Elke Naters/Eckhart Nickel Keine Spur von Glamour

Geschmacklos, langweilig, anstrengend und mittelmäßig - dafür könnte der Titel von Elke Naters jüngstem Buch "G.L.A.M" stehen. Auf der Suche nach verlorenem Glanz ist auch Eckhart Nickel mit seinem Werk "Was ich davon halte" gescheitert.

Von Gunnar Luetzow


Elke Naters G.L.A.M.: Resultat von Urlaubsgedanken

Elke Naters G.L.A.M.: Resultat von Urlaubsgedanken

Köln / München - Glamour in Berlin - bisher funktionierte das kaum oder tauchte höchstens nicht so ernst gemeint bei Ex-Lassie-Sängerin Christiane Rösinger auf, die gelegentlich die Dinge lakonisch-melancholisch "totaaal glamourööös" findet. Doch mit dem Auftauchen von Elke Naters änderten sich die Selbstverständlichkeiten an der Spree. Schick sein ist wieder schick, und auf einmal ist es in der Stadt der unendlichen Mikrowelten wieder erlaubt, "ALLE" zu schreiben, wenn sich nur ein paar Leute auf Partys bei Literaturagentinnen, bei Schlussverkäufen in Ku'damm-Boutiquen und Empfängen in teuren Restaurants treffen.

Trotzdem scheint es der aus München stammenden Elke Naters in Berlin nicht sonderlich gut zu gefallen. Derzeit befindet sich Autorin der Romane "Lügen" und "Königinnen" nämlich mit ihrer Familie in Bangkok, wo sie offenbar nicht Urlaub, sondern sich von Januar bis Oktober 2000 auch ein paar Gedanken gemacht hat. Das Ergebnis dieser Anstrengungen liegt jetzt in dem "Tagebuch, Reisebuch, Skizzenbuch, Bilderbuch, Blätterbuch" mit dem hübschen Titel "G.L.A.M." vor, der keinesfalls für "Geschmacklosigkeit, Langeweile, Anstrengung, Mittelmäßigkeit" sondern für "Geld, Liebe, Arbeit, Meer" stehen soll.

Peinlicher Klatsch und mittelmäßige Geschmacklosigkeiten

Darauf wäre man bei der bisweilen langweiligen, streckenweise anstrengenden Lektüre des vor mittelmäßigen Geschmacklosigkeiten nicht zurückschreckenden Bändchens nicht gekommen. Denn was ist den mageren, gewohnt im schnodderigen Tonfall verfassten Notizen zu Themen wie "High Society", "Champagner", "Anstand", "Erbe" und "Geld" zu entnehmen? Peinlicher Klatsch aus New York und Berlin und tiefgründige Überlegungen zum Thema Arbeit: "Arbeit ist für mich: Aufstehen, wenn man noch schlafen will. Wohin gehen oder fahren, wo man nicht hin will und etwas tun, das man nicht tun will, weil es unwichtig, blöd oder langweilig ist und weil man meistens dazu in einem Raum auf einem Stuhl an einem Tisch mit anderen Menschen, oder von anderen Menschen beobachtet, sitzen muss."

Lobenswert, dass die Autorin dem Rest der Welt die "Hausregeln des Anstands, der Würde, Lebensart und des guten Benehmens" beibringen will, doch bei ihr selbst scheint jede Bemühung vergebens: Dass man beispielsweise einer nervigen Nachbarstochter aus dem Schöneberger Problem-Kiez nicht wegen jeder Kleinigkeit gleich eine Zukunft als "fette dralle asoziale F...." prophezeit, ist anscheinend in gewissen Kreisen nicht bekannt.

Inhaltsleerer Ausflug in das sozial exklusivere Milieu

Eckhart Nickels "Was ich davon halte": Weder von äußeren noch von inneren Zwängen getrieben

Eckhart Nickels "Was ich davon halte": Weder von äußeren noch von inneren Zwängen getrieben

Auf der Suche nach Glamour ist der Heidelberger Autor Eckhart Nickel ebenfalls an der selbst gesetzten Fallhöhe gescheitert. Der Öffentlichkeit ist Nickel noch deswegen in schlechter Erinnerung, weil er sich 1999 am "popkulturellen Quintett" im Hotel Adlon beteiligt hat. Unter dem Titel "Tristesse Royale" hatten sich die Autoren an der Rehabilitierung des Schnöseltums versucht und dabei Abgründe offenbart

So entdeckt Eckhart Nickel im öffentlichen Nahverkehr Heidelbergs "das pure Grauen", den "Abschaum" und "das Strandgut der Menschheitsgeschichte". Doch anders als Naters, die ein gutes Beispiel für die Risiken und Nebenwirkungen einer westdeutschen Mittelschichtsozialisation darstellt, deutet Nickel in seinem aktuellen Erzählband "Was ich davon halte" exklusivere soziale Lagen an: Hier leben Mr. Barbour und Mrs. Duffelcoat im immerwährenden Schweizer Skiparadies, gelesen wird außer der "Neuen Zürcher Zeitung" nur Thomas Mann. Von Learjets und Lübecker Altbausalons ist die Rede, wenn nicht gerade das dekadente Sommerfest an die Jugend im Englischen Institut erinnert.

Doch Nickel hat weder etwas zu erzählen noch kann er es. Sein einziges Thema ist die Abwesenheit eines Themas und, weder von inneren noch von äußeren Zwängen getrieben, erschöpft sich sein Schreiben in der Beschwörung des Ennui. Egal, ob St. Moritz, Rhein-Main-Airport, Jaipur, Khartum, Wien, Tanger, Rom, Malta oder das heimatliche Heidelberg - irgendwas ist immer, und sei es der erschütternde Umstand, dass man es gewagt hat, den "Eilzug" abzuschaffen und durch einen "Interregio" zu ersetzen.

Glamour gibt's für zwei Mark an jedem Kiosk

Auf seiner Suche nach der verlorenen Zeit erntet Nickel dabei eine Peinlichkeit nach der anderen: "Motorola, my Madeleine" schreibt er, als ihn der Geruch in der Schachtel seines neuen Handys an die selige "Trafo-Zeit" des elektrotechnischen Spielzeugs erinnert. Mit großen Anstrengungen beschwört er pathetisch "hohe Klüfthimmel" und entdeckt dort oben sogar einen "Thron, schon schwarz drohend, über den weit oben die Eisfasern sich zum Amboss formen" - und landet am Ende doch nur bei gravierenden Gedanken über den inzwischen vergessenen Hit einer Band, die man genau wie Nickels Werk auf ganzer Linie vergessen kann: Den gefährlichen Cocktail aus Drogen und Verzweiflung hat Klaus Mann gekonnter gemixt. Das Abenteuer "On the road" beschrieben Jack Kerouac und Kollegen besser und der Label-Wahn hat schon bei Bret Easton Ellis genervt. "Glamour" gibt es inzwischen sowieso anderswo preiswerter: für zwei Mark an jedem Kiosk.

Elke Naters: "G.L.A.M.". Kiepenheuer und Witsch, Köln; 159 Seiten, 39,90 Mark

Eckhart Nickel: "Was ich davon halte". Quadriga Verlag, Berlin; 160 Seiten; 29,90 Mark



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