Erziehungsratgeber Lasst eure Kinder in Ruhe!

Der britische Autor Tom Hodgkinson hat einen anarchischen Erziehungsratgeber geschrieben. "Leitfaden für faule Eltern" heißt das Werk. Mit seiner Mischung aus Humor, Expertise und Provokationslust sollte es Schule machen.


Zu den Unsitten der Gegenwart gehört auch die Debatte um all die kleinen Monster, die angeblich von überforderten Eltern auf die Gesellschaft losgelassen werden. Bücher über die Tücken der Kindererziehung brachten es sogar auf die vorderen Plätze der Bestseller-Listen. Und nun meldet sich auch noch der britische Exzentriker Tom Hodgkinson zu Wort - mit einem Sachbuch, das einen programmatischen Titel trägt: "Leitfaden für faule Eltern".

Hodgkinson-Buchcover: Kunst der Faulheit und Verweigerung

Hodgkinson-Buchcover: Kunst der Faulheit und Verweigerung

Hodgkinson ist im Vereinigten Königreich als vergnügter Intellektueller bekannt, dessen große Themen die Kunst der Faulheit und die Verweigerung der hektischen Moderne sind.

Seit Anfang der neunziger Jahre gibt er das halbjährlich in Buchform erscheinende Magazin "The Idler" (Der Müßiggänger) heraus, in dem er und prominente Kumpane wie Damien Hirst, Jonathan Ross oder Pete Doherty sich über Rezepte für Brot oder heimische Bierbrauanlagen auslassen, aber auch britisch elegant Supermärkte und den Konsumrausch verteufeln.

Hodgkinsons auch in Deutschland erfolgreichen Bücher "Anleitung zum Müßiggang" und "Die Kunst, frei zu sein" werden nun mit einem Erziehungsratgeber fortgesetzt. Und gleich im Vorwort verkündet der 39 Jahre alte Verfasser: "Ich bin ein chaotischer, zum Desaster neigender Faulpelz und sollte Sie daher warnen, besser nicht auf meinen Rat zu hören". Was einerseits kokett ist, andererseits nicht ganz falsch. Denn Hodgkinson gibt den fröhlichen Anarchisten.

Als Motto stellt der zitierfreudige und enorm belesene Kauz seinem Werk ein paar Zeilen des Schriftstellers D. H. Lawrence von 1918 voran: "Wie erziehe ich mein Kind. Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe. Für den Anfang ist das genug."

Dann wettert er in 19 Kapiteln über die Sinnlosigkeit von Familienausflügen, das Elend moderner Spielzeuge oder die Nutzlosigkeit von Fernsehern, aber fordert auch gemeinsame Familienmahlzeiten, gute Manieren und Kinderarbeit! Natürlich nicht in Bergwerken oder Fabriken, aber immerhin im Haushalt.

So berichtet er stolz, wie er seinen Sohn dazu brachte, den lang schlafenden Eltern einen Tee ans Bett zu bringen. Und natürlich verhöhnt er die Erziehungsberechtigten komplett durchorganisierter Kleinkinder: Geigenunterricht, Reiten, Chinesisch.

Um seine mal kruden, mal spinnerten, meist aber amüsanten Ausführungen gehaltvoller zu machen, zitiert Hodgkinson ausgiebig kluge Menschen wie den Pädagogen A.S. Neill ("Die grüne Wolke"!) oder Philosophen wie John Locke und Jean-Jacques Rousseau. All das bringt er sehr britisch gewitzt zu Papier.

Jedem Kind sind Eltern zu wünschen, die Freude an diesem herrlichen Buch haben.


Buch Tom Hodgkinson: "Leitfaden für faule Eltern". Aus dem Englischen von Heike Steffen. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin. 317 Seiten; 19,90 Euro.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
duk2500 11.05.2009
1. Naja...
Naja, wenn man den Titel als Aufforderung liest, die Kinder nicht zu dressieren, könnte ich damit leben. Aber gar nicht mehr drum kümmern, womit sie ihre Zeit verplempern? Was ist dann mit den interessanten Themen außerhalb des schulischen Lehrplans wie Sport, Musikunterricht und auch mal ein vermeintlich "uncooler" Besuch einer Ausstellung oder eines Museums? Ich bin, obwohl ich selber gestöhnt habe, meinen eigenen Eltern heute dankbar, daß sie ganz altmodisch einen Teil ihrer Freizeit nicht in die eigene Selbstverwirklichung sondern in ihre Kinder investiert haben.
toskana2 11.05.2009
2. Sinn für Skuriles
Zitat von sysopDer britische Autor Tom Hodgkinson hat einen ebenso anarchischen Erziehungsratgeber geschrieben. "Leitfaden für faule Eltern" heißt das Werk. Mit seiner Mischung aus Humor, Expertise und Provokationslust sollte es Schule machen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,623500,00.html
"Wie erziehe ich mein Kind. Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe. Für den Anfang ist das genug.", schreibt der Autor. Die Fische im Wasser wissen, wann sie zu erscheinen haben und welchen Anzug sie anziehen dürfen. Sie spulen eben ihr Lebenspensum von alleine ab. Menschenskinder brauchen Anleitung, um sich im Leben zurechtzufinden. Über Erzihungsmethoden mag man sich streiten, über die Erziehung an sich wohl kaum. Die Briten hatten schon immer Sinn für Skuriles - no wonder!
jölle 11.05.2009
3. Zufriedene Kinder zufrieden lassen.
Von meinen Eltern habe ich die Weisheit mitgenommen, zufrieden spielende Kinder einfach nicht zu stören. Das klappt bei meinen eigenen Kindern nun auch sehr gut, schon seit dem Baby - und Kleinkindalter. Klar kommen sie irgendwann und wollen ins Schwimmbad oder ein Buch lesen oder wissenschaftliche Fragen erörtern :-). Aber sie wollen eben nicht dauernd irgendetwas, sondern sind meist mit sich selbst zufrieden. Eltern, die ohne Unterlass auf ihre Kinder einreden oder diese bespaßen, kann ich nur schwer aushalten...
Linus Haagedam, 11.05.2009
4. guter Hinweis
habe das Buch noch nicht gelesen, kenne aber die "Anleitung zum Müßiggang". Wenn der Tenor der gleiche ist, ist das Buch vermutlich wertvoll um als Eltern gelegentlich mal wieder auf den Teppich zu kommen. "Nicht kümmern" - und da sollte man, wie der Autor ja schon selbst sagt, den Wortlaut nicht so ernst nehmen, sondern die dahinterstehende Idee begreifen - jheißt: Dem Kind Raum für eigene, unangeleitete Kreativität geben! Musseen für 2-3-Jährige, Englisch im Kindergarten,Tanz und Trommelgruppen - ALLES BLÖDSINN. Liebende Eltern, die - NATÜRLICH! - dem Kind Bücher vorlesen aber es auch mal spielen und unbedingt auch mal langweilen lassen, damit es aus sich selbst heraus etwas erfindet (die wertvollsten und echt kreativen Dinge entstehen NUR aus Langeweile, NIEMALS im Rahmen der Umsetzung pädagogischer Konzepte). Ich kann dem Autor nur zustimmen: Weniger ist bei der Erziehung mehr. Wie sollen Kinder lernen, dass sie sich um sich selbst kümmern, wenn sie Eltern haben, die das nicht vorleben, sondern sich nur um ihre Kinder kümmern? Ich werde das Buch lesen...
naabaya 11.05.2009
5. Insofern
hat der Autor Recht, dass man die Kinder nicht ständig umhegen und sich in ihre Angelegenheiten mischen soll. Dann lernen sie nämlich auch das Verlieren und den Umgang mit Niederlagen So würden m.M nach Kathastrophen wie die in W. vermieden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.