EM-Blog: Ach, würde die Europameisterschaft doch niemals enden!

Wirklich? Die Europameisterschaft ist tatsächlich schon vorbei? Im EM-Blog sammeln SPIEGEL-ONLINE-Autoren die schönsten Nebensachen zum Turnier. Diesmal geht es darum, wie schön es wäre, wenn der Wettbewerb einfach weiterginge - weiter, weiter, immer weiter.

Iker Casillas und Mitspieler: Und immer, immer, immer gewönne Spanien Zur Großansicht
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Iker Casillas und Mitspieler: Und immer, immer, immer gewönne Spanien

2.7. Abseits: Aus! Aus! Aus!

Schade, dass es vorbei ist. Wie schön wäre das, ginge es nun einfach immer so weiter und weiter und weiter und weiter und weiter (tut's schon weh?) und weiter. Wirklich einfach weiter. Der Mond nähme ab und wieder zu, aber der Anpfiffe und Abpfiffe wäre einfach kein Ende. Gnädig neigte der Spätsommer sich über Europa, aber noch immer gäbe es Aus- und Einwechslungen, gelbe und rote Karten, schöne und weniger schöne Tore, desgleichen die Sportberichterstattung. Nachnominierungen wären freilich nicht erlaubt, so dass wir uns an humpelnde Stürmer gewöhnen müssten und an Torhüter mit Krücken. An den Autos die flatternden Wimpel würden allmählich verrotten, aber die Leute würden sich stets neue mitnehmen aus Supermärkten und Tankstellen, nebst Bier und Kartoffelchips.

Die Fahnen wären einfach immer überall da und würden nicht mehr verschwinden. Es sähe zunächst überall in Europa aus wie in den USA, wo zu jeder Zeit und von jedem Punkt des Landes aus immer irgendwo ein Sternenbanner zu sehen ist, notfalls eingenäht in die eigene Unterhose. Es herrschte die Atmosphäre eines fröhlichen Ausnahmezustandes, eine permanente Mobilmachung nationaler Wallungen, aber das wäre okay so, weil alles ganz entspannt und sportlich zuginge. Delling und Scholl nähmen auf Barhockern Platz, weil das lange Stehen schmerzt. Müller-Hohenstein und Kahn stünden nach wie vor auf ihrer dummen Plattform in der Ostsee, würden sich aber bald lockerer kleiden. Hartmann würde in seinem "EM-Club" weiter selbst die Schenkelklopfer erzählen, aber die Lacher kämen vom Band, und das würde der Sendung gut tun. Alle anderen Sender gäben es bald auf, mit weichgespültem Weiberkram dagegenhalten zu wollen - und strahlten statt dessen klassische Partien aus, etwa die Schmach von Cordoba oder das Wunder von Bern.

Deutsche Fans reisten so ausdauernd nach Polen und in die Ukraine, dass manche von ihnen bald darüber nachdächten, sich eine kleine Wohnung in Lemberg oder eine Datsche vor den Toren von Warschau zu mieten. Die Stadien jedenfalls wären auch im Herbst noch ausverkauft, wenn der Wind schon schneidiger um die Ecken pfiffe. Das Publikum käme inzwischen mehr aus Pflichtgefühl denn aus Leidenschaft. In Nahaufnahmen könnte man die Fans blass und aufgedunsen auf ihrem Plastikgestühl hängen sehen, mit Ringen unter den Augen und aufblasbaren Nackenstützern um den Hals. Später müsste man Häftlinge in die Arenen karren, um die sich lichtenden Reihen aufzufüllen. Daneben entwickele sich ein Lumpenzuschauerproletariat, das in Zelten und Wohnwagen neben den Stadien leben und gegen ein lächerliches Zubrot als Sitz- und Klatschvieh agieren würde.

Merkel flöge weiterhin und wieder nach Breslau, Danzig oder Kiew, um die deutsche Mannschaft zu unterstützen und mit Monti, Hollande oder Rajoy zu beraten und anschließend in der UEFA-Fanbotschaft noch einen Absacker zu trinken. Irgendwann würde es zu sanften, fast zärtlichen Revolutionen kommen in Polen und der Ukraine, die fürderhin beide von Platini regiert würden wie zu Zeiten des Königreichs Polen-Litauen. Inzwischen wäre es Winter, der Ball rot, und in der UEFA würde laut über die Installation von Wärmebildtorkameras nachgedacht. Löw ließe sich einen überraschend grauen Bart wachsen, und die Spieler träten in dicken Parkas gegeneinander an. So mancher Angriff bliebe dennoch in Schneewehen stecken und könnte erst im Frühjahr fortgesetzt werden - zumindest so lange, bis die Schmelze einsetzt und der Schlamm die Sache auf seine Weise erschweren würde. Und trotzdem ginge es immer weiter und weiter und weiter, nur unterbrochen für die Weltmeisterschaft in Brasilien 2014, um dann fließend überzugehen in die Europameisterschaft 2016 in Frankreich, und immer, immer, immer gewönne Spanien.

Schön, dass es vorbei ist.

Arno Frank

1.7. Kiew: Zwischen "failed states" und Kriegsreportern

Uefa-Chef Platini (links) and FIFA-Präsident Blatter: "It is just an idea" Zur Großansicht
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Uefa-Chef Platini (links) and FIFA-Präsident Blatter: "It is just an idea"

Letzte Station Ukraine. Noch einmal kyrillisch, noch einmal Borschtsch. Zum Finale, dem Höhepunkt jedes Turniers. Spanien gegen Italien, das Duell darum, wer der nächste "failed state" werden darf. Für Deutschland scheint die EM dagegen schon Geschichte zu sein. Das Flugzeug von Warschau nach Kiew war ein einziger Journalisten-Bomber, aber ich war der einzige Deutsche an Bord.

Das Endspiel ist das erste richtige Weltereignis dieser EM. Das "Stader Tageblatt" (nichts gegen das "Stader Tageblatt", eine hoch ehrbare Zeitung) ist nicht mehr vor Ort, dafür "La Stampa", "The Guardian" und CNN. Der Flieger war voll mit britischen und US-amerikanischen Berichterstattern. Es sind meistens gereifte Herren in khakifarbenen Hemden. Sie sehen so aus, als kämen sie gerade erst aus Kabul zurück oder aus Somalia. Typen, wie sie Hollywood für die Reporterfilme besetzen würde. Sie wirken, als könne sie ein frühes Ausscheiden eines englischen Teams nicht mehr erschüttern.

Sie berichten nach Stratford-upon-Avon oder Pittsburgh über die unbekannte Stadt Kiew in dem unbekannten Land Ukraine. Die für die deutschen Kollegen so unbekannt geblieben ist wie vorher. Die meisten deutschen Reporter sind an den DFB-Spieltagen in der Ukraine aus Danzig eingeflogen, haben sich ein bisschen am Flughafen von Lemberg oder Charkow und im Stadionbereich herumgedrückt, anschließend das Spiel angeschaut und sind noch in der Nacht mit der nächsten Maschine nach Polen zurückgekehrt.

Es war ein bisschen so wie George W. Bush dereinst, wenn er mal eben nach Afghanistan eingeflogen wurde, sich mit seinen Soldaten an einem gebratenen Truthahn abarbeitete und dann schnell wieder weg ins Weiße Haus düste. Das Weiße Haus in Danzig war das Weiße Zelt des DFB-Medienzentrums.

Dabei hat die Ukraine das gut gemacht mit der EM. Okay, das Wetter hatten sie nicht so im Griff. Einmal hatte der Regen das Stadion in ein Donezk-Becken verwandelt, in Charkow kollabierten deutsche Biertrinker bei fast 40 Grad. Aber sonst. In der Ukraine hat die Nationalelf ihre Spiele noch gewonnen.

Den Uefa-Präsidenten Michel Platini hat die Doppel-Gastgeberschaft der EM auf eine Idee gebracht. Der Franzose, der mittlerweile so Napoleon-Sarkozy-mäßig geworden ist, dass er demnächst wohl in Blattini umgetauft werden muss, regte an, dass Europameisterschaften künftig nicht mehr nur in zwei, sondern in 12 oder 13 Ländern gleichzeitig ausgetragen werden könnten. Er sagte, "it is just an idea". Und er sagte danach, dass spätestens im Januar darüber endgültig abgestimmt würde. Der Mann muss letztens mal wieder ein Führungskräfteseminar besucht haben.

Ein Vorschlag, der mit den guten Erfahrungen von Polen und der Ukraine zusammenhängen muss. Ich habe im polnischen Danzig versucht, ein ukrainisches Trikot zu erstehen. Ein Verkäufer informierte mich, dass dies in dieser Stadt unmöglich sei. Die Farben blau und gelb der Ukraine seien nämlich auch die Farben der ungeliebten Nachbarstadt Gdingen. Dafür gebe es dort keine irischen Trikots zu kaufen, denn Grün sei nun mal die Stadtfarbe Danzigs. Das ist gelebte Partnerschaft.

Erst wenn man das Trikot Norwegens nur in Griechenland und das Portugal-Jersey nur in Finnland bekommt, dann ist Platinis Plan endgültig aufgegangen. Der Mann war immer schon ein Vorkämpfer gegen den Kommerz.

Peter Ahrens

29.6. Warschau

Tribüne im Warschauer Stadion: "Sieg"-Geschrei stört in Osteuropa erst recht Zur Großansicht
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Tribüne im Warschauer Stadion: "Sieg"-Geschrei stört in Osteuropa erst recht

Dies werden keine lustigen Zeilen. Die Laune ist so eher Medium. Trübe Gedanken regieren. Dieses Italienspiel hängt mir doch mehr nach, als ich dachte. Ich will nicht sagen, dass es mich mehr plagt als, sagen wir, Toni Kroos oder Mats Hummels. Obwohl Hummels nach der Niederlage so ein merkwürdig entrücktes Lächeln im Gesicht trug. Es sah beinahe erleichtert aus. Aber das kann ja nicht sein.

Wahrscheinlich hat er einfach gemäß der Löw'schen Philosophie positiv gedacht. Es gibt ja auch gutes. Trotz allem. Trotz Balotelli und Badstuber. Die Sonne über Warschau schien auch am nächsten Tag noch. Ehrlich gesagt, schien sie sogar viel heller und wärmer, nachdem die Deutschen ausgeschieden sind. Der Fußballgott und der Wettergott scheinen keine identischen Personen zu sein, zumindest sind sie unterschiedlicher Nationalität. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Nietzsche fragen. Der weiß so was.

Aber noch mehr positives: Die italienische Überlegenheit im Spiel war am Ende so groß, dass die deutschen Fans selbst ihr übliches "Sieg und "Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da" verschlucken mussten. Es hätte mich auch gestört, wenn sie es hier in Warschau angestimmt hätte. In der Stadt, in der die Deutschen schon mal da waren. In der Stadt des Warschauer Ghettos.

So wie es mich gestört hat, als sie es in Lemberg anstimmten. In Lemberg wurden fast 500.000 Menschen im Zweiten Weltkrieg ermordet. Oder in Danzig, wo die Deutschen den Krieg vom Zaum brachen. Oder in Charkow, wo 300.000 Menschen starben.

Das ist alles sehr lange her, ich weiß, und die Fans, die "Sieg" rufen, freuen sich bestimmt nur über die Erfolge der DFB-Elf. Das ist alles ganz harmlos und hat mit Revanchismus gar nichts zu tun. Trotzdem hat es mich gestört, es hat mir eine Gänsehaut gemacht, das "Die Deutschen, sie sind da" zu hören. Das "Sieg"-Geschrei stört mich schon in Deutschland, und hier in Osteuropa erst recht. Und deswegen hat es mir gefallen, dass sie es nicht in Warschau anstimmen konnten und dass sie es nicht mehr in Kiew tun können. Es gibt genug unschuldige Fangesänge ohne Beigeschmäcker - von mir aus sollen sie sogar die Nationalhymne, also dieses Pocher-Ding, singen. Schwarz und weiß, wir sind auf eurer Seite. Mir fast egal. Meine Laune ist wirklich nicht gut.

Jetzt geht es weiter in die Ukraine nach Kiew zum Endspiel. Zunächst auf den Flughafen von Warschau. Die Polen haben ihren Hauptstadt-Airport nach dem Pianisten-Genie Frederic Chopin benannt. Der Münchner Flughafen trägt den Namen von Franz-Josef Strauß. Jeder so, wie er mag.

Ich weiß wirklich nicht, ob meine Laune heute noch mal besser wird.

Peter Ahrens

Betroffene Fans in Berlin: Das Bier schmeckte schal. Und Papa musste sich sehr ärgern. Zur Großansicht
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Betroffene Fans in Berlin: Das Bier schmeckte schal. Und Papa musste sich sehr ärgern.

28.6. Berlin-Kreuzberg

Wie es kam, kam es aber doch nicht ganz unerwartet. Ganz sicher waren wir uns der Sache vorher nie gewesen, wenn wir mal ehrlich sind. Bis zuletzt zu viele Fragen offen. Das Wetter: Würde es schön bleiben oder doch noch stürmen? Sollten wir unsere vor der neuen Eckkneipe reservierten Draußenplätze nicht doch besser Passanten überlassen und daheim schauen? Wie lange dauert das hier mit dem Essen eigentlich? Und war es wirklich eine gute Idee, ausgerechnet heute den viereinhalbjährigen Sohn seine ersten Public-Viewing-Erfahrungen machen zu lassen?

Dann dieses komische Gefühl, als Philipp Lahm das erste Mal eingeblendet wurde, kurz vor dem Spiel, noch im Tunnel, kurz vor dem Aufmarsch und den Hymnen, dieser Ausdruck in seinem Gesicht, wie der Kapitän da geschaut hat, da hat man sich schon gedacht, so wie der schaut, der hat Angst. Das kann nichts werden. Und musste an Balotelli gegen die Engländer denken.

Diesen Gedanken schnell weggewischt, und zunächst half es noch: Das Wetter hielt. Das Essen kam. Und der Sohn war brav. Aber dann ging es recht schnell.

Die Pommes doch nur grob geschnitzte Kartoffeln. Der Sohn plötzlich unruhig und angstvoll, was passiert, Papa, wenn Deutschland verliert, und ab ins Bett. Zum Glück. Denn dann wurde es recht schnell nichts und gar nichts und überhaupt nichts mehr und selbst das Bier schmeckte schal. Und Papa musste sich sehr ärgern.

Nur ein schöner Selbstbetrug, der Titelwunsch. Nach dem ersten Tor zwar noch so etwas wie grimmige Hoffnung, aber nach dem zweiten: innere Aufgabe. Das Spiel hätte gefälligst gewonnen werden müssen, von Anfang an, bitteschön. So haben wir nicht gewettet. Und dann auch noch diese Fehler, dieses unnötige Gestolpere. Die Helden in Ungnade gefallen. Offenes Missfallen jetzt im Publikum.

Dann die Einsicht: Die Italiener leider einfach besser.

Schließlich Trotz: Jetzt erst recht. Der Elfer. Und Neuer als Feldspieler, großer Kämpfer. Aber zu spät. Alles aus.

Wir zahlten freudlos. Und morgen wieder zur Arbeit.

Stefan Kuzmany

28.6. Carmel by the Sea, in einem kalifornischen Pub

Wer als Fussballfan mitten während der Europameisterschaft zu einem Familienurlaub in die USA aufbricht, der begreift plötzlich, wie es sich für einen Weltklassespieler vom Schlage Iniestas anfühlen muss, wenn er mitten in einem vielversprechenden Sturmlauf durch einen von der Seite heranpreschenden gegnerischen Verteidiger plötzlich auf Null heruntergebremst wird. Man läuft jäh gegen eine Betonwand.

Während in Hamburg in jeder Kneipe Fussball läuft, interessiert sich in Kalifornien natürlich kein Mensch für dieses exotische Turnier hinter den sieben Bergen bei den osteuropäischen Zwergen. Die Spiele laufen zur Mittagszeit, nur ein paar Touristenbars in San Francisco hatten den übertragenden Sender ESPN während des Viertelfinalsiegs über Griechenland überhaupt eingeschaltet, auf den Sportseiten der amerikanischen Zeitungen kommt die EM praktisch nicht vor. Immerhin prophezeit auf der Website der "New York Times" ein Fussball-Blogger fachmännisch, worum es in den Halbfinalspielen eigentlich geht: Die Jungs von Joachim Löw seien mit Abstand die besten, die anderen drei Teams warteten nur darauf, "von den Deutschen eingestampft zu werden".

In Carmel by the Sea, wo ich das Spiel der Portugiesen gegen die Spanier sehen will, haben sich die härtesten Fussballenthusiasten dieser schönen kalifornischen Küstenstadt im Speisesaal von Jack London's Pub verschanzt. Vorne an der Bar läuft ein Baseballspiel auf den Fernsehschirmen, im Hinterzimmer sitzen wir Deutsche mit sechs Spaniern auf der Durchreise und einem Brasilianer, der in Carmel lebt und seine Ehefrau mitgebracht hat. An den Wänden hängen große Fotos von Jack London, der vor vielen Jahren der berühmteste Bürger von Carmel war und von Clint Eastwood, der heute der berühmteste Bürger von Carmel ist. Clint Eastwood sieht auf dem Bild sehr jung und sehr sportlich aus und hält einen Baseballschläger in der Hand. Die Spanier und der Brasilianer versichern uns, noch bevor der Ball rollt: "Dieses Jahr könnt ihr Deutschen es wirklich schaffen." Jetzt aber mal sehen, wen es im Finale einzustampfen gilt.

Nun gibt es in der Wunderwelt der Fussball-Lyrik sicher noch schönere Verben, mit denen sich die Kunst der deutschen Jungs beschreiben lässt, aber Sportreporter sind nun mal eigensinnige Poeten. Die Sprinterqualitäten des großen Cristiano Ronaldo zum Beispiel hat die deutsche "taz" mal besungen, indem sie ihm die Schubkraft eines frisierten Mofas andichtete. Für das Spiel gegen die Spanier hat irgendwer dem Mofa Ronaldo den Turbo wieder ausgebaut. Auch deshalb herrscht eine gutgelaunte Dämmerstimmung in Jack London's Pub. Die Portugiesen lahmen, nicht mal die spanischen Touristen können sich für das penetrante Ballgeschiebe ihrer Mannschaft begeistern, die Fernsehleute von ESPN haben schrecklich Angst, das ihnen die Zuschauer weglaufen: weshalb sie ständig sinnlose Statistiken einblenden wie die, dass die Niederländer noch nie in einem EM-Turnier alle ihre Spiel verloren haben. Die Niederländer! Was zur Hölle interessiert das während des Spiels Spanien gegen Portugal?

Während der Halbzeitpause und vor der Verlängerung diskutiert bei ESPN Michael Ballack mit netter Krawatte und geöltem Haar im Fernsehstudio mit diversen Experten. Die Stimmung im Speisesaal hebt das nur unwesentlich. Von der Bar in Jack London's Pub hört man Gejohle über eine offenbar total spektakuläre Baseballszene. Soll man neidisch darauf sein, dass der Sport der Amerikaner offenbar doch viel weniger langweilig ist als der Lieblingssport der Europäer? Quatsch, vermutlich ist gerade die echte oder vermeintliche Langweiligkeit, die den besonderen Reiz des Fussballspiels ausmacht. Der oft unfassbar öde Leerlauf zwischen den zwei gelungenen Spielzügen, die für eine ganze Halbzeit reichen müssen, wenn zum Beispiel Portugal gegen Spanien spielt. Die 120 Minuten Stumpfsinn, die der großen wilden Attacke auf die Zuschauernerven vorausgehen - dem Elfmeterschießen.

Jack London hat in einem beschaulichen, pittoresken, von grünen Hügeln umgebenen Küstendorf namens Carmel gelebt. Er liebte die Ruhe, die Einsamkeit, die unfassbare Langweiligkeit der Gegend. Aus ihr schöpfte er, was ihn berühmt gemacht hat: die Begeisterung für den Kampf, die Spannung, das große Abenteuer. "Der Mensch bekommt vom Leben immer weniger, als er verlangt", wusste der große Schriftsteller Jack London. In dem nach ihm benannten Pub in Carmel schreien am Ende des Elfmeterschießens die spanischen Touristen, so glücklich, so irre, so superwach, als hätten sie plötzlich den Ruf der Wildnis vernommen.

Wolfgang Hoebel

26.6.: "Wir sind schlecht"

Joachim Löw bei der Post-Match-Pressekonferenz: Sind die Fragen der Weltpresse besser? Zur Großansicht
Getty Images / UEFA

Joachim Löw bei der Post-Match-Pressekonferenz: Sind die Fragen der Weltpresse besser?

Ich gehe mal davon aus, dass möglicherweise nicht alle SPIEGEL-ONLINE-Leser sämtliche EM-Pressekonferenzen des DFB in voller Gänze mitbekommen haben. Weil das Mittagessen auf dem Tisch stand oder weil man mal aus der Wohnung musste, um nachzuschauen, ob irgendeine Gratiszeitung den Briefkasten verstopft.

Für all jene, die die eine oder andere Minute dieser Mittags-Daily verpasst haben sollten, biete ich hier einen kleinen Service an. Ich fasse mal zusammen, was die Nationalspieler und ihr Trainerstab so von uns Berichterstattern in den vergangenen Wochen gefragt worden sind. Es ist nur eine kleine Auswahl. Perlenfischerei im Meer des Journalismus.

"Herr Müller, eine Frage mit Bitte um eine ehrliche Antwort: Der Mario Gomez hat uns verraten, dass sein Bein nachts im Bett manchmal zuckt. Wie ist das bei Ihnen? Zuckt es auch?"

"Herr Bierhoff, man sagt, der erste Traum in einem neuen Nachtquartier geht in Erfüllung. Was haben Sie heute Nacht geträumt?"

"Herr Neuer, wir wissen, dass Bastian Schweinsteiger auf seinem Schuh den Namen seiner Freundin Sarah stehen hat. Was steht auf Ihrem Schuh?"

"Herr Mertesacker, Bastian Schweinsteiger hat auf seinem Schuh den Namen seiner Freundin Sarah stehen. Was steht auf Ihrem Schuh?"

"Herr Lahm, wie gucken Sie heute Abend Fußball? Setzt man sich zusammen, sitzt man auf dem Hotelzimmer oder im Foyer? Wie haben wir uns das vorzustellen?"

"Herr Reus, hat Ihnen schon jemand gesagt, dass Sie eine schönere Haarfrisur haben als Mario Gomez?"

"Herr Löw, es ist sehr heiß hier in Charkiw. Was werden Sie morgen zum Spiel anziehen? Haben Sie einen Modetipp für uns?"

"Herr Löw, ist es nicht eine Provokation, hier in Danzig das deutsche Quartier zu beziehen - aufgrund der Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges?"

"Herr Lahm, eben beim Training hat das Team einen neuen internen Schlachtruf ausgestoßen. Wie lautet er? Für uns klang es wie: 'Wir sind schlecht!' Haben wir uns da verhört?"

"Herr Löw, Cristiano Ronaldo macht morgens nach dem Aufstehen sofort Sit-ups, um körperlich in Form zu bleiben. Wie halten Sie sich fit?"

Kleines Gedankenspiel: Dieselben Fragen. Nur statt "Herr Lahm" oder "Herr Reus" steht da als Anrede "Frau Merkel". Und es ist nicht das weiße Zelt des DFB, sondern die Bundespressekonferenz in Berlin. "Zuckt es bei Ihnen auch nachts, Frau Bundeskanzlerin?" Vorstellbar? Mit der Bitte um eine ehrliche Antwort.

Peter Ahrens

21. bis 25. Juni: Schlaaand? Ich bin raus!
16. bis 20. Juni: Lernen von den Trendsettern
15. Juni: Der Ball ist rutsch
11. bis 14. Juni: Männer, die auf Ziegen starren
7. bis 10. Juni: Die Frisur sitzt

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
janne2109 28.06.2012
prima Überschrift, hilft für ein europäisches Miteinander unheimlich. Laßt doch endlich mal solche Worte.!!!!
2. gehts noch?
fliegenfranz 28.06.2012
Hoebel und Ahrens? Das war gar nichts - Sechs, setzen!!!
3. Lach, ja
Torfkopp 28.06.2012
aus dem ganzen Schmarrn müsste man ein Buch machen.... "Ball küsste die Torlatte", "Das Runde muss ins Eckige"......oh oh oh
4. Ich finde es..
divStar 29.06.2012
nicht schlimm.. die Jungs haben gekämpft und ihr möglichstes getan.. in einem Spiel Team vs Team gewinnt nun mal das bessere Team - und das war Deutschland gestern halt nicht.. nächstes Mal machen sie es besser.. immerhin sind wir nicht einfach so mit 0 Punkten in der Gruppenphase ausgeschieden - und Robben und Co. leben sicherlich auch noch :P.
5. Peinlich!
Stefan Wenzel 30.06.2012
Ne, ist klar, in seinem Beitrag vom 26.06. macht sich Peter Ahrens zu Recht über die auf der Pressekonferenz gestellte Frage lustig, wie die deutsche NM ihr Quartier in Danzig aufschlagen könne; in seinem Beitrag vom 29.06. (auf der gleichen Seite stehend) zitiert er dann selbst auf einmal allen Ernstes Opferzahlen des zweiten Weltkrieges, bringt diese mit den Gesängen deutscher Fans in Verbindung, und es hat ihm "gefallen, dass Sie diese nicht in Warschau anstoßen konnten" - sprich das Deutschland verloren hat. So what, ärgert uns das? Nein. Verwundert uns das? Nein. Die EM ist noch nicht ganz zu Ende, da muss SPON selbst wieder die immergleiche political-correctness-Sosse kübelweise ausgießen - und wie wenig Fähnchen-im-Wind-Ahrens mit der NM zu tun hat, wenn nicht gerade Turnier-Hype ist, verwundert jetzt auch nicht wirklich! Grüße
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