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Erwachsenen-Comics: Ein ganz schweres Sammelgebiet

Von Jörg Böckem

Der Preis des Älterwerdens? Mit fortschreitenden Jahren und gestiegener Seriosität wird nicht nur der Comic-Leser schwergewichtiger und ernster - sondern auch die Comics, die er liest. Die Branche stellt sich darauf ein. Doch wie passt da die Jugend noch ins Bild?

Wir haben es ja so gewollt: Jahrzehntelang haben wir gegen die öffentliche Trivialisierung der Comics gewettert und auf die künstlerische und literarische Qualität des Genres hingewiesen. Mit Erfolg, so scheint es: In den Feuilletons sind Comic-Themen schon lange keine Seltenheit mehr, Zeichner werden in Museumsaustellungen gewürdigt, Comic-Alben aufwendig gestaltet und auch von klassischen Buchverlage veröffentlicht.

Im Comic werden ganz selbstverständlich Themen wie der Libanon-Krieg ("Waltz With Bashir", Atrium) oder der Nationalsozialismus ("Unter dem Hakenkreuz", Schreiber & Leser) verhandelt, Comic-Kreative sind nebenbei erfolgreich als Buchautoren tätig, Schriftsteller versuchen sich im Comic-Bereich.

Es wächst zusammen, was zusammen gehört. Schöne neue Comic-Welt?

Sieht so aus. Trotzdem stellt sich mitunter das Gefühl ein, dass bei all den Aufwertungsbestrebungen - gestalterischen und inhaltlichen - auch etwas auf der Strecke bleibt. Die Comic-Welt, so scheint es, ist in weiten Teilen verdammt ernst oder zumindest verdammt schwer und recht teuer geworden.

Es entsteht eine Art Parallelwelt: Für die gut abgehangene Comic-Generation wird so ziemlich alles ins Hardcover gepackt, oft überformatig, mühlsteinschwer und hübsch hochpreisig. Schön anzusehende, gewichtige Bücher, die wir, zugegeben, sehr gerne ins Regal stellen. Im Bett, im Zug oder auf der Toilette zu lesen, wird hingegen zur artistischen Herausforderung, wenn nicht unmöglich. Comics für Sammler statt für Leser.

Vor allem bei den klassischen Serien bedeutet das: Verführung zum Zweitkauf. Eine Freude für manchen Fan, sicher. Die nachfolgenden Generationen zu begeistern, wird so allerdings schwierig.

Niemand wird auf die Idee kommen, die schöne Carl-Barks- oder Isnogud-Gesamtausgabe seinem, sagen wir, neunjährigen Sohn in die Nutella-Finger zu geben (wo sie eigentlich - auch - hingehört!). Und welcher 17-Jährige gibt schon 26 Euro für das fulminante, im seligen YPS erstabgedruckte schwarz-weiße Historienabenteuer "Thomas der Trommler" aus? Oder gar 39,90 Euro für das Fantasy-Epos "Der Herr der Finsternis" und das Drama "Sambre - Der Krieg der Augen"? Oder 17,40 Euro für gerade mal 108 Seiten des französischen Krimis "RG: Verdeckter Einsatz in Paris"?

Der marktschreierische Aufdruck "Graphic Novel" macht es nicht besser. Für solche Titel ist die nachwachsende Lesergeneration wohl erst mal verloren.

Auf dem klassischen Buchmarkt ist so etwas kein Problem - spätestens in der Taschenbuchausgabe ist jeder Roman bezahlbar und U-Bahn-tauglich. Der deutlich kleinere Comicmarkt bietet diese Zweigleisigkeit in der Regel nicht. Noch halten einige Kleinverlage (und der Panini Verlag, der bei Simpsons, Batman, X-Men etc. noch konsequent auf Hefte oder Tradepaperbacks setzt) die Comics für Ältere benutzerfreundlich und für Jüngere bezahlbar.

Wir Bett-, Klo- und Bahnleser und wohl auch die Taschengeldempfänger danken es ihnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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1. Titel
DJ Doena 13.07.2009
Ich halte es da mit Rambo: "Fuck the world". Mir ist egal, was andere über mich denken, wenn ich im ICE von Karlsruhe nach Berlin sitze und ganz in Ruhe meine Comics lese. Ich hab genug Selbstbewusstsein, um mir nicht von meiner Umwelt vorschreiben zu lassen, was ich zu tun oder zu lassen habe. Und da brauchts dann auch keinen abgehobenen Sammelband für - es sei denn, dieser ist preiswerter als die Einzelhefte, die er enthält.
2. Ein Deutsches Problem
Oktavianus 13.07.2009
Diese angeprangerte Hochpreispolitik ist ärgerlich, teilweise jedoch ein Deutsches Problem. Im Ausland erhält man Comics in der Regel deutlich günstiger. In Frankreich, wo es schon seit Jahrzehnten eine entsprechende Comic Kultur gibt, kosten selbst die Hardcover Ausgaben oft nur um die 9,90 Euro. In Deutschland dann 19,90. Angelsächsische Comicsammlungen werden in Deutschland oft in viele Teilausgaben aufgeteilt und kosten dadurch deutlich mehr. Fremdsprachen lernen und Originale lesen!
3. Wo ist das Problem?
Nellodee 13.07.2009
Der Artikel baut ein Problem auf, wo keins ist. Die aktuelle Comic-Produktion ist gigantisch und vielfältig, laufend entstehen neue Serien - da ist kein Einsteiger gezwungen, Sammelbände von Klassikern oder Schmuckausgaben zu kaufen. Lieber mal schauen, was an neuen Serien auf dem Markt ist! Das eigentliche Problem ist die nach wie vor herrschende Grobmotorik, mit der Comic (Hoch- und Niedrig-) Kultur in Deutschland behandelt wird. Wenn´s nicht "Micky Maus" ist, muss es im Feuilleton besprochen werden, dazwischen existiert nichts - außer Mangas, haha.
4. Orginale!!!
jean-luc2305 13.07.2009
Zitat von OktavianusDiese angeprangerte Hochpreispolitik ist ärgerlich, teilweise jedoch ein Deutsches Problem. Im Ausland erhält man Comics in der Regel deutlich günstiger. In Frankreich, wo es schon seit Jahrzehnten eine entsprechende Comic Kultur gibt, kosten selbst die Hardcover Ausgaben oft nur um die 9,90 Euro. In Deutschland dann 19,90. Angelsächsische Comicsammlungen werden in Deutschland oft in viele Teilausgaben aufgeteilt und kosten dadurch deutlich mehr. Fremdsprachen lernen und Originale lesen!
Sehr richtig! Was schon lange für immer mehr englischsprachige Literatur gilt, ist auch bei Comics nicht anders: in Deutschland wird alles noch mal im Preis verdoppelt, bei Romanen meist, indem man sie in zwei Teile spaltet, von denen jeder mehr kostet als die Taschenbuchausgabe des englischen Originals. Und im Comicbereich wird bei Hardcovers einfach mal der Preis von vornherein auf Sammlerpreise hochgetrieben. Ich kann nur jedem empfehlen, sich wenn möglich an Originalausgaben zu halten. "Wanted" und "V for Vendetta" kommen nur im Englischen wirklich rüber, und "Lanfeust von Troy" ist auf Französisch viel witziger. Obendrein kommt man da meist billiger weg, ich weiß nicht, warum, vielleicht wegen der fehlenden Buchpreisbindung. Ich hab mir neulich die englischsprachige Hardcover-Ausgabe von "300" für 12 US-Dollar (ca. 9,- €) besorgt - die deutsche kostet das Vielfache!
5. 3 Tips zum Geldsparen
faustjucken_de 13.07.2009
1. Comic-Börsen, aber früh kommen 2. ebay, schöne alte Hefte aus Büchereibeständen für 1 Euro 3. per Amazon direkt aus USA bestellen, selbst Hardcover aus USA sind billiger als Softcover aus Deutschland (besonders Marvel!)
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