Erfolgsautor Viktor Pelewin "Wünsche sind wie Ratten"

Viktor Pelewin ist in Russland der erfolgreichste Autor seiner Generation. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über sein Land, die Leere und über Drogen.

Von Daniel-Dylan Böhmer


Viktor Pelewin: Was gibt es Neues in Deutschland?

Viktor Pelewin: Was gibt es Neues in Deutschland?

Viktor Pelewins neuer Roman "Generation P" handelt von der Reise eines Moskauer Werbetexters in eine Welt, die zugleich Medienrealität, eine buddhistische Offenbarung und ein Drogenexzess ist. SPIEGEL ONLINE traf das 37-jährige Phantom, das in Russland nur über das Internet mit seinen jungen Fans kommuniziert und unzählige Fehlinformationen über sich verbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Zunächst vielen Dank für das Interview. In Russland treten Sie in der Öffentlichkeit ja gar nicht auf. Selbststilisierung?

Viktor Pelewin: Überhaupt nicht. Ich hasse es einfach, anders als mit meinen Büchern im Rampenlicht zu stehen. Ich fahre in Moskau viel U-Bahn, und wenn man mein Gesicht im Fernsehen sähe, dann würde mich dort jeder anquatschen.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl Ihr Buch ein Bericht aus dem postsowjetischen Russland ist, erinnern viele Themen an westliche Romane: Medienrealität, Werbung. Ist Russland dem Westen so nahe?

Pelewin: Was die Geisteszustände angeht, ist Russland wirklich westlich, zumindest in der Werbung. Die dreht sich bei uns vor allem um westliche Produkte. Und Geld - Geld ist ebenfalls sehr international. Russland dagegen ist nur ein Medienklischee.

SPIEGEL ONLINE: Aber in Ihrem Buch ist Russland auch sehr real, in den Stadtbildern, der fröhlichen Resignation, der Mafia.

Pelewin: Nein. Alles in diesem Buch ist falsch. Das weiß ich hundertprozentig, denn wissen Sie, ich habe mir das alles ausgedacht. Aber im Ernst: Das, was mir wirklich schmeichelt, ist, dass vieles, was ich in dem Buch geschrieben habe, später wirklich passiert ist. Zum Beispiel, dass Medienzar Beresowski versucht hat, die Politik heimlich zu manipulieren. Das kam in einem Kapitel meines Buches vor, wenige Monate, nachdem es erschienen war, zeigte man Videoaufnahmen, die das bewiesen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland wurde "Generation P" von vielen als ein Bericht über das Verschwinden der Wirklichkeit gelesen. Der Aufstieg Putins wurde durch den Tschetschenienkrieg durchgesetzt - ein ziemlich realer Vorgang, auch wenn er medial vermittelt wurde.

Pelewin: Ja, aber beides ändert wenig am Bewusstsein und am Alltag in Russland. Und zudem interessiere ich mich nicht für Politik - da sollten Sie Ihren Moskauer Korrespondenten fragen, der ist wirklich ein Experte.

SPIEGEL ONLINE: Vielen Dank für die Blumen. Und was bleibt, wenn man die Medienrealität ausblendet? Mehr Wirklichkeit?

SPIEGEL ONLINE: Mehr Geist. Man kommt dazu, seinen Geist schärfer zu beobachten. Ein Bewusstsein, das sich nicht vor sich selbst verstecken kann. Die große Leere. Das ist der menschliche Geist. Das ist es auch, wofür ich ins Kloster gehe.

SPIEGEL ONLINE: Um die wunschlose Glückseligkeit des Buddhismus zu finden?

Pelewin: Wünsche sind wie Ratten, die in der Dunkelheit herumhuschen. Sobald man das Licht anknipst, sobald man sie sich vergegenwärtigt, sind sie weg. Natürlich habe ich noch Wünsche (grinst), aber zum Beispiel ist mein Interesse an Drogen vollkommen verschwunden. Das ist etwas, was mich sehr verwirrt.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist schon mal geklärt, dass die Legende, Sie seien dauerhaft high, nicht stimmt.

Pelewin: Nein, nicht mehr. Ich trinke auch keinen Alkohol mehr. Vielleicht eine Altersfrage. Hm. Gibt es irgendwas Neues auf dem Markt in Deutschland?

SPIEGEL ONLINE: Ich glaube, das letzte Bahnbrechende war die Koks-Mixtur Base. Man wird binnen Tagen so abhängig davon, dass man nur noch damit beschäftigt ist, sich zu betäuben.

Pelewin: Interessant. In Russland gibt es jetzt eine neue Ephedrin-Verbindung. Aber diese ganzen Remixes sind ja nie wirklich neu. Denselben Stoff haben sie in babylonischen Gräbern gefunden. Man kann eine Woche am Stück wach sein und ist sexuell sehr aktiv. Und dazu kommt die Leere. Als wir in der Pubertät kiffen gingen, haben wir uns "Gesellschaft für sowjetisch-albanische Freundschaft" genannt. Purer Nonsens. Das war das Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Komischer Zufall. Wir haben gesagt, wir gehen in "die Sowjetunion".

Pelewin: (lacht) Ja, das passt. Das ist die Lösung. Denn wissen Sie, wo in Wahrheit die absolute Leere ist? In der Sowjetunion!

Viktor Pelewin: "Generation P". Verlag Volk und Welt, Berlin; 323 Seiten; 42 Mark.



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