Enzensberger zur 68er-Debatte "Ihr ödet uns an!"

Tatsachen, die seit 30 Jahren bekannt seien, würden als "Sensation gehandelt und geben Schlagzeilen her", meint der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger zur 68er-Diskussion.


Genervt von niveaulosen Meinungsfabrikanten: Hans Magnus Enzensberger
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Genervt von niveaulosen Meinungsfabrikanten: Hans Magnus Enzensberger

Frankfurt/Hamburg - Kein Vergleich sei den Veranstaltern dieser Scheindebatte "zu idiotisch, keine moralisierende Geste zu billig, um die Medien zu füttern", so der Autor. Gnadenlos werde ein "vor dreißig Jahren verendeter Hund durchs Dorf getrieben", schreibt Hans Magnus Enzensberger in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die gegenwärtige Auseinandersetzungen über die 68er- Ereignisse sind für ihn nichts als eine "gespenstische" Scheindebatte.

Dabei liegt es nach Enzensbergers Ansicht auf der Hand, "dass sich niemand mehr, außer den Angehörigen der Opfer, von Ohnesorg bis Buback, wirklich für diese Geschichte" interessiere. Am allerwenigsten die Leute, die das "Gequassel angezettelt" hätten und nicht einmal die Millionen von Personen, die sich nachträglich zu "Achtundsechzigern" stilisiert hätten, "solange sie in dem Wahn lebten, damit wäre ein Distinktionsgewinn zu erlangen".

So gut "wie ausnahmslos alle Jüngeren" halten sich nach Meinung des Schriftstellers ohnehin die Ohren zu, sobald einer der Veteranen den Mund aufmacht, und noch weniger Anklang dürften bei ihnen die Reprisen finden, mit denen sich die Parteipolitiker amüsierten. Das "Kauderwelsch der Gespensterdiskussionen" diene nicht zuletzt dazu, die "ungelösten Probleme zu eskamotieren, mit denen die Politik sich konfrontiert" sehe. "Wer die lächerlichen K-Gruppen der siebziger Jahre angreift oder verteidigt, braucht sich nicht mit den Folgen der Globalisierung zu befassen; er kann ungestraft behaupten, er könne für die Sicherheit der Altersversorgung einstehen", schreibt Enzensberger in dem Beitrag.

"Der Mescalero von anno dazumal erspart die Auseinandersetzung mit den demographischen Tatsachen; und die Frage, wer irgendwann einen Pflasterstein in der Hand hatte, dient als Paravent für ein obszönes Taktieren in der Biopolitik", heißt es in dem Text weiter. Wer sich an solchen Manövern beteilige, gehe unter sein Niveau. "Liebe Meinungsfabrikanten, lasst es gut sein. Hört auf! Niemand glaubt euch! Ihr ödet uns an!", beschließt der Autor seinen Beitrag.



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