"Am liebsten mag ich Monster" Mit dem Bügeleisen auf Bestienjagd

Aufregend, spinnert, liebenswert: Emil Ferris' aufsehenerregendes Debüt "Am liebsten mag ich Monster" verrührt Grusel-, Kunst- und Krimi-Elemente zu einem Comic-Thriller mit "Stand by Me"-Zauber.

Emil Ferris/ Panini

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Es hat zwei Ignatz Awards gebraucht, drei Eisner-Awards, noch mehr Erwähnungen auf Bestenlisten, bis ich es irgendwann auch geschnallt habe: Ich sollte in "Am liebsten mag ich Monster" mal einen Blick reinwerfen, obwohl ich von diesem Emil Ferris vorher noch nie was gehört habe. Dann google ich ihn und es stellt sich raus: Ist 'ne Frau. War ja klar! Wenn schon ahnungslos, dann richtig.

Ich klappe also den telefonbuchdicken Wälzer auf und der erste Eindruck ist: sehr nett und niedlich dazu. Ein gefaktes Ringbuch, alle Seiten sind liniert, Löcher zum Raustrennen und Abheften inklusive, Fotos und Schnipsel dazu geklemmt - die dicke Kladde gehört Karen Reyes. Karen ist zehn Jahre alt und lebt in den Sechzigerjahren in Chicago. Sie liebt Monstergeschichten, sie zeichnet die blutrünstigen Heftcover ab, die sie von ihrem großen Bruder Deeze kriegt.

Und sie zeichnet überhaupt ziemlich viel: Karen hat nicht viele Freunde und wird in der Schule gehänselt, sie ist viel allein und hält sich selbst für hässlich, nicht zuletzt deshalb träumt sie davon, selbst ein Monster zu werden. Diese Erklärung dafür, warum Karen so gut zeichnet, ist wohl ein wenig geschummelt, das macht aber nichts, weil das Ergebnis vom Start weg so großartig ist.

Es bleibt einem die Luft weg

Emil Ferris' Metier ist das Schraffieren, und was sie mit dem simplen Übereinanderlagern von Gittern und Linien macht, da bleibt einem die Luft weg. Gleich zu Beginn zaubert sie daraus eine wunderschön plastische Abfolge, wie sich Karen in ihrer Fantasie zum Monster verwandelt. In einem Chicago mit düsteren Hausfassaden und fratzenbesetzten Portalen, verfolgt von einem ziemlich garstigen Mob, der nicht nur Fackeln schwingt, sondern auch ausgesucht schönen Blödsinn wie Burgerwender, Bügeleisen oder Telefonhörer.

Es geht so skurril los, wie man es von einem Mädchen erwarten kann, das bizarre Valentinskarten bastelt, bei denen aus Makkaroni rote Lebensmittelfarbe blutet. Ihr großer Bruder hilft ihr dabei, zusammen halten sie die abergläubische Mutter in Schach, die hinter ihrer Schmetterlingsbrille hervor verkündet, man dürfe nicht mit einer Katze im Arm fotografiert werden oder sich nach Einbruch der Dunkelheit kämmen.

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Comic "Am liebsten mag ich Monster": Blutige Valentinskarten

Und dann greift Ferris mutig in die Zutatenliste und lässt den geheimnisvollen Tod der schönen, aber spinnerten Nachbarin Frau Silberberg stattfinden. Karen skizziert das gesamte Haus mit seiner verschrobenen Einwohnerschaft, alle Anhaltspunkte komponiert das inzwischen in Schlapphut und Trenchcoat (vom Bruder geborgt) ermittelnde Detektiv-Monsterchen zu ebenso verwirrenden wie erfrischenden Seiten, Doppelseiten, Anmerkungen, in die man sich mit Freuden und gar nicht mal so wenig Grusel hineinversenkt, ein ungewöhnlicher Mix, ein bisschen wie "Stand by Me" und "Das Haus der Krokodile" (aberdie alte Version).

Mit Leichtigkeit eröffnet Emil Ferris Abgründe, die Vergangenheit der toten Mrs. Silberberg führt zurück in das Berlin der Zwanzigerjahre, die Ferris mit einer fantastischen Doppelseite aus Straßenszene und Passantenstudien krönt, das Porträt einer vom Krieg verwirrten Stadt mit ihren verstörten und vernarbten Einwohnern, brillant und brutal zugleich. Kann sowas eine Zehnjährige wissen? Warum nicht: Deeze und Karen gehen immer wieder ins Museum, beiläufig liefern sie dabei auch einen Streifzug durch die Kunstgeschichte, und außerdem: Wen juckt's?

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Emil Ferris:
Am liebsten mag ich Monster

Übersetzt von Torsten Hempelt

Panini; 420 Seiten; 39 Euro

Übrigens stimmt's vielleicht: "Am liebsten mag ich Monster" ist stark autobiographisch, und Ferris erzählt, dass sie bereits mit zwei oder drei Jahren zu zeichnen angefangen hat. Die heute 55-Jährige hat lange als freie Grafikerin gearbeitet, "Am liebsten mag ich Monster" ist ihre erste Graphic Novel. Auch das könnte der Grund dafür sein, dass nach etwa drei Vierteln das Niveau spürbar nachlässt.

Die Schlagzahl wäre auch kaum durchzuhalten. Die Zeichnungen werden weniger akribisch, weniger einfallsreich, und leider hat Ferris auch die zuvor so wundervoll aufgefaserten Handlungsstränge nicht mehr so souverän im Griff. Die Fäden werden ziemlich konventionell abgearbeitet, manchmal sogar arg gefühlig, wie man es von US-Weihnachtskomödien kennt, die nach boshaft-bissigen Anfängen oft unschön versöhnlich-harmlos enden.

Aber: Das alles wirkt vor allem deshalb so blässlich, weil Ferris vorher so ein Ideen-Feuerwerk abgefackelt hat. Werd ich mir den nächsten Band von ihr zulegen? Auf jeden Fall!



insgesamt 1 Beitrag
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neanderspezi 17.09.2018
1.
Wer schraffiert hat mehr vom Papier, kostet nur sehr viel mehr Stifte und dürfte auch zur raschen Ermüdung führen. Ligne claire bringt die Vielzahl von Strichen auf einen einzelnen Strich und ist wesentlich ausagekräftiger mit und ohne Farbe, verlangt allerdings Präzision in der Aussage, viel Übung und großes Können.
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