Erinnerungsporträt "Das Haus" Allein unter Menschen

Auf einen kettenrauchenden Kindskopf folgt ein soziophober Knabe: Andreas Maier schreibt seine Wetterauer Familiensaga fort - und porträtiert erneut einen großen Außenseiter. Sein Buch ist herrlich eigen, einer der Ausnahme-Romane des Jahres.

Der Schriftsteller Andreas Maier ringt darum, mit sich selbst vertraut zu werden und vielleicht auch mit der Welt.
Jürgen Bauer / Suhrkamp

Der Schriftsteller Andreas Maier ringt darum, mit sich selbst vertraut zu werden und vielleicht auch mit der Welt.

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Ein wunderliches Wesen war er, dieser Ich-Erzähler, in den sechziger und siebziger Jahren: Er sprach sehr lange nicht, kein Wort, und wenn er etwas wollte, dann zeigte er darauf und sagte "äh, äh". Mehr nicht, noch mit zweieinhalb. Er bewegte sich absonderlich, wälzte nachts stundenlang den Kopf hin und her, konnte mit den Augen nichts fixieren, als habe er einen schwerwiegenden Nervenschaden, als sei er geistig behindert. Den Eltern kam es vor, als sei er verschlossen in seiner Welt, aber die Ärzte fanden nichts.

Andreas Maier, 44, porträtiert auch im zweiten Teil seiner auf elf Teile angelegten Wetterauer Familiensaga (Obertitel "Ortsumgehung") einen Sonderling: In "Das Zimmer", erschienen 2010 und ausgezeichnet mit dem renommierten Wilhelm-Raabe-Literaturpreis, war es der kettenrauchende Kindskopf Onkel J., ein müffelnder Naturmensch, in "Das Haus" ist es ein soziophober Junge, in dem man den jungen Andreas Maier selbst wiederzuerkennen glaubt. Die Zeit passt (Maier wuchs auf in den siebziger Jahren), der Ort passt (Maier wuchs auf in Bad Nauheim), die Diagnose passt (Maier bezeichnet sich in Interviews schon mal als soziophob).

Dennoch ist auch der neue Roman natürlich nicht deckungsgleich mit Maiers Leben, schon allein deshalb nicht, weil er sich schreibend auch an Zeiten erinnert, an die er sich streng genommen gar nicht erinnern kann: weil er noch zu jung war. Er rekonstruiert zwanghaft die Jahre, "an die ich mich nicht erinnern kann", seine ersten Seelenlandschaften, er rekonstruiert sie aus Familienanekdoten und der Dingwelt des Hauses, die ihn umgeben haben muss damals, die auf ihn gewirkt und ihn geprägt haben muss. Er schreibt ein Erinnerungsporträt seiner selbst, phantasiert auf Faktenbasis.

Der Kindergarten schockt den Jungen

Als er drei wird, soll der Ich-Erzähler in den Kindergarten gehen, "der erste wirklich datierbare Tag meiner Zeitrechnung", an dem seine Erinnerung richtig einsetzt. Was an diesem Tag passierte, erzählt er, habe sein Leben "mehr oder weniger genau in den Zustand versetzt", in dem es bis heute ist: Seine Mutter löst ihre Hand von der seinen und lässt ihn zurück. "Ich war zum ersten Mal allein. Oder anders gesagt: Ich war zum ersten Mal unter Menschen." Den ganzen Tag verlebt er wie im Schock, entweder er heult oder er sitzt apathisch herum, findet keinen Zugang zu den anderen Kindern: "Diese Menschen waren eine Gruppe. Diese Gruppe funktionierte nach Regeln, die ich nicht kannte und die ich bis heute nicht kenne. Vor meinen Augen verwandelten sich diese Menschen in Handlungsautomaten." Sie sind nicht sie selbst, so seine Ahnung, sondern sie inszenieren sich. "In diesem Kindergartenraum war keinerlei Wahrheit vorhanden, sondern Gruppenverhalten." Seine Eltern brachten ihn nie wieder hin.

Fortan sitzt der Junge wochentags im Bastelkeller und arbeitet vor sich hin, lautlos und zufrieden, aus der Familie ausgeklinkt und aus der Welt draußen sowieso. Der Bastelraum ist sein Paradies am Tag, mindestens so sehr wie den Bastelraum aber mag er die Nacht, "weil dann alles still war und eigentlich gar nichts mehr geschehen konnte".

Maier zeigt sich als eine Art Kindheitsnostalgiker, aber in einem höheren Sinne, nicht bezogen auf eine schöne bunte Warenwelt à la Florian Illies in "Generation Golf" und auch nicht bezogen auf ein verkitscht-verklärtes Familienidyll. Maier sehnt sich nach der Einfachheit seiner damaligen Welt, ohne sie schönzufärben, er will raus aus der Gesellschaft der Menschen oder erst gar nicht in sie hinein, er will bei sich sein, nur bei sich. Beseelt von einem bisweilen kindlich-magischen Weltbild, reflektiert er sein Geworfensein in die Welt.

Richtig kompliziert wird das Leben für den Ich-Erzähler mit seiner Einschulung, er bleibt oft krank zu Hause, manchmal bis zu 50 Tage in einem Halbjahr. Der Schulhof und die Schule, die Schüler und die Lehrer liegen in seiner Erinnerung vor ihm "wie ein Gemälde von Brueghel", ein Bild der Angst: hier er, dort die Gruppe. "Sie schaffte innerhalb von zwanzig, dreißig Sekunden jeden Tag eine von Alpha bis Omega durchstrukturierte Ordnung." Eine Ordnung, in die er sich nicht einordnen ließ. "Man könnte sagen, man gab diese Schüler zusammen wie Materialien in einen chemischen Kolben, und das Gemisch begann sogleich zu reagieren." Nur er, er reagierte nicht mit: "Mitspielen konnte ich nicht, mitrennen konnte ich nicht, mitsprechen konnte ich nicht. Irgendetwas daran war unecht." Ihm widerstrebt es, sich zu inszenieren, eine Rolle zu spielen oder sich zuweisen zu lassen. Unter Menschen zu sein, das hieß für ihn: zu sein, was er nicht ist. Er selbst sein, das konnte er nur, wenn er bei sich war, und bei sich war er nur, wenn er allein war.

Onkel J. war stets mit einem Fuß im Paradies

In dieser Haltung erinnert der Ich-Erzähler sehr an den kauzigen Onkel J., "der stets mit einem Fuß im Paradies geblieben ist", wie es im ersten Roman der Reihe hieß, und der auch in diesem zweiten Roman immer mal wieder am Rande auftaucht. "Unschuld", so sagte es Maier anlässlich des ersten Buches im Interview mit dem KulturSPIEGEL, "hat für mich immer etwas zu tun mit einem Nicht-Mitmachen-Können in der Welt." Sein Lebensmotto: "Nichts wollen". Passivität finde er unbedrohlicher als Aktivität, berichtete er, und sprach von der christlichen Einsicht, "dass wir, wie wir hier und jetzt sind und leben, immer falsch sind", weil wir uns hier und jetzt unser Paradies schaffen wollen.

Dazu passt, dass es das größte Glück für den Ich-Erzähler ist, allein im titelgebenden Haus zu sein: "Ich im Haus und alle anderen draußen. Dieser Zustand erschien mir als das Notwendigste auf der Welt." Eine unbewegte Umgebung, in der die Zeit aufgehoben ist, in der alles für sich ist und so bleiben kann. Das Paradies bedeutet Stillstand, und vielleicht auch deshalb entwirft Maier seinen Roman formal als Standbild: Es gibt keinen Plot, keine Handlung, die die Zeit nach vorne treibt, es passiert nichts Dramatisches im Leben des Ich-Erzählers, an dem die Küchenpsychologen unter den Lesern ansetzen könnten, ja es gibt genau genommen nicht einmal ein Thema. Keine Erklärungen, keine Botschaften, keine Gesellschaftsdiagnosen. Hier scheint jemand schreibend darum zu ringen, mit sich selbst vertraut zu werden und vielleicht auch mit der Welt.

Ohne zu vergessen, dass Ich-Erzähler und Autor natürlich nicht identisch sind, so glauben wir doch spätestens nach diesem neuesten Maier-Buch sagen zu können: Aus einem vermutlich sonderbaren Kind ist ein sicher sonderbarer Schriftsteller geworden. Einer, der sich schwer einordnen lässt in die Gruppe der Schriftsteller seiner Generation. Ein eigener Kopf, ganz bei sich, ein Ausnahme-Literat.

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