Erinnerungsbuch Das letzte Kind im Kreis

"Stille Post" heißt das Buch - das macht skeptisch. Kann eine Autorin sich die eigene Familiengeschichte quasi zuflüstern lassen? Sie kann. Christina von Braun verhilft den Frauen ihrer berühmten Familie zu Erinnerung und Stimme.

Von Elke Schmitter


Ein Mädchen am Toilettentisch der Mutter: In den kleinen Fächern unterm Spiegel liegen Bänder, Haarbürsten und Modeschmuck. Das Kind öffnet eine Flasche, deren Flüssigkeit scharf riecht; es spürt einen Stich im Hinterkopf. "Es muss Kampfer gewesen sein. Das kannte ich nur aus Romanen."

Hilde und Sigismund von Braun mit ihren drei Kindern im Vatikan 1948
Privat

Hilde und Sigismund von Braun mit ihren drei Kindern im Vatikan 1948

Was es dann aber findet, zwischen Flacons und Puderdosen, ist weit spektakulärer: "Bei meinen Schnüffeleien stieß ich auch auf eine Pistole. Sie lag im Geheimfach. Damals habe ich mir darüber nicht viel Gedanken gemacht. Vielleicht dachte ich, dass alle Mütter zwischen ihren Parfums und Lockenwicklern Schusswaffen herumliegen haben."

Eine Szene wie aus einem französischen Film, entnommen einem deutschen Erinnerungsbuch: Die Filmemacherin und Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, 62, hat die Geschichte ihrer Familie geschrieben. Was sie zu erzählen hat, spannt einen Bogen durch das 20. Jahrhundert und berührt Extreme der Vergangenheit: deutsches Leben in Polen vor dem Ersten Weltkrieg, jüdisches Leben und linker Widerstand gegen die Nazis in Berlin, die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien 1945.

Ihre eigene Biografie beginnt auf einem Sonderweg: Als Tochter des deutschen Botschaftsattachés Sigismund von Braun 1944 in Rom geboren, erlebt das Mädchen das Kriegsende und die ersten Jahre danach auf Samt gebettet in der verriegelten Idylle des Vatikans.

Einflüsterungen der Geschichte

Der Name von Braun ist durch ihren Onkel weltbekannt geworden. Der Physiker Wernher von Braun war die Hoffnung der NS-Führung; das Konzentrationslager in Peenemünde diente der Produktion der von ihm mitentwickelten Raketen. Wernher und Magnus, die beiden Brüder von Christinas Vater, überstanden den Krieg ohne Frontdienst unbeschadet und fanden auch später wenig Grund zur Klage: Sie hatten, so die Autorin, "das Dritte Reich so erfolgreich unterstützt, dass die USA auf die Zusammenarbeit mit ihnen nicht verzichten wollten".

Doch nicht um die berühmten Männer geht es in diesem Buch. Was Braun vorlegt, ist eine weibliche Geschichtsschreibung im doppelten Sinn: Die Frauen der Familie sind Thema ihrer "Stillen Post" – und deren Art von Überlieferung gibt das Material, dem ihr Werk seinen Titel verdankt.

Denn während Männer Memoiren schreiben, ist das Medium der Frauen das Tagebuch. Der Großvater Magnus von Braun, 1917 zum Pressechef in der Reichskanzlei berufen, Gutsbesitzer in Schlesien, veröffentlichte 1955 seinen Rückblick "Von Ostpreußen nach Texas". Sein Sohn Sigismund publizierte Erinnerungen an die dreißiger Jahre ("Flüchtige Gäste"), während sich Wernher in der Nachkriegszeit in öffentlichen Vorträgen gern wolkig über das "Fegefeuer" äußerte, durch das er gegangen sei.

Das Buch der Seele

Die Mutter und beide Großmütter Christina von Brauns behielten ihre Tagebücher für sich; auf diese Nachlässe, soweit erhalten, stützt sich Braun. Sie bezieht sich aber nicht nur auf Geschriebenes. Die sogenannte Geschichte, so lautet ihr Credo, "wurde, bisher jedenfalls, meistens von den Vätern an ihre Söhne weitergegeben … Bei den Frauen gelangte 'die Geschichte' über die Psyche der Mütter in die nächste Generation und macht sich in der Psyche der Töchter breit. Die Seele ist sehr viel aufnahmefähiger als ein dickes Buch – aber auch schwerer zu lesen".

Ob es verbotene Liebschaften sind, erstickte Begabungen – wie im Fall ihrer Mutter Hilde – oder ob es die jüdische Herkunft der Großmutter Hildegard Margis und deren Engagement im kommunistischen Widerstand sind: Gelebtes und auch unterdrücktes Leben kommen bei den Nachkommen an wie geflüsterte Botschaften beim Kinderspiel "Stille Post" – dringlich im Ton, im Inhalt entstellt.

Kreative Konstellation

Christina von Braun, das letzte Kind im Kreis, ist auf Spekulationen angewiesen und auf die eigene Erfahrung: Als Tochter einer labilen Mutter, deren Leid sich durch Selbstmordversuche und Schweigen ausdrückte, ist sie das Entziffern nichtsprachlicher Botschaften gewohnt. Mit Empathie begabt, durch Psychoanalyse geschult und als Filmemacherin darin geübt, in Szenen und Beziehungen zu denken, gelingt es ihr, die Lebensromane ihrer weiblichen Ahnen lebendig nachzuschreiben.

Ihrer Großmutter Margis, in der Weimarer Republik eine erfolgreiche Unternehmerin und ein exzeptionelles Beispiel weiblicher Emanzipation, setzt sie mit ihrem Buch beiläufig ein Denkmal. Aber auch die andere, die adelige Großmutter, durch Veranlagung und klassentypischen Konservatismus der Frauenforscherin Braun sehr fremd, rückt ihr und dem Leser überraschend nah.

Dass Krankheiten und Wutanfälle, Essgewohnheiten und Geheimnisse zum familiären Erbe gehören wie Silberbesteck und Begabung für Mathematik – das zählt zur Selbstverständlichkeit in der Literatur.

Besonders ist hier der Brückenschlag von der Essayistik zur Biografie: Im Ton zurückhaltend und in der Sache genau, lässt Christina von Braun den Leser Anteil nehmen an ihrer Spurensuche und erzählt einen imposanten deutschen Familienroman.


Christina von Braun: "Stille Post. Eine andere Familiengeschichte", Propyläen Verlag, Berlin; 416 Seiten, 22 Euro



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