Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ernährungsschocker "Chew": Frau Aigner, lesen Sie diesen Comic!

Von Jörg Böckem

Jede Mahlzeit ein Alptraum: In "Chew - Bulle mit Biss" lässt John Layman einen Ermittler mit besonderen Fähigkeiten auf die Lebensmittelindustrie los - der Mann kann bei jedem Bissen Fleisch schmecken, wie es verarbeitet wurde. Der Comic zur aktuell tobenden Ernährungsdebatte.

Comic zur Ernährungsdebatte: Pute, Poularde und Pestizide Fotos
Cross Cult

Verbraucherministerin Ilse Aigner sollte die Recherchen im Lebensmittelskandal auf eine weitere Person ausweiten: auf John Layman. In "Chew - Bulle mit Biss" greift der Comic-Autor fast sämtliche Ekligkeiten auf, dich sich im Zusammenhang mit dem Thema Ernährung anbieten. Und ähnlich wie die deutschen Bio-Bauern und die Vegetarier könnte nun auch der Amerikaner vom aktuellen Dioxin-Skandal und dem Wirbel um gesunde Ernährung profitieren.

Es wäre nicht das erste Mal: "Als 'Chew' im Herbst 2009 in den USA erschien, grassierte dort gerade die Schweinegrippe. Vielleicht bringt der Comic ja Unglück", sagt Layman. Der Verdacht drängt sich auf, pünktlich zur Veröffentlichung in Deutschland müssen wir uns nun also mit dioxinverseuchten Eiern und Schweinen herumschlagen. Von einer gleichermaßen omnipräsenten wie überforderten Verbraucherschutzministerin ganz zu schweigen.

Wie die Schweinegrippe in den USA könnte dieser Trubel dafür sorgen, dass Laymans außergewöhnliches Werk auch jenseits der Comic-Szene die verdiente Beachtung findet: "Chew" (Englisch für "kauen") erzählt die Geschichte des Polizisten Tony Chu, der in naher Zukunft für die "Food and Drug Administration", die amerikanische Nahrungsmittelbehörde, arbeitet. In den USA hat eine weltweit grassierende Vogelgrippe 23 Millionen Todesopfer gefordert, seitdem herrscht dort eine Art Geflügelprohibition, der Verkauf und Verzehr von Hühnerfleisch steht unter Strafe. Aber wie zu Zeiten der Alkoholprohibition floriert der Schwarzmarkt, Geflügelschmuggel ist eine der Haupteinnahmequellen des organisierten Verbrechens, in illegalen Restaurants wird Eingeweihten Geflügelfleisch zu horrenden Preisen angeboten.

In dieser Welt ermittelt Chu, der dank einer besonderen Fähigkeit prädestiniert für diesen Job erscheint: Tony Chu ist "Chibopath", also ein Mensch, der über eine besondere Form der Telepathie verfügt. Und die erlaubt ihm, oder besser: verdammt ihn dazu, in allem, was er in den Mund nimmt, die gesamte Herstellungskette zu schmecken und zu sehen. Bei jedem Bissen überfluten Bilder von gequälten Tieren, von Schlachtbetrieben und Pestiziden seinen Geist. Hat der Koch in das Essen gespuckt, bekommt er dessen Lebensgeschichte in seinem Kopfkino gleich mitgeliefert.

Von der Restaurantkritikerin zur Staatsfeindin

So einen Ermittler hätte Ilse Aigner in den vergangenen Wochen verdammt gut gebrauchen können. Und Jonathan Safran Foer ("Tiere essen") hätte sich mit Tony Chus Hilfe die Recherche zu seinem aktuellen Bestseller enorm erleichtert.

Da es um die Nahrung und deren Herstellung in "Chew" eher noch schlechter bestellt ist als in der Realität, wird jede Mahlzeit für Chu zum Alptraum. Klar, der Mann ist Vegetarier, aber bei Obst und Gemüse sind die Bilder in seinem Kopf auch nicht allzu rosig. Einzig Rote Bete kann er essen, ohne dass Visionen irgendeiner Art sein Gehirn überfluten. Kein Wunder, dass er, wenn möglich, nichts anderes zu sich nimmt. Dumm nur, dass sein Job ihm das selten erlaubt: Stattdessen muss er zur Aufklärung eines Verbrechens schon mal an Leichen knabbern oder abgetrennte Körperteile in den Mund nehmen.

Chus Traumfrau heißt Amelia Mintz, sie ist Restaurantkritikerin und verfügt ebenfalls über eine besondere Gabe: Sie ist "Saboskripterin", verfügt also über die Fähigkeit, Essen so anschaulich und mit solcher Präzision zu beschreiben, dass die Leser diese Gerichte nur durch die Lektüre schmecken können. Leider haben ihre jüngsten Restaurantkritiken zu Kotz-Orgien bei Millionen Zeitungslesern geführt, was sie zu einem gesuchten Staatsfeind macht.

Eine originellere Comic-Serie hat es in der jüngeren Vergangenheit kaum gegeben. Das Werk griff im vergangenen Jahr eine Reihe amerikanischer Branchenpreise ab (darunter den wichtigsten, den Eisner-Award) und schaffte es in die Bestsellerliste der "New York Times". "Die Schweinegrippe war so etwas wie eine Gratis-Werbekampagne", sagt Layman. "Total verrückt! Auf einmal interessierten sich auch Mainstream-Medien für unser kleines Independent-Comic." Schließlich nahm der in Szenekreisen anerkannte Verlag Image Comics ("The Walking Dead") die Heftreihe unter Lizenz. Inzwischen ist sogar eine Verfilmung als Fernsehserie geplant.

Dabei war Layman mit seiner Idee zunächst gegen Wände gelaufen. "Ein Comic, in dessen Mittelpunkt Nahrung und Essen steht, ein Thema, das jeden angeht, schien mir eine gute Idee, zumal es so etwas in den USA bis dahin nicht gab", sagt Layman. Leider war er da der Einzige.

Ein Hauch von Schimmel und Fäulnis

Der Autor bot "Chew" zahlreichen Verlagen an, niemand war interessiert. 2009 beschloss Layman, der seine essensbegeisterte Frau und deren Gourmet-Freunde als Inspirationsquelle nennt, die Serie in Eigenregie zu veröffentlichen - Monate vor dem Welterfolg von Foers "Tiere Essen". An einen Hit glaubte er da nicht.

Mittlerweile hat der Überraschungserfolg die großen US-Verlage dazu gebracht, im branchenüblichen Reflex ähnlich gelagerte Comics auf den Markt zu werfen. Dass "Chew" so populär geworden ist, liegt neben den großartigen Zeichnungen von Rob Guillory, deren Farben einen Hauch von Schimmel und Fäulnis aus den Seiten wehen lassen, vor allem an der leichten Hand, mit der Layman gesellschaftlich relevante Themen mit Comic-Unterhaltung auf hohem Niveau verbindet.

Der Grundton von "Chew" ist - allem absurden Humor zum Trotz - ziemlich düster: Die Amerikaner haben demnach aus der Vogelgrippe-Katastrophe nichts gelernt, im Gegenteil. "'Chew' wurzelt noch in den Erfahrungen und Stimmungen der Bush-Jahre, eine schreckliche Phase für die USA", sagt Layman. "Mittlerweile kann man erkennen, dass wir aus dieser Zeit nichts gelernt haben, auch wenn es kurz anders aussah. Die amerikanische Gesellschaft hat eine ausgeprägte Vorliebe für Selbsttäuschung und Selbstbetrug. Beinahe jeder isst hier Fleisch. Die allermeisten wissen, was für grausame Dinge geschehen, aber das verdrängen wir. Wer Speck und Schinken mag, denkt nicht an das Schwein im Schlachthaus."

Sich selbst nimmt Layman da nicht aus: "Ich habe probiert, vegetarisch zu leben, allerdings nur vier Monate durchgehalten. Heute versuche ich, möglichst selten Fleisch zu essen." Missionarischer Eifer bleibt dem Künstler aber fremd: "Comics sollten in erster Linie Unterhaltung bieten. Wenn der Leser sich nach der Lektüre noch den einen oder anderen Gedanken macht, ist das ein schöner Bonus."

Als Volkspädagoge will sich John Layman - im Gegensatz zu Jonathan Safran Foer und Co. - nicht verstehen: "Mein Gott", seufzt er am Ende des Gesprächs, "Chicken Wings sind nun mal großartig! Und ich bin ein schwacher Mensch."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wieso muss eine ...
kunstdirektor 02.02.2011
... Ernährungsdebatte toben!? Reicht es nicht aus, wenn sie geführt wird? Hysterischer Journalismus allenthalben. Krieg zwischen Vegetariern und Fleischessern. Gut gegen Böse. Die alte Leier.
2. .
frubi 02.02.2011
Zitat von sysopJede Mahlzeit ein Alptraum:*In "Chew - Bulle mit Biss" lässt John Layman einen Ermittler mit besonderen Fähigkeiten auf die Lebensmittelindustrie los - der Mann kann bei jedem Bissen Fleisch schmecken, wie es verarbeitet wurde. Der Comic zur*aktuell tobenden Ernährungsdebatte. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,742827,00.html
Die Idee des Comics ist nicht schlecht. Dennoch regt mich die aktuelle Debatte um Fleischkonsum auf. Hier wird mal wieder von allen Seiten gebrabbelt bis zum Exodus. Wird denn auch etwas geändert? Die meisten Fleischkonsumenten sind sich doch einig, dass Tiere artgerecht gehalten werden sollten. Speed-Mast sollte eigentlich abgeschafft werden. Das macht das Fleisch zwar günstig, aber hier fängt das Problem doch an. In unserer Gesellschaft, in der die Leute sich von ihrem Geld immer weniger kaufen können, werden die Produkte zwangsläufig billiger produziert, weil keiner auf etwas verzichten möchte. Selbst ein H4-Empfänger, der noch nie in seinem Leben gearbeitet hat, kann sich Flat-TV und Fleischkonsum leisten. Warum? Weil diese Produkte günstig hergestellt werden können. Auf Kosten der Arbeitnehmer, die diese Produkte herstellen oder eben der Tiere, die dafür unter extrem wiederlichen Bedingungen leben und sterben müssen. Ich esse weiterhin Fleisch und werde darauf auch nicht verzichten. Aus meinem Frühstück habe ich Fleisch aber dennoch gestrichen. Zudem esse ich weniger und dafür aber hochwertigeres Fleisch. Die hardcore Veganer werden mich niemals überzeugen können. Dennoch würde es unserer Gesellschaft kaum schaden, wenn der Durschnittsverbrauch von Fleich innerhalb der nächsten 10 Jahre um 20-30 % sinken würde. Davon hätten alle etwas und es wäre ein Anfang hin zu einer veränderten Esskultur. Das würde dann auch nicht bedeuten, dass man im Sommer auf ein deftiges Grillfest verzichten würde. Nur würde man innerhalb von 2 Monaten vieleicht nur 3 mal anstatt 6 mal grillen. Mich hat eine Dokumentation über die Indianer und deren Coexistenz mit Bisons beeindruckt. Wenn es stimmt was in dieser Doku gesagt wurde, dann haben die Indianer die Bisons mit Respekt behandelt. Haben immer darauf geachtet, dass die Herden nicht zu klein werden und nach dem Schlachten eines Bisons, dessen Erzeugnisse danach komplett verwertet wurden, wurde dem Tier der nötige Respekt erwiesen. Das ist zwar eine romantische Vorstellung aber immer noch besser als rosa Mastviecher die Kopfüber an Haken hängen.
3. Braucht Ruhe
imagine, 02.02.2011
Frau Aigner ist jetzt erst mal satt nach dieser anstrengenden Messe. Ich habe sie immer nur mit vollen Backen gesehen- doch so war sie wenigstens ruhig.
4. Liest sich gut
A. Schmidt 02.02.2011
habe sofort die ersten drei Bände bestellt
5.
Mischa, 02.02.2011
Zitat von sysopJede Mahlzeit ein Alptraum:*In "Chew - Bulle mit Biss" lässt John Layman einen Ermittler mit besonderen Fähigkeiten auf die Lebensmittelindustrie los - der Mann kann bei jedem Bissen Fleisch schmecken, wie es verarbeitet wurde. Der Comic zur*aktuell tobenden Ernährungsdebatte. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,742827,00.html
Wer immer nur billig, billiger am billigsten will, bekommt keine gute Qualität. Daran werden weder gutmenschliche Empörung noch schräge Comics etwas ändern.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Buchtipp

John Layman:
Chew - Bulle mit Biss
Leichenschmaus

Illustriert von Rob Guillory, Übersetzt von Marc-Oliver Frisch

Cross-Culture Publishing; 140 Seiten; 16,80 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: