Französischer Krimi Liebe ist nur ein anderes Wort für Gewalt

Tote Prostituierte, toter Gutsherr und ein Knecht, der klüger ist, als er tut: Die junge Französin Émilie de Turckheim jongliert in ihrem Krimi "Im schönen Monat Mai" geschickt mit Provinzklischees - ein schmales, ungewöhnlich literarisches Buch.

Schriftstellerin Émilie de Turckheim: Krimi-Bestandteile kondensiert
Wagenbach/ David Ignaszewski

Schriftstellerin Émilie de Turckheim: Krimi-Bestandteile kondensiert

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Der Gutsherr, Monsieur Louis, ist tot. Beerdigt in aller Stille. Erst vier Wochen später erfährt die Außenwelt von seinem Ableben.

Émilie de Turckheims Kriminalroman "Im schönen Monat Mai" spielt im tiefen französischen Hinterland, irgendwo jenseits von Saint-Étienne - ein Ort, der im Buch nur deshalb erwähnt wird, weil sich dort das nächstgelegene Bordell befindet. Monsieur Louis fuhr regelmäßig hin. Und ebenso regelmäßig kam eine der Prostituierten, sie hieß Lucette, zu ihm. Ihr Kleid "so kurz wie ein Hemd", hohe Absätze - kokett stützte sie sich, bevor sie sich ins Schlafzimmer begab, auf einen Spaten und ließ sich anhimmeln von Aimé, Monsieur Louis' jugendlichem Knecht. Der mühte sich ab im Gemüsegarten.

Aimé ist es auch, der in Émilie de Turckheims Buch die Geschichte vom Tod Monsieur Louis' erzählt - und bald auch die vom Tode Lucettes und einiger anderer Leute. Er ist, das wird schnell klar, nicht so dumm, wie er sich gibt. Die Verstellung ist ihm wohl zum Schutz schon als Kind derart selbstverständlich geworden, dass seine Intelligenz nur gelegentlich einmal durchblitzt - als wäre sie eine Art Sprachfehler, den man sich nicht ganz abtrainieren kann.

Aus der Stadt, "vielleicht nicht Paris, sondern aus einer öden Kleinstadt, einem blöden Kaff", treffen die möglichen Erben von Monsieur Louis auf dem Gut ein. Allesamt nicht verwandt mit dem Toten und doch, wie sich zeigt, nicht ohne Grund geladen: Sind sie doch alle miteinander schuldig geworden in einem Fall, in dem das Wort Liebe nur ein anderer Ausdruck ist für rohe, körperliche Gewalt.

Geradezu sinnbildlich erscheint da die entstellte Visage von Hektor, dem zweiten Knecht des Guts: Ihm wurde das halbe Gesicht weggeätzt. Aber was ist das schon gegen die seelischen Verwüstungen, die Aimé in sich trägt. Mag er auch äußerlich unbeschadet sein, seine Weltsicht ist schwarz, seine letzte Rettung sind trockene Pointen: "Ich glaube nicht, dass der Tod der Anfang von einem neuen Leben ist. Wenigstens hoffe ich es. Das wäre ein harter Schlag, wenn alles noch mal von vorne anfinge."

Auf knappem Raum entfaltet sich ein Panoptikum menschlicher Scheußlichkeiten, bei dem die junge Autorin, 1980 geboren, kokett mit den Klischees vom Hinterwäldler hantiert. Die Grundkonstellation ihres Romans ist dabei ziemlich klassisch: Eine Gruppe von Leuten auf einem Gut, wie bei Agatha Christie. Dazu kommt die an manche Krimis von Fred Vargas (so "Die Nacht des Zorns") erinnernde, unheilsschwangere Atmosphäre der französischen Provinz, in der das Exzentrikertum ebenso zu Hause ist wie die Brutalität.

Zum Großteil der restlichen Produktion verhält sich "Im schönen Monat Mai" in etwa so, wie Andrea Maria Schenkels "Tannöd" zu der des Jahres 2006 - wenn man die beiden Bücher auch in vielem nicht vergleichen kann, gibt es doch Ähnlichkeiten: Der bei aller Unterschiedlichkeit Genre-untypische literarische Tonfall, die auf wenige Protagonisten und Handlungsorte konzentrierte Geschichte - und das Dorf als Ort dunkler Abgründe. Émilie de Turckheim hat diese Bestandteile kondensiert und daraus einen schmalen Roman gemacht, der die Hoffnung weckt, dass ihr nach dieser Fingerübung einmal Großes gelingt.

Schön allerdings, man könnte es geahnt haben, ist in dieser finsteren Frühjahrsgeschichte nicht mal das Wetter.

Bislang fanden Sie an dieser Stelle die Krimis des Monats. Ab jetzt werden Kriminalromane auf SPIEGEL ONLINE einzeln rezensiert. Zuletzt: Arne Dahls "Gier", Donald Ray Pollocks "Das Handwerk des Teufels", Fred Vargas' "Die Nacht des Zorns" , Sam Hawkens "Die toten Frauen von Juarez" und Matthew Stokoes "High Life".



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
albert schulz 09.05.2012
1. wo denn wer denn was denn
Dazu ließe sich eine Menge anmerken. Sofern man dem Text irgendeine Information entnehmen könnte oder zwischen Überschrift und Text eine Ähnlichkeit entdecken. Es wäre doch einfach, den einzigen Menschen zu befragen, der das Ding gelesen hat, nämlich den Lektor. Da käme weit preiswerter, als wenn ein preisgekrönter Mitarbeiter des Spiegel Worte zu machen sucht. Mir hatte es die Überschrift angetan, die möglicherweise nur schlecht übersetzt ist, aber auf keinen Fall einen wie auch immer gearteten Sinn ergibt. Liebe ist eine Macht, gegen die man sich kaum zur Wehr setzen kann, aber ganz sicher nicht Gewalt, obwohl sie nicht selten in Gewalt mündet. Liebe kann hübsch brutal sein. Es gibt nichts Härteres.
albert schulz 09.05.2012
2. wo denn wer denn was denn
Dazu ließe sich eine Menge anmerken. Sofern man dem Text irgendeine Information entnehmen könnte oder zwischen Überschrift und Text eine Ähnlichkeit entdecken. Es wäre doch einfach, den einzigen Menschen zu befragen, der das Ding gelesen hat, nämlich den Lektor. Da käme weit preiswerter, als wenn ein preisgekrönter Mitarbeiter des Spiegel Worte zu machen sucht. Mir hatte es die Überschrift angetan, die möglicherweise nur schlecht übersetzt ist, aber auf keinen Fall einen wie auch immer gearteten Sinn ergibt. Liebe ist eine Macht, gegen die man sich kaum zur Wehr setzen kann, aber ganz sicher nicht Gewalt, obwohl sie nicht selten in Gewalt mündet. Liebe kann hübsch brutal sein. Es gibt nichts Härteres. So richtig hart ist allerdings auch das Fehlen sämtlicher Sinnzusammenhänge. Das hält selbst ein qualgewohnter Spiegelleser mit jahrelanger Erfahrung nur bedingt aus.
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