Graphic Novel "Endzeit" Die Beißer sind mitten in Thüringen

Zombies aus heimischer Produktion: Olivia Viewegs Graphic Novel "Endzeit" platziert die Untoten im deutschen Osten zwischen Weimar und Jena - mit erfrischenden Folgen.

Olivia Vieweg/ Carlsen

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Und wieder mal geht es um Untote aus Deutschland, aus dem Osten, genauer gesagt: Die Zombies stammen von Olivia Vieweg, einer 30-jährigen Illustratorin und Zeichnerin aus Jena. "Endzeit" heißt die knapp 300 Seiten starke Graphic Novel, und das Ergebnis ist - das vorweg - sehr deutsch, in vielerlei Hinsicht, aber auf jeden Fall deutsch im besten Sinne.

Viewegs Geschichte spielt in Weimar. Wo die Zombies herkommen, weiß niemand, es gibt sie einfach seit zwei Jahren. Die Städte werden mit Zäunen geschützt, die man regelmäßig flicken muss. Sonderlich elaboriert sind diese Zäune nicht, auch Viewegs Zombies sind keine raffinierten Genies.

Wie Vieweg den Zombie generell weder neu erfindet noch sonderlich Lust hat, auf die Ungereimtheiten des Genres näher einzugehen: Sie interessiert, was die äußere Bedrohung mit den Menschen drinnen macht. Es fehlt einfach an allem, und darum gibt es Vergünstigungen gegen Wohlverhalten. Es wird wenig geschwafelt, sondern viel getauscht: Was hast du, was kannst du mir geben? Und wer muss die unangenehmen Jobs erledigen?

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Zombie-Geschichte: So sieht sie aus, die "Endzeit"

Das schüchterne, zurückhaltende Teenagermädchen Vivi, das in einem Heim wohnt, fürchtet nichts mehr, als zu den Arbeiten "am Zaun" eingeteilt zu werden - und sie wird von der Heimleiterin erst dazu abgestellt, nachdem diese sie beim Klauen von Lebensmitteln erwischt. Man weist sie der etwas älteren Eva zu, die sich wiederum bei ihrer Chefin beschwert, dass "bei ihr immer die Versager" abgeladen werden.

Prompt kommt es zu einem Zwischenfall am Zaun. Eva kann in letzter Minute das Loch stopfen. Ein Neuling wird gebissen und als Infizierte sofort getötet. Vivi versucht geschockt, sich das Leben zu nehmen: Der Versuch scheitert, und um nicht weggesperrt zu werden, beschließt sie, aus Weimar zu fliehen. Unterwegs begegnet sie Eva. Denn die hat verschwiegen, dass sie ebenfalls infiziert wurde, und will nach Jena: Dort, heißt es, sollen sie angeblich Infizierte behandeln können.

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Olivia Vieweg:
Endzeit

Carlsen; 288 Seiten; 22 Euro

All das macht die Story schon mal sehr viel vorstellbarer als die übliche Meterware: Es gibt neben "rennen" und "töten" eine dritte Option, die Heilung. Es laufen auch nicht alle mit Schnellfeuerwaffen und Samuraischwertern herum, weil ja ein einfacher Zaun reicht.

Und mit Vivi wählt Vieweg eine Hauptperson, die nicht blindlings durch die Gegend metzgern mag. Übrigens auch, weil - anders als in Amerika - Schusswaffen nicht zum Standardinventar der Bevölkerung der Bundesrepublik gehören. Man merkt einfach, dass Olivia Vieweg sich bereits zum dritten Mal mit dem Stoff befasst: Die Zombie-Geschichte begleitet sie schon seit 2011.

Gespür für gute Szenen

Damals hat sie studiumshalber eine kürzere Story gleichen Namens herausgebracht. Sie wurde beim Schwarzen Turm veröffentlicht, dann, nach einem Drehbuchworkshop, entstand daraus ein Spielfilm, der bereits abgedreht wurde und 2018/19 ins Kino kommen soll. Beim Drehbuchschreiben entdeckte und erlebte Vieweg dann die Vor- und Nachteile einer Kunstform, bei der einem eine Menge Leute reinquatschen.

Das mag einer der Gründe sein, weshalb sie anschließend wieder eine Graphic Novel draus machte, eben auch weil man im Comic alles selbst in der Hand hat. Diesen Luxus genießt Vieweg auch deshalb sehr bewusst, da sie, wie viele deutsche Zeichner, nicht von ihren Comics leben kann. Sie illustriert zusätzlich Kinderbücher, sie verkauft Katzen-Cartoons und das Merchandising dazu, Tassen, Feuerzeuge.

"Ich weiß, was ich kann", sagt sie selbstbewusst. "Es gibt eine Menge Zeichner, die genauso gut oder besser sind - aber ich kann Geschichten erzählen, und ich hab die Disziplin, die man braucht, um ein Jahr lang ohne jede Ermutigung einen Comic zu zeichnen." Das stimmt sicher, die grafischen Qualitäten brauchen sich jedoch nicht zu verstecken. Vieweg zeichnet leicht mangaartig, sie wählt geschickt die passenden Bildausschnitte, sie zieht souverän das Tempo an und lässt sich immer wieder an den richtigen Stellen Zeit.

Sie hat Gespür für gute Szenen, die sie dann in Splashes einfühlsam koloriert richtig zur Geltung bringt: Das sommerlich heiße Weimar. Ameisen, die in Straßenformation über nackte Zehen krabbeln. Ein schlichter Sternenhimmel. Oder auch plötzlich zwei Giraffen in der von Menschen entvölkerten, sonnendurchglühten Thüringer Einsamkeit.

Das Ergebnis hat alle nötigen Zutaten wie Blut und Panik, ist aber dennoch alles andere als Standardware, eine Art Craft-Beer aus regionaler Produktion: Wohl bekomm's!



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ekel 08.06.2018
1. Der Begriff „Graphic Novel“
Ich bin beim Begriff Graphic Novel immer zwiegespalten. Einerseits wird er häufig von Leuten benutzt, die klar machen wollen, dass es sich bei ihrem Kesestoff nicht um einen schnöden Comic, sondern um eine intellektuell hochwertigere Graphic Novel handelt. Andererseits will ich den Begriff auch nicht mehr zu sehr verteufeln, da er schon viele Abgeneigte dem Comiclesen näher gebracht hat. Zum Comic selber: die Zeichnungen Sind nicht meins. Es müsste sich schon um eine extrem gute, noch nie dagewesene Geschichte handeln, damit ich ihn lese. Das Thema Zombies ist für mich auch seit Jahren - und es fällt mir leider kein passenderer Begriff ein - ausgelutscht. Zu lange schon finden sich in allen Medien zu viele Geschichten mit den gehirnlosen Beissern, und seit Jahren ist es immer das gleiche. Dieser Artikel hat mich nicht vom Gegenteil überzeugen können.
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