Kleinstadt-Tragikomödie Die Seele, ein chaotischer Datensalat

Die Figuren wollen ihr Leben in den Griff kriegen - aber dann grätscht das Schicksal rein: Elizabeth Strout hat mit "Alles ist möglich" einen großen Roman über eine Kleinstadt im Mittleren Westen geschrieben.

Landwirtschaft in Illinois
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Landwirtschaft in Illinois

Von Franziska Wolffheim


Lucy Barton ist zunächst die große Unbekannte. Erst in der zweiten Hälfte taucht die Hauptfigur des Romans selbst auf, vorher gibt es nur Geschichten und Gerüchte um sie.

Lucy Barton ist eine erfolgreiche Schriftstellerin in New York. Als Kind, in großer Armut aufgewachsen, war sie erschreckend dünn und scheu gewesen. Um ihre Prekariats-Befreiung kreist Elizabeth Strouts großartiger Roman, "Alles ist möglich", der raffiniert gebaut ist und subtil auch jede Nano-Verästelung der menschlichen Psyche ausleuchtet. Alle Protagonisten bemühen sich, irgendwie Tritt in ihrem Leben zu finden, aber dann grätscht das Schicksal auf fiese Weise dazwischen. Vom kleinen Glück zum maximalen Schlamassel ist es oft nur ein winziger Schritt.

Die Bartons. Eine bitterarme Familie in einer Kleinstadt im Mittleren Westen. Drei Kinder, Lucy, Pete und Vicky. Regelmäßig suchen sie den Müllcontainer hinter einem nahegelegenen Café nach Essensresten ab. Zu Hause ist es streng verboten, Essen wegzuwerfen, und wenn die Kinder es trotzdem tun, müssen sie die Reste wieder aus dem Mülleimer klauben und aufessen - Verzweiflungstränen hin oder her. Von anderen Leuten in der Stadt werden die Kinder bespöttelt, selbst von einigen Lehrern.

Lucy bleibt nach dem Unterricht oft in der Schule und liest, um nicht nach Hause zu müssen. Sie schafft es aufs College, geht später nach New York, reüssiert als Schriftstellerin und macht Lesereisen quer durch die Staaten. Als der Vater stirbt, kommt sie kurz zur Beerdigung nach Hause. Danach vergehen 17 Jahre, bis sie sich wieder in ihre Heimat traut, um ihren vereinsamten Bruder Pete zu besuchen. Doch das Treffen der drei Geschwister wird zum Fiasko, als sie gemeinsam alte Erinnerungen ausgraben. Lucy bekommt eine Panikattacke und ergreift kurzerhand die Flucht. Die Vergangenheit ist übermächtig, immer noch.

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Elizabeth Strout:
Alles ist möglich

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth

Luchterhand, 256 Seiten, 20 Euro

Lucys Geschichte ist nur eine von vielen Tragikomödien aus der Kleinstadt, die Elizabeth Strout geschickt verwebt. Jede Geschichte könnte für sich stehen, aber funktioniert auch im Zusammenhang perfekt. Dabei gelingen der Autorin starke Charaktere, von denen man gern noch mehr erfahren würde, weil sie einen immer wieder erstaunen - in ihren Bösartigkeiten und in ihren Schwächen. Und weil man sich beim Lesen häufig ertappt fühlt in den eigenen Unzulänglichkeiten.

Auch Dottie Blaine, die nach ihrer Scheidung eine Frühstückspension betreibt, ist alles andere als ein Engel. Einmal mischt sie heimlich ein paar Tropfen ihrer Spucke in das Marmeladennäpfchen, das sie dem arroganten Kardiologen und seiner redseligen Frau auf den Frühstückstisch stellt. Aus Rache, weil sie sich von ihnen schlecht behandelt fühlt. Nicht besonders fantasievoll, klar, findet Dottie selbst, aber gut für die eigene Psycho-Hygiene. Mit feinem Humor schildert die Autorin diese wunderbar menschlichen Verwerfungen.

Zig Puzzlesteinchen ergeben eine Biografie

Immer wieder ist es erstaunlich, wie sehr Menschen aneinander hängen, auch wenn sie sich aus dem Weg gehen. Mary ist 78 und lebt in Italien, verheiratet mit einem deutlich jüngeren Italiener. Ihre Lieblingstochter, Angelina, vermisst die Mutter und verzeiht ihr nur schwer ihr italienisches Abenteuer, das sie als Verrat empfindet. Mehrere Jahre wartet sie, bis sie ihre Mutter in Italien besucht. Die Nähe von Mutter und Tochter hat jedoch auch etwas Bedrängendes, wie sich Mary eingesteht: "Und du hast immer so viel Raum in meinem Herzen eingenommen, dass es manchmal fast eine Bürde war."

Es sind diese feinnervigen Brechungen, die den Roman der amerikanischen Autorin so besonders machen und die auch in der deutschen Übersetzung von Sabine Roth zum Schwingen kommen. Ein Gefühl ist ein Gefühl ist ein Gefühl? Ja, aber oft gehört zu einem Gefühl auch sein genaues Gegenteil.

Elizabeth Strout
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Elizabeth Strout

Elizabeth Strout, geboren 1956, hat mehrere preisgekrönte Romane veröffentlicht. Lucy Barton tauchte schon einmal als Protagonistin auf, nämlich in dem vor zwei Jahren erschienenen Roman "Die Unvollkommenheit der Liebe". Mit "Alles ist möglich" hat sich die Bestsellerautorin endgültig in die Reihe der großen amerikanischen Literaten eingeschrieben. Die menschliche Seele ist bei Strout ein Chamäleon, das ständig seine Farbe wechselt, ein chaotischer Datensalat, den keine Psycho-App der Welt hinreichend erklären könnte.

Auch Lucy Barton, die Hauptfigur, bleibt letztlich undurchschaubar. Gerade weil sie in diesem Roman weitgehend abwesend ist, umgibt sie eine mysteriöse Aura, und als Leser muss man sich ihre Biografie aus zig Puzzlesteinchen zusammensetzen. Es wäre ja auch zu einfach, wenn es anders wäre.

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