Erfolgsautorin Buschheuer "Blogs sind abgetriebene Gedanken"

"Viele kleine Fehlgeburten" hatte sie im Netz, findet die Autorin und Moderatorin Else Buschheuer - und will deswegen nach zehn erfolgreichen Blogger-Jahren aufhören. Im KulturSPIEGEL-Interview spricht sie über die Zerstörung ihrer Kreativität, verzogene Leser und Twittern als Ersatzdroge.


KulturSPIEGEL: Vor zehn Jahren waren sie in Deutschland eine der ersten bloggenden Schriftstellerinnen, bis heute sind sie eine der bekanntesten. Wieso soll jetzt Schluss sein?

Buschheuer: Ich bin mir sicher, dass ich mein bestes Buch noch nicht geschrieben habe - und dass mein Internet-Tagebuch einer der Vorwände war, mich davon abzuhalten. Ich hab' mir dort die Seele aus dem Leib geschrieben: Bloggen, das sind viele kleine Fehlgeburten, abgetriebene Gedanken, aber eine Geschichte zu einer großen, geschlossenen Form zu bringen, das hat Majestät.

Autorin Buschheuer: "Ich prüfe alles auf Verwertbarkeit"
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Autorin Buschheuer: "Ich prüfe alles auf Verwertbarkeit"

KulturSPIEGEL: Das Bloggen hat ihren Schreibstil verändert?

Buschheuer: Das kann ich selber schwer beurteilen. Es hat meinen Erlebensstil verändert. Ich prüfe alles auf Verwertbarkeit: Wenn ich ausrutsche und stürze, hab' ich, noch bevor ich auf den Boden aufschlage, einen kurzen, lakonischen Satz dafür formuliert.

KulturSPIEGEL: Geht denn nicht beides: Bloggen und Romane schreiben?

Buschheuer: Das ist schwer. Einen Roman zu schreiben, bedeutet, sich Dinge zu notieren und wegzulegen. Irgendwann wachsen sie zu etwas heran, was Literatur wird, was sich ins große Ganze fügt. Wenn man sich aber diese kleinen Geschichten selbst wegnimmt und sie sofort publiziert, weil da dieser Drang ist, die Leser zu füttern - dann sind die Leser irgendwann satt. Das ist wie mit einer Schauspielerin, die in jeder blöden Talkshow rumsitzt, in jeder kleinen Serie mitspielt, bis die Leute sagen: "Ach, diese Lara Maria Schießmichtot schon wieder".

KulturSPIEGEL: Sie wollen sich rar machen.

Buschheuer: Ich muss. Ich war vier Jahre lang eine Schriftstellerin, die von ihren Romanen leben konnte. Durch das systematische Bloggen habe ich den Wert meines Schreibens zerstört.

KulturSPIEGEL: Sie kokettieren.

Buschheuer: Nein, ich meine das ernst. Warum soll ein Leser für jemanden bezahlen, den er umsonst haben kann?

KulturSPIEGEL: Immerhin haben Sie mehrfach Auszüge aus Ihrem Blog als gedrucktes Buch veröffentlicht.

Buschheuer: Ja, aber das war Liebhaberei, um mein virtuelles Leben zu rekonstruieren. Verdienen kann man damit nichts. Einige der Tagebücher habe ich sogar selbst als Book on Demand herausgebracht, also noch draufgezahlt. Große Verlage wollen keine Texte, die schon im Netz stehen.

KulturSPIEGEL: Auch nicht, wenn sie im Netz besonders beliebt sind?

Buschheuer: Das bringt nicht viel. Jeden Tag klicken meine Leser meine Internet-Seite an und lesen über meine Einsamkeit, mein Scheitern, meine kleinen Freuden. Schreibe ich zwei Tage nicht, krakeelen sie. Aber sie kaufen meine Bücher nicht, ich habe sie total verzogen. Wenn ich wieder einen Roman schreiben will, dann muss ich vermutlich virtuell verstummen.

KulturSPIEGEL: Ab und zu finden sich auf Ihrer Seite aber noch neue Einträge. Ist das nicht inkonsequent?

Buschheuer: Ich kann nicht von heute auf morgen komplett aufhören, aber ich blogge bereits viel weniger. Stattdessen habe ich neuerdings einen Twitter-Account. Für mich verhält sich das Twittern zum Bloggen wie Methadon zum Heroin - ich muss von der Droge loskommen. Und außerdem ist der Ablösungsprozess nicht nur für mich schwer, sondern auch für meine Leser.

KulturSPIEGEL: Ihre Leser protestieren?

Buschheuer: Sie schreiben lange und traurige Abschiedsbriefe. In den vergangenen Jahren sind meine Leser mit mir Feministen geworden und Hare Krishnas und Leipziger, sie haben meine Launen mitgemacht, meine Krisen mit durchlebt, aber diesen Schritt - vom Bloggen zum Twittern - wollen sie nicht akzeptieren. "Muss man jeden Scheiß aus dem Westen mitmachen?", schrieb mir kürzlich ein Leser aus Thüringen.

KulturSPIEGEL: Er muss es per Mail geschrieben haben, denn eine Kommentarfunktion gibt es auf ihrer Seite nicht. Wieso nicht?

Buschheuer: Ach, diese Kommentarschmarotzer, die überall auf anderer Leute Domains rumblöken, am liebsten anonym, denen biete ich kein Forum. In meinem Tagebuch schreibe ich, was ich zu sagen habe. My homepage is my castle - und dort gibt es nur eine Bestimmerin: Mich.

KulturSPIEGEL: Der Austausch mit Ihren Lesern ist Ihnen unwichtig?

Buschheuer: Das nun auch wieder nicht: Als ich im Jahr 2000 angefangen habe, ein Internet-Tagebuch zu schreiben, war gerade mein erster Roman "Ruf! Mich! An!" erschienen. Ich wollte wissen, wer meine Leser sind, wollte direkt erreichbar sein. Dennoch ist das Netz für mich ein einsamer Ort. Es gibt zwar einen Dialog mit dem Leser - aber nur via E-Mail, keinen öffentlichen Diskurs.

KulturSPIEGEL: Reagieren Sie auf diese Mails?

Buschheuer: Zunehmend weniger. Nur bei Sachfragen, und nicht, wenn der Absender "Haha_dustirbst" oder so heißt. Manchmal aber kommen durchaus befruchtende Mails: Wenn ich mit einem Text nicht weiterkomme, schreibe ich einen Eintrag - und hoffe auf Mails mit Erfahrungen oder Ideen, die mir zu einer Pointe verhelfen.

KulturSPIEGEL: Lesen Sie Blogs anderer Autoren?

Buschheuer: Nein, das wäre mir zu inzestuös. Die meisten gehen auf dieselben Veranstaltungen, schreiben zu Hause darüber - und schreiben dann im Netz voneinander ab. Wenn alle im gleichen Saft schmoren, kann keiner einen eigenen Gedanken entwickeln.

KulturSPIEGEL: Haben Sie denn schon eine Idee entwickelt für Ihren nächsten Roman?

Buschheuer: Wahnsinnig viele, eher zu viele: Ich hab inzwischen mehr Romananfänge als Socken, einen großen Karton voller Notizen und Sätze, daneben einen noch größeren Schredder. An meinem neuen Stehpult werde ich in den Sonnenuntergang schauen und schreiben und schreddern, dass die Schwarte kracht. Nur bloggen werde ich nicht mehr. So stelle ich mir meine nächsten Jahre vor.

Das Interview führte Tobias Becker



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