Erzählung "Geschwisterkinder" Gemeinsam einsam

Schon für ihr Debüt wurde sie gefeiert, nun legt die 30-jährige Hanna Lemke ihr zweites Buch vor. Tastend erzählt sie von der langsamen Annäherung zweier Geschwister. In einer Sprache, die nachhallt - laut wie ein großes Schweigen.

Autorin Hanna Lemke erzählt in einer knappen, kargen Sprache, die nachhallt
Markus Schädel

Autorin Hanna Lemke erzählt in einer knappen, kargen Sprache, die nachhallt

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Milla hat Angst. Wovor, das weiß sie nicht. Einfach Angst. Vielleicht vor dem Leben insgesamt. Denn das Leben und Milla, sie sind keine Freunde. Manchmal nicht einmal Bekannte. Milla fühlt sich fremd in ihrem eigenen Leben, wie gesteuert von einer Maschine, die alles regelt. Vergleichbar den Blechfiguren in dem Spielzeugladen, in dem sie jobbt: Zieht man sie auf, laufen sie los, im immer gleichen Tempo, und selbst wenn sie über die Tischkante fallen, treten sie weiter. Ins Leere.

Milla wohnt in einer Wohnung mit ihrem Freund, aber zusammenleben, das tun sie nicht. Nur wenn sie nicht einschlafen kann, schläft sie mit ihm. Ansonsten sind sie sich fremd, so fremd wie Milla und das Leben. Wenn sie den Kühlschrank in ihrer Wohnung öffnet, weht ihr ein leicht fauliger Geruch entgegen. Alles modert vor sich hin.

Jeder Arzt, ja jeder Heilpraktiker, ja jeder küchenpsychologisch fundierte Ratgeberbuch-Leser würde bei Milla todsicher eine Depression diagnostizieren und obendrein eine generalisierte Angststörung. Die Schriftstellerin Hanna Lemke, 30, tut das nicht. Sie vermeidet die Begriffe - und vermeidet es so auch, Millas Probleme mit sich und der Welt zu pathologisieren. Sie sind einfach da, wieso auch immer, und sie werden nicht gezähmt mit Verweis auf ihre Behandelbarkeit.

In Wuppertal geboren, hat Lemke zunächst Literaturwissenschaften im südwestfälischen Siegen studiert, dann Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, nun lebt sie in Berlin. "Geschwisterkinder" ist ihr zweites Buch, nach ihrem Debüt mit dem Kurzgeschichten-Band "Gesichertes". Immer wieder wurde sie damals in Kritiken mit Judith Hermann verglichen.

Zwangscharakter mit Verwaltungsjob

"Geschwisterkinder" heißt Lemkes Erzählung, weil es neben Milla noch Ritschie gibt, ihren älteren Bruder. Auch Ritschie und das Leben mögen sich nicht besonders. Ritschie hatte sich im Studium darauf gefreut, Fotograf zu werden, nun arbeitet er als Fotoredakteur: ein unkreativer Verwaltungsjob für einen Zwangscharakter, der seine Beziehungen genauso gewissenhaft führt, wie er zur Arbeit geht - klaglos und ohne je krankzumachen. Auch wenn er sich unsicher ist, ob er die Frau, mit der er zusammen ist, überhaupt mag. Hauptsache, er ist mit einer Frau zusammen. Mit irgendeiner.

Einen heißen Sommer lang begleitet Lemke ihre beiden Hauptfiguren, springt von Kapitel zu Kapitel in die Perspektive des jeweils anderen. Sie haben die Bindung zueinander verloren, eventuell haben sie auch nie eine zueinander besessen. Ja, eventuell haben sie nie mehr vom anderen gebraucht, als dies: nebeneinander zu sitzen, gemeinsam einsam. Nun zwingen sie zwei Zufälle zueinander: die Einladung zur Hochzeit entfernter Bekannter. Und der Besuch eines alten Freundes ihrer Eltern.

Tastend erzählt Lemke von einer langsamen Annäherung. An den Ton ihres gefeierten Debüts knüpft sie dabei an. Die Beschreibungen sind detailreich, die Begründungen marginal. Sie beschreibt das Außen, selten das Innen. Sie interessiert sich für Wahrnehmungen, nicht für Erklärungen. Dazu passt ihre Sprache, die knapp ist und karg und kunstlos, und die vieles offenlässt.

Es ist eine Sprache, die nachhallt. Laut wie ein großes Schweigen.

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Seite 1
arnejacobsen 26.03.2012
1.
Zitat von sysopMarkus SchädelSchon für ihr Debüt wurde sie gefeiert, nun legt die 30-jährige Hanna Lemke ihr zweites Buch vor. Tastend erzählt sie von der tastenden Annäherung zweier Geschwister. In einer Sprache, die nachhallt - laut wie ein großes Schweigen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,823299,00.html
Lieber Redakteur, Ihr letzter Absatz ist es wert in den Hohlspiegel zu wandern. Laut wie ein großes Schweigen. Ganz tastend. Ich kann nicht mehr..............!
beppo69 26.03.2012
2.
Zitat von arnejacobsenLieber Redakteur, Ihr letzter Absatz ist es wert in den Hohlspiegel zu wandern. Laut wie ein großes Schweigen. Ganz tastend. Ich kann nicht mehr..............!
Ein Oxymoron (griechisch οξύμωρος oxys ‚scharf(sinnig)‘ und moros ‚dumm‘; Mehrzahl: Oxymora) ist eine rhetorische Figur, bei der eine Formulierung aus zwei gegensätzlichen, einander (scheinbar) widersprechenden oder sich gegenseitig ausschließenden Begriffen gebildet wird. Häufig werden Oxymora in Form von Zwillingsformeln geprägt. Auch einzelne Wörter oder Begriffe oder auch ein ganzer Satz können ein Oxymoron bilden.
sverris 26.03.2012
3.
Zitat von beppo69Ein Oxymoron (griechisch οξύμωρος oxys ‚scharf(sinnig)‘ und moros ‚dumm‘; Mehrzahl: Oxymora) ist eine rhetorische Figur, bei der eine Formulierung aus zwei gegensätzlichen, einander (scheinbar) widersprechenden oder sich gegenseitig ausschließenden Begriffen gebildet wird. Häufig werden Oxymora in Form von Zwillingsformeln geprägt. Auch einzelne Wörter oder Begriffe oder auch ein ganzer Satz können ein Oxymoron bilden.
Ja, aber trotzdem wird das schnell arg billig, derart in Rezensionen mit rhetorischen Figuren herumzuwerfen...
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