine Italo-Calvino-Anekdote zur Lüge erzählt, reicht Gatti aus, um seine Recherche zu legitimieren: "Mit der Ankündigung, dass sie gelegentlich lügen werde, scheint die Autorin ihr Recht aufgegeben zu haben, hinter ihren Büchern zu verschwinden. Vielmehr hat sie Kritiker und Journalisten geradezu herausgefordert, nach ihrer wahren Identität zu suchen."

Das klingt nach einer perfiden Argumentation. Als ob Ferrante zur Schnitzeljagd eingeladen hätte. Die Autorin selbst könnte zwar die Neugierde durch mehrere Interviews angefeuert haben, betonte aber in jedem, wie wichtig ihr Privatsphäre und Anonymität sei. Manchmal argumentierte sie literaturtheoretisch, mal mit Schüchternheit, mal mit der hypermedialen Gesellschaft. Aber immer pochte sie auf ihre Privatsphäre und dafür, ihre Bücher für sich sprechen zu lassen.

Warum ist es also wichtig, wer sich hinter Elena Ferrante verbirgt? Was wird dadurch gewonnen? Anita Raja soll also nun hinter Elene Ferrante stecken. Macht es die Bücher spannender? Besser? Schlechter? Für den literarischen Diskurs intensiver? Nun können Leserinnen und Leser die persönliche Biografie von Anita Raja - soweit bekannt - auf ihre Bücher übertragen. Und hier kocht dann der alte Streit zwischen der Beziehung von Werk und Autorin wieder auf, der eigentlich nie weg war. Identität manifestiert sich allerdings nicht unbedingt über einen Namen oder fragmentarische biografische Referenzen.

Ferrante hat mit ihrer "Neapolitanischen Saga" wunderbar dichte Bücher geschrieben, mit einem historisch-versierten Italienbild, einem kühl-sachlichem Stil und einer packenden Freundschaftsgeschichte. Sie hat es auch geschafft, die italienische Literatur international ins Gespräch zu bringen - und das mit einem politisch-motivierten Mehrteiler.

Bis jetzt. Hoffentlich hat Elena Ferrante im Interview gelogen.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
nasenbein 02.10.2016
1. Warum
kann nicht einfach respektiert werden, dass die Autorin anonym bleiben möchte?
hinhan 02.10.2016
2.
Nichts für ungut aber Schriftsteller sind keine Hollywoodstars, selbst die größten und bekanntesten dürften sich noch frei in ihrer Stadt bewegen können ohne das ihnen eine Meute Paparazzi auf den Fersen ist. Verstehe dshlb die Einstellung der Schriftstellerin nicht, aber es ist ihre Entscheidung-mal sehen wann der nächste Pseudonymliterat auftaucht
Sonia 02.10.2016
3. Was soll das?
BeitragIch habe Bücher von ihr und große Achtung davor, dass sie, eine wirklich große Schriftstellerin, nicht die übliche Eitelkeit besitzt, sich wichtiger zu nehmen als das, was sie schuf. Millionen verkaufte Bücher. Eine verachtenswerte Neiddebatte von Journalisten betrieben. Was ist wichtig daran, wie viel die Autorin verdient , ob sie ihr selbsverdientes Geld wo und wie investiert? Diese Journalisten könnten ja mal zeigen was sie selbst können anstatt anderen, unbescholtenen Menschen nachzuschnüffeln und dann durch Talkshows tingeln mit Buch vor dem Bauch. Hatte Ferrante nie nötig.
licorne 02.10.2016
4. Schnitzeljagd!
Haben Sie es nicht verstanden? Nein heißt nein. Und nicht: eigentlich hat sie es gewollt und herausgefordert.
alpenfestung 02.10.2016
5. Schade
Schon wieder ist die Welt um ein Geheimnis ärmer.
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