Erzählband "Strandgut" Die Sandburgenformel

Coco Chanel ist schuld! Durch sie wurde Sommerbraun das neue Vornehmblass der Pariser Mode. Diese und andere wunderliche Anekdoten versammelt Kristine von Soden in ihrem Erzählband "Strandgut": Über erste Sonnencreme, Nacktbader und dadaistische Sandburgen zur Abwehr gegen Nazis.

Edition Ebersbach/ Stijlroyal, Wiesbaden

In der Zeit um 1900, als die Seebäder Hochkonjunktur hatten, gab es ein ungewohnt klingendes Wort für die Holzstücke, die einsamen Schuhe und die Flaschen, die von der Tide an den Strand getrieben worden waren: "Angespült". Damals wie heute laufen die Menschen gerne mit gesenktem Blick am Strand entlang, in der Hoffnung, auf Bernstein, auf Muscheln oder Treibgut zu stoßen.

Die Journalistin, Schriftstellerin und Meeresliebhaberin Kristine von Soden hat etwas am Strand gefunden, das wertvoller ist als Ambra und älter als Muscheln: Geschichten! Und all die Geschichten über die ersten Seebäder, über das Blau des Meeres, über Strandkörbe, Quallen und Sonnencreme hat sie zu einem Buch zusammengestellt, das eine überzeugende Mischung ist aus unnützem Wissen, persönlichen Erinnerungen, historischen Anekdoten und Beobachtungen. "Strandgut" heißt das Buch, und es trägt den schönen Untertitel: "Warum das Meer blau ist, der Bikini baden ging und alle Möwen Emma heißen".

So wie Goldschmuck aus einem gesunkenen Wrack, tauchen in diesem Buch Schätze auf. Wie die Anekdote von Coco Chanel, die nach einer Sommerreise an Bord der Yacht des Duke of Westminster für Schlagzeilen und Staunen sorgte, weil sie offensichtlich gebräunt zurückkam und sich dessen nicht nur nicht schämte, sondern die Bräune mit Stolz trug.

Ihrem Biografen sagte sie später: "Ich war die Erste, die so gelebt hat, wie es dem Jahrhundert angemessen war." Weil Coco Chanel mit dieser Sommerreise die Idee erfunden hat (oder zumindest populär gemacht hat), dass gebräunte Haut schick sei, schmierte sich Mitte der Sechziger die Strandkorbnachbarin der Autorin, Evi aus Berlin, mit Schweineschwarten ein und wurde so braun, dass sich alle Jungs am Strand in sie verliebten, auch Kristine von Sodens Bruder.

Baut Sandburgen gegen Nazis!

Das ist die Mischung aus Biografie und Sachkunde-Unterricht, die Sodens Buch so unterhaltsam wie persönlich macht. Die Geschichte vom Korbmacher Wilhelm Bartelmann und der Erfindung der Strandkörbe kombiniert sie mit Erinnerungen an die fetten Stücke der Lübecker Marzipantorte, die sie als Kind nach den Wanderungen am Timmendorfer Strand bestellen durfte. Den Abschnitt über Meersalz beginnt sie mit ihrem liebsten Rezept für Zitronensalz.

Sie erzählt, wie der Künstler George Grosz als Protest gegen das Nazi-Regime eine dadaistische Sandburg baute, warum der Dichter Christian Morgenstern vermutlich heute weitaus weniger Freude an Möwen hätte und wie die Künstlerkolonien an der Ostsee im 19. Jahrhundert unverheirateten, jungen Frauen Zutritt zur Kunst verschafften, denen der Besuch der Kunstakademien verboten war.

Und ganz nebenbei versteht man nach dem Lesen dieses Buches endlich, warum das Meer immer anders blau aussieht, warum es mehr Quallen gibt, als einem lieb ist (und es immer mehr werden), wie Ebbe und Flut funktionieren, wie Dünen wandern, was ein "Makrelenhimmel" ist, und wie man die besten Sandburgen baut.

Denn dafür gilt die Formel: WM = 0.125 x SM, die an der Universität Bournemouth entwickelt worden ist. WM steht für die Wassermenge, SM für die Sandmenge. Und man versteht ein bisschen mehr, worin sie besteht, diese unvergleichliche, gewaltige Anziehungskraft, die das Meer auf uns alle hat.



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