Elfriede Jelinek Nobelpreisträgerin nennt Literaturbetrieb "extrem korrupt"

Nach mehr als 40 Jahren im Kulturbetrieb stellt Elfriede Jelinek fest: Eine Hand wäscht die andere. In einem Interview wettert die Österreicherin gegen Freundschaftsdienste unter Buchmenschen.

  Elfriede Jelinek: "Damit nichts mehr zu tun haben"
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Elfriede Jelinek: "Damit nichts mehr zu tun haben"


Berlin/Hamburg - Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (67) hat den deutschsprachigen Literaturbetrieb als "extrem korrupt" und "nepotisch" - zu Deutsch: von Vetternwirtschaft bestimmt - kritisiert. "Es ist ja immer lustig zu sehen, wer mit wem befreundet ist und wer wem einen Gefallen schuldig ist. Damit will ich jedenfalls nichts mehr zu tun haben", erklärte die österreichische Schriftstellerin in einem Interview auf der neuen Website www.fiktion.cc.

Das unter anderem von dem Schriftsteller Ingo Niermann betriebene Projekt Fiktion will neue Verbreitungsformen anspruchsvoller Literatur im Netz erforschen. Jelinek, die ihre Werke nur noch auf ihrer Homepage veröffentlicht, gehört dem Autorenbeirat an.

"Wenn ich im Netz veröffentliche, dann gehört der Text mir, und er bleibt mir auch", sagte sie. "Gleichzeitig hat jeder darauf Zugriff, der will. Diese Mischung aus Privatem und Öffentlichem hat mich von Anfang an fasziniert", so Jelinek, die als Gegenwartsautorin bekannt, aber auch umstritten ist. Und sie legt, wie in dem Interview deutlich wird, nicht mehr allzu großen Wert auf die Aufmerksamkeit des Feuilletons: Bücher, die nur im Netz erscheinen, würden "so gut wie nie besprochen". Das sei gut für sie, "so will ich es haben".

Als preisgekrönte Autorin kann sie es sich leisten, ihr eigener Literaturbetrieb zu sein. Allerdings wünscht sich Jelinek auch für junge Autoren, künftig unabhängig von Verlagen zu arbeiten. "Vielleicht durch freie Agenturen im Netz, die auch Lektoratsdienste und Werbung anbieten", sagte Jelinek, in genossenschaftlichen Modellen, die von den Autorinnen und Autoren selbst kontrolliert und bereitgestellt würden.

tha/dpa

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
hauptsache_dagegen 27.02.2014
1. Freie Agenturen? Genossenschaftliche Modelle?
Her damit! Genau das bräuchte der Literaturbetrieb - mittelfristig als Konkurrenz und langfristig als Ablösung. Gerade Bücher, welche einfacher in "Profi-Qualität" produziert werden können als Film und Musik bieten sich für solche Modelle an. Ich hoffe, diese Genossenschaften werden irgendwann groß genug, um auch genug Werbung für ihre Autoren machen zu können.
kuchengespenst 27.02.2014
2. Toller Ansatz ...
... nur leider vollkommen realitätsfern. Vielleicht sollte Frau Jelinek öfter mal vor die Tür gehen und mit realen Menschen interagieren.
panameño 27.02.2014
3. Gute Idee!
Eine Initiative, wie Frau Jelinek sie im letzten Absatz anregt, gibt es in der Tat seit Mai 2013: www.qindie.de
Pfaffenwinkel 27.02.2014
4. Endlich hat mal jemand den Mut,
diese Vetternwirtschaft im Literaturbetrieb an den Pranger zu stellen.
zappa99 27.02.2014
5. Es geht ums Geld, nicht um die Kultur
Der professionelle Literaturbetrieb ist eine Industrie mit dem Ziel der Ertragsoptimierung. Nicht mehr und nicht weniger. Frau Jelinek steht da drüber, andere müssen noch da durch. Man darf sie beneiden.
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