Leipziger Buchmesse: Das schmutzige Wort mit "E"
Furchtsam beäugt die Branche die Digitalisierung. Aber als in Rom weißer Rauch aufstieg, starrten alle auf ihre Smartphones. Weitere Erkenntnisse von der Buchmesse: "Spex" ist das Suhrkamp der Popszene, Büchner war ein Genie. Und Katholiken dürfen sich auf verfilmte Nonnen freuen.
Die Buchbranche starrt auf die Digitalisierung, als handele es sich um einen Tsunami. Bei der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse erwähnte Jurychef Hubert Winkels in Anspielung auf das E-Book "das Wort mit E" so andeutungsvoll raunend, als hätte er ein unerhörtes Codewort für eine besonders schmutzige Sexualpraktik in seinem Text versteckt - hilft alles nichts, die Entwicklung weg vom Papier geht weiter: Auf der Messe wurden sogar Smartphones gesichtet. Und das bei der Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus.
Ein einziges Stichwort von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich genügte: "Weißer Rauch!" Und schon folgten die Gäste nicht mehr seinen wohlgesetzten Worten und auch nicht denen von Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dem präsidialsten aller Branchenvertreter. Sondern blickten hektisch auf ihre Displays: Franziskus war soeben gewählt worden.
Beim Schnellcheck des Konklavetickers entging so manchem die Dankesrede von Klaus-Michael Bogdal, der für sein Buch "Europa erfindet die Zigeuner" mit dem Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde. Seine These: Die den Sinti und Roma bis heute nachgesagte kulturelle Identität beruht zu einem Großteil auf Zuschreibungen von außen. "Der Zigeuner" als der Fremde ist eine Konstruktion, die sich bis heute, so bei Martin Walser, gehalten hat. Auch angesichts der gegenwärtigen Ausgrenzung von Sinti und Roma in der EU ist Bogdals Buch hochinteressant.
Uraltes Reizwort Popliteratur
Die andere Auszeichnung der Messe, der Preis der Leipziger Buchmesse ging in der belletristischen Kategorie wie erwartet an David Wagner für sein Buch "Leben". Wagner bedankte sich knapp und liebenswert: Den eigentlichen Preis habe er ja schon, den, dass er noch lebe. Man hätte "Leben" in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich Joachim Bessings Roman "Untitled" gegenüberstellen müssen.
Bessing, im gleichen Jahr geboren wie Wagner, erzählt ebenfalls die autobiografische Geschichte einer lebensbedrohlichen Krankheit - doch ist es bei ihm die Liebe. Doch weil Bessing als Verfasser der 1999 veröffentlichten, damals heftig angefeindeten Populärkulturanalyse "Tristesse Royale" offenbar noch immer unter Unseriositätsverdacht steht, begnügen sich die großen Feuilletons mit oberflächlichen Rezensionen von "Untitled" - und dem uralten Reizwort: Popliteratur! Nichts wird "Untitled" weniger gerecht.
Dass Pop auch im Jahr 2013 noch für Debatten gut ist, zeigt der Metrolit Verlag, die wichtigste Neugründung der literarischen Frühjahrssaison. Hier legt Christian Seidl, einer der Veteranen des Popjournalismus der Neunziger, seine Neuübersetzung des Klassikers "Absolute Beginners" vor. Und Max Dax, einst Chefredakteur, "Spex - das Buch. 33 1/3 Jahre Pop", einen dicken Band mit Texten aus der über Jahrzehnte geschmacksprägenden Musikzeitschrift.
Im Sperrfeuer von Popkultur und Medienrummel
Über Dax' Auswahl, die er gemeinsam mit der Journalistin Anne Waak getroffen hat, wird diskutiert: Diedrich Diedrichsen, Elder Statesman der "Spex"-Kultur, die für Popfans so wichtig ist, wie Suhrkamp für die literarisch-intellektuelle Kultur der Bundesrepublik, kritisierte den Band öffentlich. Am Freitagabend nun wird Dax sich in Leipzig öffentlich verteidigen. Was sind gegen ein derartiges Ereignis die erwartbar groß orchestrierten Auftritte von Michail Gorbatschow und Marina Weisband, den beiden Medienstars der diesjährigen Messe?
Im Sperrfeuer von Popkultur und Medienrummel scheint sich 2013 zumindest ein Klassiker durchsetzen zu können: Georg Büchner, der 200 Jahre alt geworden wäre, und den Hermann Kurzke in einer neuen Biografie vorstellt: "Georg Büchner - Geschichte eines Genies". Kurzke präsentierte das Buch mit derart vielversprechend traumwandlerischer Emphase, dass man sich fragen konnte, ob es sich dabei um die Erfindung des Souffles mit den Mitteln der Literarurwissenschaft handelt.
Zuletzt eine beruhigende Nachricht für alle, die nach dem Ende des Konklave Katholizismusentzugserscheinungen haben: Hubert Wolfs aberwitzig wirkender Bestseller "Die Nonnen von Sant'Ambrogio" wird nicht nur in zahlreiche Sprachen übersetzt, sondern soll, wie auf der Messe bekannt wurde, gar den Stoff für einen Hollywood-Blockbuster abgegeben. Das Buch berichtet von einen realen Fall aus dem 19. Jahrhunderts: Von Visionen, Dämonenaustreibungen, Segnungen per Zungenkuss, lesbischen Initiationsriten.
Es kommt eben nicht darauf an, ob eine Geschichte auf Papier, Tablet oder gar der Kinoleinwand erscheint. Sondern nur darauf, dass sie gut ist.
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- Freitag, 15.03.2013 – 12:56 Uhr
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- Marina Weisbands Politikbuch: Sie will doch nur spielen (12.03.2013)
- Roman einer Organtransplantation: Im Bett mit dem Tod (22.02.2013)
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