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Ermittlungen gegen türkischen Verleger: Buch von Richard Dawkins soll religiöse Werte verletzen

Die türkische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen den Verleger des britischen Autors Richard Dawkins aufgenommen. Das Buch "Der Gotteswahn" des Evolutionsbiologen könne religiöse Werte verletzen. Dem Verleger droht eine Haftstrafe, sollte es zur Anklage kommen.

Ankara - Die Thesen von Richard Dawkins sind für Gläubige eine Provokation: Religion sei nichts anderes als "eine Form mentalen Kindesmissbrauchs", sagte er in einem SPIEGEL-Interview. Sein jüngstes Buch "Der Gotteswahn", in dem er mit dem Glauben abrechnet, sorgte für erregte Diskussionen und wurde zugleich zum Bestseller. Bekannt geworden war der Evolutionsbiologe und bekennende Atheist mit seinem Werk "Das egoistische Gen", das bereits 1976 erschien.

Richard Dawkins: "Mentaler Kindesmissbrauch"
AP

Richard Dawkins: "Mentaler Kindesmissbrauch"

Nun könnte sein türkischer Verleger Ärger mit der Justiz bekommen. Erol Karaaslan erklärte am Mittwoch, er solle von einem Staatsanwalt in Istanbul zu dem Buch "Der Gotteswahn" befragt werden. Das Gespräch sollte am Donnerstag stattfinden. Die Zeitung "Milliyet" berichtete, im Falle einer Verurteilung wegen Beleidigung religiöser Werte drohe dem Verleger eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr.

Karaaslan erklärte, die Staatsanwaltschaft habe die Ermittlungen aufgenommen, nachdem ein Leser einen Auszug des Buches als Angriff auf "geheiligte Werte" bezeichnet habe. Das Buch des britischen Experten in Evolutionsbiologie wurde seit seinem Erscheinen im Juni in der Türkei rund 6.000 Mal verkauft. Insgesamt wurde es bereits in rund 30 Sprachen übersetzt.

Die Türkei ist offiziell ein säkularer Staat - doch die Religion des Islam spielt trotzdem eine wichtige Rolle. Ein möglicher Prozess gegen den Verleger könnte auch die Gespräche der Türkei mit der EU über einen EU-Beitritt belasten. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ist dagegen, das vom Islam geprägte Land in die Gemeinschaft aufzunehmen. Die EU drängt vor allem darauf, dass die Türkei den Straftatbestand in Artikel 301 wegen "Beleidigung des Türkentums" abschafft. Auf Grundlage des Artikels war unter anderem der spätere Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk strafrechtlich verfolgt worden.

hda/AP

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