Erinnerungen eines Moskau-Botschafters "Über den grünen Klee"

Fünf Dienstzeiten in unterschiedlicher Funktion absolvierte Andreas Meyer-Landrut als Diplomat in Moskau. Seine Erinnerungen verarbeitete der Ex-Botschafter zu einem unterhaltsamen Lese-Kaleidoskop der deutsch-russischen Beziehungen.

Von Jörg R. Mettke, Moskau


Meyer-Landrut- Erinnerungen: Episoden aus fünffacher Perspektive

Meyer-Landrut- Erinnerungen: Episoden aus fünffacher Perspektive

Es gab einmal ein Land voller "langweiliger oder eingeschüchterter Funktionäre". Mit einem System, das "zu seelischer Grobheit, zu Unhöflichkeit und Unflätigkeit" erzog. Mit Menschen, die "keine Ehrfurcht" kannten, "nicht vor Gott, nicht vor ihren Mitmenschen". Mit einer "Geschmacksbildung", die "auf Jahrhundertwende-Niveau stehen geblieben" war. Und einer "einzigen Erfolgsstory ... seit 1917": Dem "Sieg im Zweiten Weltkrieg".

Diesem wenig ansprechenden Lande näherte sich 1957, in meteorologisch wie politisch kalter Zeit, ein junger Attaché aus der noch jüngeren Bonner Republik der Deutschen. Anfangs wärmten ihn der Biberpelz des baltischen Großvaters und der Rat eines Freundes, nach Russland tunlichst "mit Gott und langen Unterhosen" zu reisen. Am Ende sind fünf Moskauer Missionen daraus geworden - und ein Guck-Kasten deutsch-russischer Beziehungen, als Autobiografie zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Die des heute 74-jährigen Andreas Meyer-Landrut.

Der Autor hat der Versuchung nicht nachgeben, den ursprünglichen Blick seines ersten Einsatz-Auslandes auf Leute und Lebensweise nachzubessern. Höchstwahrscheinlich hat ihn die menschliche Schwäche, seine Schwarz-Weiß-Impressionen als 28-Jähriger heute mit etwas Altersweisheit nachzukolorieren, nicht einmal angewandelt.

Schnurstracks führt er in die Moskauer Topographie des Kalten Krieges mit Tagebuch-Notizen solcher erster Beobachtungen: Schnee schaufelnde Frauen in Watte-Jacken, Mehl Mangelware, Kaviar kiloweise, goldgleißende Zwiebeltürme, ärmliche Schaufenster-Auslagen, hinreißendes Theater. Und erster Urteile, etwa über "hässliche" Russinnen am Beispiel der "berühmten Traktoristin: Sie kann sich nicht pflegen, ja, sie kann nicht schön sein, sie kann keine schönen Kinder gebären - und das ist das Verbrecherische an diesem System seinen Frauen gegenüber".

Auf Schritt und Tritt folgen ihm und seinesgleichen die grauen Gestalten, welche sie damals die "Karl Gustavs" nannten, die Aufpasser und Spitzel des allgegenwärtigen KGB. Doch seine Diplomaten-Erlebnisse in der Zeit des Kalten Krieges notiert Meyer-Landrut von Anbeginn mit der Überzeugung dessen, der sich des Sieges seiner Sache, seines Systems sicher ist. Als ihn eines Tages ein linientreuer Taxifahrer anraunzt: "Sag das deinem Chef: Die Zeit des Kapitalismus ist vorbei", vermerkt der Agitierte trotzig: "Nun, wir wollen sehen."

Egon Bahrs "ausgesprochener Hang zum Konspirativen"

Er hat dann alle Lust- und Leidens-Stationen des Kreuzweges russischer Rückverwandlung gesehen. In fünf Phasen, auf fünf unterschiedlichen Ebenen teilnehmender Beobachtung, unter sieben Kanzlern und eben so vielen Kreml-Herren absolvierte er, nicht selten beritten, den langen Marsch von der Konfrontation zur Kooperation. Der Zeit als Botschaftssekretär Ende der fünfziger Jahre folgte eine zweite Moskau-Abordnung als Presseattaché in den Sechzigern, die Rückkehr als Exzellenz 1980 und ein zweiter Turn als Missionschef von 1987 bis 1989. Nach fünf weiteren Jahren im Staatsdienst, als Leiter des Bundespräsidialamtes unter Richard von Weizsäcker, etablierte er sich abermals in Moskau, nun als Neben-Botschafter, zuständig für das russische Imperium von Daimler-Chrysler.

Freilich: Als im Herbst 1969 mit der Kanzlerschaft des Sozialdemokraten Willy Brandts eine sich aus dem Patt wechselseitiger Phobien heraustastende Ostpolitik endlich über Proklamationen hinaus praktisch zu werden beginnt, ist Meyer-Landrut weit vom Schuss und auf Posten in Kongo-Brazzaville. Doch er beharrt darauf: Der neue Kurs sei "zu nicht geringen Teilen bereits in der Zeit des CDU-Außenministers Gerhard Schröder im Planungsstab des Auswärtigen Amtes vorgedacht worden".

Aus dem AA-Russlandreferat, dessen Leitung er anschließend übernimmt, verfolgt Meyer-Landrut nicht ohne Argwohn die Bemühungen um Wandel durch Annäherung des sozialdemokratischen Entspannungs-Therapeuten Egon Bahr. Dessen "ausgesprochener Hang zum Konspirativen" macht dem Berufsdiplomaten bis in die achtziger Jahre zu schaffen, als Bahr nur noch an Parteikontakten zwischen der oppositionellen SPD und der sowjetischen Staatspartei strickte - und dabei die guten Dienste der Bonner Vertretung verschmähte, obwohl deren Chef inzwischen beste Verbindungen hatte und sogar Politbürokandidaten mit Schrotpatronen aus Deutschland versorgte.

Amüsierliche Verständnishilfen

Trotz der seitengreifenden Schilderungen von Ausritten und Gestütsbesichtigungen des bekennenden Pferdenarren Meyer-Landrut ist ihm eine kontrastreiche Skizze innerrussischer Veränderungen gelungen, von der asthmatischen Breschnew-Zeit bis zur hektischen Aufbruchstimmung unter Gorbatschow und darüber hinaus. Dass Russland in einem Maße zu "seinem" Land geworden ist wie noch nie für einen deutschen Botschafter vor ihm, belegt dieses Buch ebenso wie einen verhalten-opimistischen Ausblick auf dessen Zukunft.

Zusätzlich zum informativen zeitgeschichtlichen Kaleidoskop liefert er zuweilen amüsierliche Verständnishilfen auf baltische Gutsherren-Art. Zum Beispiel zu den beiden deutschen Menschen, die sich 1987, während seiner letzten Botschafter-Dienstzeit, nach Moskau verflogen. Der eine, Mathias Rust, kam ungebeten, landete mit seiner einmotorigen Cessna auf dem Roten Platz und verdarb Meyer-Landrut beinahe das Christfest, musste er doch "auch noch zur Weihnachtszeit die Eltern dieses Früchtchens zu uns nach Haus einladen".

Denn da wurde bereits ein anderer Selbstflieger erwartet: Franz-Josef Strauß, der am Steuer einer freilich neunsitzigen Cessna am 27. Dezember in heftigem Schneetreiben mit Mühe und Not den Moskauer Flughafen Scheremetjewo erreichte. Piloten wie durchgerüttelte Begleitung, darunter Edmund Stoiber und Theodor Waigel, fand der ans Flugfeld geeilte Botschafter "etwas weiß um die Nase". Für den Bayernführer gab Meyer-Landrut dann sein Bestes, um dessen Besuch am roten Zarenhof so angenehm und erfolgreich wie möglich zu machen. Und erhielt dafür kurz vor Strauß' Tod die höchste schwarze Auszeichnung für deutsche Standhaftigkeit im niedergehenden Sowjetreich aus dem Munde seines Kanzlers Helmut Kohl: "Was haben Sie denn mit Strauß gemacht? Ansonsten hatte er doch nie ein gutes Wort für Diplomaten übrig, und Sie hat er über den grünen Klee gelobt."


Andreas Meyer-Landrut: "Mit Gott und langen Unterhosen. Erlebnisse eines Diplomaten in der Zeit des Kalten Krieges", 295 Seiten mit 110 Abbildungen. Edition Q, Quintessenz-Verlag Berlin, 2003. 24,50 Euro



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