"Meine geniale Freundin" So liest sich der meistdiskutierte Roman der Saison

Wer Elena Ferrante ist, bleibt ein Rätsel. Das erste ihrer vier Neapel-Bücher, von denen die halbe Welt schwärmt, gibt es jetzt auf Deutsch. Unsere Kulturredaktion hat es gelesen. Vier Kritiken.

Wohnblocks im heutigen Neapel
Getty Images

Wohnblocks im heutigen Neapel

Von , , und


Das #FerranteFever übertürmt das Buch

Es ist verrückt, dass Elena Ferrante mit ihrer Entscheidung, nicht preiszugeben, wer sie ist, letztlich ihr Werk beschädigt hat. Der Wunsch der italienischen Schriftstellerin (den sie 1991 formulierte), ihre Romane mögen für sich allein stehen, hat sich längst aufgelöst. Das ist auch dem amerikanischen Literaturkritiker James Wood geschuldet, der Elena Ferrante in einem vielseitigen Jubelartikel im "New Yorker" 2013 auf die ganz große Bühne zerrte und Spekulationen anheizte, wer sich hinter dem Pseudonym verbergen könnte.

Ferrantes über 20 Jahre zurückliegende Entscheidung für Autonomie wandelte sich damit in eine erstklassige Vermarktungsstrategie. Die Folgen: eine weltweite Auflage in Millionenhöhe, lesende Hollywoodstars, der Hashtag #FerranteFever. Die Romane der Schriftstellerin sind das neue It-Accessoire der internationalen Literaturszene. Und dem halten sie nicht stand (Welchem Roman gelänge das schon?).

Dabei sind es gute Bücher. Lenù und Lila, die beiden Heldinnen aus "Meine geniale Freundin", sind durch eine Rivalität miteinander verbunden, die daraus entsteht, dass sie einander ernst nehmen. Und auch Ferrante nimmt ihre Figuren ernst: Lenù und Lila sind in ihrem Eigensinn und ihrer Sprunghaftigkeit dem Leben abgeschaut, die Handlung folgt ihren impulsiven Charakteren und nicht umgekehrt, Ferrante biegt keinen Charakter zurecht, damit er in die Handlung passt (was ein Merkmal mancher zu gut gemachter Unterhaltungsromane ist).

Man ahnt schon nach der Lektüre von "Meine geniale Freundin", der ja nur der erste Teil des vierbändigen Werks ist, dass Ferrante mit Lenù und Lila zwei großartige Frauenfiguren geschaffen hat, die miteinander und doch auch jede für sich um Unabhängigkeit und um Gleichberechtigung kämpfen. Sie gehen jenen schwierigen von Rückschlägen gezeichneten Weg, den die Frauen in Europa seit den Fünfzigerjahren zurückgelegt haben. Ein Ton von Resignation durchzieht das Buch. Das Neapel der Fünfzigerjahre erscheint als ein ferner Ort voller Brutalität; wie nebenbei erzählt Ferrante auch vom Entstehen der Mafia.

Es wäre schön, man könnte diesen Roman mit seinen Reflexionen über Bildung und Freundschaft, mit den Sehnsucht entfachenden Schilderungen von Sommerwochen am Meer für sich entdecken, ohne das ganze Zuviel, das ihn übertürmt. Eine Leserin, ein Roman, eine Welt, die sich öffnet. So einfach könnte das sein.

Claudia Voigt

Wäscheleine über neapolitanischer Straße
Getty Images

Wäscheleine über neapolitanischer Straße

Viel Wind, aber auch viel drin

Der Hype ist wie ein Wind. Natürlich kann man ihm entgehen, indem man die Türen geschlossen und die Welt draußen hält. Tritt man aber vor die Tür, wird er einen irgendwann anwehen, ob man will oder nicht. Während der Ferrante-Hype um die Welt blies (Lesen Sie hier, wie er sich ausbreitete), blieb Deutschland lange Zeit seltsam windgeschützt. Sodass es nun, da das erste der vier Neapel-Bücher endlich auf Deutsch erscheint, kaum möglich ist, "Meine geniale Freundin" zu lesen, ohne dass der Wind, der weltweit darum gemacht wurde, die Lektüre beeinflusst.

Doch komischerweise stellt sich die beim Lesen mitschwingende Frage, was daran wohl wirklich dran sein mag, sogar als nützlich heraus. Vielleicht hätte man sich sonst so mitreißen lassen in den Sog der erzählten Freundschaft von Lila und Lenù, dass alles andere, was in diesem Buch noch geschieht, zum Nebengeräusch würde. Denn die Dynamik dieser Freundschaft ist groß, es gibt Konkurrenz, es gibt Entfremdung und Annäherung, das ganze Programm. Geschickt baut die Autorin in die anekdotenhaften, sehr direkten Schilderungen der Geschehnisse in den Fünfzigerjahren kommentierende Passagen ein, in denen die Distanz der Erzählerin, der zeitliche Abstand von rund 60 Jahren erkennbar werden.

Was sie kommentiert, das ist allerdings der Stand der Freundschaft, nicht den sozialen Kontext, in dem sie steht. Dass dieser aber sehr wohl und beständig mitschwingt, macht den Reiz des Buches mit aus: Universelle Themen wie Freundschaft, Erwachsenwerden und Geschlechterverhältnisse spielen sehr konkret in diesem speziellen Neapel zu dieser speziellen Nachkriegszeit.

Und so schweift man ab, erliest sich die Rolle des Reeders Achille Lauro in der italienischen Politik oder die Entstehung des Viertels, in dem die Geschichte spielt, fährt zwischen den Häuserblocks, wie sie heute aussehen, in Google Maps herum. Einen Zugang zu einer Welt zu eröffnen, das ist nicht das Schlechteste, was ein Roman leisten kann. Und dann kehrt er zurück zu der Freundschaft, zu seiner Geschichte, bis zu einem Cliffhanger, der geradezu erzwingt, auch den nächsten Band zu lesen.

Felix Bayer

Anzeige
  • Elena Ferrante:
    Meine geniale Freundin

    Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und frühe Jugend)

    Aus dem Italienischen von Karin Krieger übersetzt.

    Suhrkamp Verlag; 422 Seiten; 22 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
  • Bei Thalia bestellen.

Wer das Politische nicht mitliest, trivialisiert die Bücher

Die Romane von Elena Ferrante sind wie frittierte Pizza. Sie werden entweder innig geliebt oder gehasst. Das Besondere, die kulturgeschichtliche Relevanz, erschließt sich nicht auf Anhieb - auch dann nicht, wenn man immer in den Urlaub nach Italien fährt. Die pizza fritta gilt als die "arme Schwester der Steinofenpizza" und wurde vor allem von Frauen auf der Straße in Neapel verkauft, um die Haushaltskasse nach dem Zweiten Weltkrieg aufzubessern. In dieser Nachkriegszeit beginnt die Geschichte der Freundinnen.

Die italienische Autorin Ferrante hat mit ihrem Zyklus "Meine geniale Freundin" unglaubliche Bände geschaffen. Ihre Tetralogie ist eine uritalienische und hat den Sprung in die Weltliteratur erst durch die Veröffentlichungen in den USA geschafft. Oft wird die Geschichte um die Freundinnen Lenù und Lila als traurige Wahrheit einer Realität Italiens interpretiert, als etwas Exotisches - Ähnliches gilt für die Filme des Neorealismus. Aber genau dieser Exotismus verklärt, das inhärent Politische bleibt verborgen.

Ja, Ferrantes Bücher handeln von einer innigen und komplizierten Freundschaft, von Frauen und Männern, von Rivalität, von Armut, von Familien. Aber sie handeln auch davon, wie zwei junge Frauen versuchen, für sich eine eigene Stimme zu erheben und eben von der Geschichte Italiens. Dabei geht es nicht um absolute Authentizität oder um Vollständigkeit. Die Geschichten liegen nicht nur im Privaten, sondern sind gekonnt in die privaten Geschichten verwoben. Sie reproduzieren mehr als den Fiat 1100. In Ferrantes Tetralogie geht es um den Faschismus, den Kommunismus, die Studentenrevolten, den Operaismus, den Nord-Süd-Konflikt, die Gastarbeiterbewegung, die Camorra, den Korruptionsskandal und ja, auch um italienischen Feminismus.

Wer das alles nicht mitliest, für den können die Bücher etwas Triviales innehaben, denn so kreisen die Bücher nur um das Protagonistinnen-Duo und die bösen italienischen Männer. So wie hinter der pizza fritta mehr steckt, lässt sich auch Schicht für Schicht mehr aus Elena Ferrantes "Neapolitanischen Saga" herausschälen.

Enrico Ippolito

Außenbezirk von Neapel
Getty Images

Außenbezirk von Neapel

Es fliegt nicht

Manchmal ist man als Kritiker vielleicht auch gar nicht gefragt. Wenn da so ein Sturm der Begeisterung über die Welt zieht, was soll man sich da hinstellen, den Finger heben und sagen: "Äh, Leute, ihr täuscht euch alle." Ist doch auch eine etwas lächerliche Geste.

Die Texte über Ferrante sind ja total überzeugend und lesenswert, und ich lasse mich ja auch gern von Begeisterung mitreißen. Was der Kritiker James Wood und die Kritikerin Michiko Kakutani im "New Yorker" und der "New York Times" geschrieben haben, ist perfekte, größtmögliche Emphatikerkunst, und jetzt das große, zehnseitige Interview im SPIEGEL war toll, und es war interessant, was diese Frau, die sich Elena Ferrante nennt, über die weltöffnende Macht der Freundschaft, Kampf der Frauen, das lächerliche Leiden der Männer erzählt, was die Übersetzerin Karin Krieger über die Sprache des italienischen Originals sagt, über deren "energiegeladene Leichtigkeit".

Ich habe das gelesen, und es war wie ein geöffnetes Fenster hinein in das Buch. Und dann wende ich mich jedes Mal wieder dem Werk zu, und, ja, ich finde das schon alles: die wunderbare Freundschaft zwischen Lila und Lenù, diese lustvolle Widerständigkeit gegen die brutale Männerwelt, die Schönheit des alten Neapels, diese Gier nach Bildung, die die Handlung, das Leben der Mädchen vorantreibt, als stünde ihre Welt unter Unterdruck und als würden ihre Bewegungen, die geistigen, die körperlichen, wie von magischer Kraft in Richtung Latein, Griechisch und zur Literatur hingezogen. Der ganze Roman steht unter diesem Sehnsuchtsvakuum Bildung, diesem Sog hin zu Wissen und zum Traum von der Umgestaltung der Welt mittels der Literatur.

Ja, das sehe ich alles und lese es gern, aber es fliegt nicht. Ich lese immer den Konstruktionsplan mit. Kündigt sich an einem Silvesterabend die entscheidende Wendung des Geschehens an, wird an mehreren Stellen des Romans ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich hier gerade die entscheidende Wendung des Geschehens ankündigt.

Die Autorin ist ein weltunbekanntes Phantom, die Heldin des Buchs beschließt auf den ersten Seiten des Buchs spurlos zu verschwinden. Marketingplan und Romangeschehen gehen nahtlos ineinander über. Während das andere, vielbändige Welterfolgsepos, "Min Kamp" von Karl Ove Knausgard, mit dem Ferrantes Werk nun stets verglichen wird, auf jeder Seite alles zu riskieren scheint, wirkt Elena Ferrantes Werk - also der erste Band, mehr gibt es auf Deutsch ja bislang noch nicht - so, als folge das Autorenphantom nur einem Plan, einem genialen Plan vielleicht, der weite Teile der lesenden Welt begeistert. Mich noch nicht.

Volker Weidermann

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
KaroXXL 27.08.2016
1. Passend zum Zeitgeist
Von deratig Gehypetem (siehe auch Ghostbusters) sollte man lieber die Finger lassen. Da steckt oft mehr Ideologie drin als man ahnt und ertragen kann, passt aber zum derzeitigen Zeitgeist. Schreibt zb. SpOn (oder ähnliches Medium) aber einen Verriss kann man fast immer von sehr lesenswerter Lektüre ausgehen. Man hat immer das Gefühl , es geht in diesen Bewertungen mehr um den ideologischen "Rahmen".
waldschrat_72 28.08.2016
2. Wenn Bücher sich interessant machen..
..indem der Autor bzw. die Autorin als sog. "Anonymus" besonders wichtig tut, lasse ich tunlichst von Vorherein die Finger von. So ein Quatsch ist mir zutiefst zuwider.
Robeuten_II 28.08.2016
3.
Zitat von KaroXXLVon deratig Gehypetem (siehe auch Ghostbusters) sollte man lieber die Finger lassen. Da steckt oft mehr Ideologie drin als man ahnt und ertragen kann, passt aber zum derzeitigen Zeitgeist. Schreibt zb. SpOn (oder ähnliches Medium) aber einen Verriss kann man fast immer von sehr lesenswerter Lektüre ausgehen. Man hat immer das Gefühl , es geht in diesen Bewertungen mehr um den ideologischen "Rahmen".
Naja, die Gesinnungsethik als Hauptqualifikation hat sich nicht nur in der Politik eingenistet. Mir haben die Leseproben gereicht; es gibt zuviel wirklich gute Literatur zu lesen! (dummerweise meist von heteronormativen alten weißen Männern geschrieben... also genau denen, denen wir so ziemlich alles verdanken, was wir über diese Welt wissen, und wie wir besser in dieser Welt leben könnten :-)...)
Claudia Cregg 28.08.2016
4. Es gibt mehr als Knausgard und Ferrante
Herr Weidemann spricht von zwei aktuellen Welteroberungsepen, die Tetralogie von Ferrante und das Werk von Knausgard. Darüber vergisst er das größte aktuelle Welteroberungsepos: Song of Fire and Ice von Martin.
blitzunddonner 28.08.2016
5. das richtige also, wenn man selbst am adria-strand oder so liegt, die sonne brennt, das hirn weg.
das richtige also, wenn man selbst am adria-strand oder so liegt, die sonne brennt, das hirn weg. ein buch wie ein leichter salat mit olivenöl, etwas giabatta. weinschorle. nix anstrengendes bitte. und dafür SO VIELE WORTE?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.