Verena Güntners "Es bringen"  Hart werden, aber zart bleiben

Zwischen Saufgelagen und "Fickwetten" versucht Luis, sich selbst zu finden. Die Autorin Verena Güntner beschreibt in ihrem Debüt "Es bringen" die Zerrissenheit eines 16-Jährigen, der daran scheitert, kein Bringer zu sein.

Von Vivien Timmler

Autorin Güntner : Einfühlsam aber schonungslos
DPA

Autorin Güntner: Einfühlsam aber schonungslos


Luis ist Trainer und Mannschaft zugleich. Der Trainer ist sein Kopf, sein Körper die Mannschaft. Das Zusammenspiel hat nicht immer geklappt, aber ein Bringer schafft das. Und ein Bringer ist Luis, der Protagonist von Verena Güntners erstem Roman, definitiv, da ist er sich sicher. Jeden Tag geht er die 15 Stockwerke zur Wohnung zu Fuß rauf, auch wenn es wehtut. Täglich geht es mindestens einmal auf den Balkon raus, trotz HA. Trotz Höhenangst. Aber der Trainer hilft, auch diese zu besiegen.

Wobei ihm der Trainer nie helfen musste, das war bei den Mädchen, auf die die Jungs wetteten. Wer würde die "Fickwetten"-Mädchen am schnellsten ins Bett bekommen? Luis gewinnt fast immer. Nicht zuletzt wegen seiner Zahnlücke, denn die lieben sie alle. Seine Mutter hat ihm die Lücke vererbt. Die Mutter, die er anhimmelt, die "die beste Frau auf der Welt" für ihn ist. Und genau die Mutter, mit der jetzt sein bester Freund Milan ins Bett geht.

Milan ist schon zwanzig und ziemlich schlau. Luis bewundert ihn, den "Chef" der Gang, würde alles für ihn tun. Aber als er die Sache mit ihm und seiner Mutter herausfindet, ist alles vorbei. Wie ein unsichtbares Band, das plötzlich durchtrennt wird. Milan ist raus aus der Gang, seine Mutter für Luis plötzlich weit, weit weg. Alles bricht in sich zusammen, und Luis ist noch nicht bereit, allein zu sein. Aber er ist schließlich kein Kind mehr. Also verliert er sich: in Alkohol, in Aggressionen und in seinen Ängsten. Denn der Trainer ist vielleicht gar kein so guter Trainer. Und Luis ist vielleicht gar kein so starker Bringer. Hart zu sein ist gut, aber hin und wieder weich zu sein, das ist noch besser.

Ghetto-Slang und Vorstadt-Vorurteile

Verena Güntner wurde für Auszüge aus ihrem ersten Roman bereits im Vorfeld für zahlreiche Preise nominiert. Sie schaffte es mit "Es bringen" 2012 in die Finalrunde beim OpenMike in Berlin, belegte beim MDR-Literaturpreis den dritten Platz und gewann 2013 den Kelag-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Und das zu Recht.

Einfühlsam, aber schonungslos direkt schildert Güntner den Abstieg des 16-Jährigen, wie ihm nach und nach alles entgleitet. Da, wo andere Distanz einnehmen und aus der Ferne berichten, geht sie noch näher heran. Spart zwar nicht mit Jugend-Slang und Vorstadt-Vorurteilen, schafft jedoch gerade so den Grat zwischen Klischee und Wirklichkeit. Dabei beschreibt sie ganz ohne Umschweife, wie Luis plötzlich den aufgestauten Gefühlen ihren Lauf lässt, wie er außer Kontrolle gerät. Und wie nach und nach Luis' Kindlichkeit zum Vorschein kommt. Sex mag etwas von Erwachsenwerden an sich haben. "Fickwetten" aber haben es ganz sicher nicht.

Je mehr Luis an emotionaler Tiefe gewinnt, desto mehr ist man bei ihm. Hin und wieder bricht der Ich-Erzähler aus seinen Schemata aus. Und zwar dann, wenn Güntner Luis poetische Formulierungen auf die Zunge legt, denen er nicht gewachsen ist; dann verfällt sie wieder in Ghetto-Slang, wirft mit Schimpfwörtern nur so um sich. "Im Sommer sind er und sein fetter Arsch hier draußen bei uns. Er ist freiwillig fett, er muss das hinbekommen." Diese Stilbrüche sind nicht logisch, nicht in sich stimmig; aber sie bringen Abwechslung. Genau wie die knappen, meist staccato-artigen Dialoge, die jeder noch so nichtssagenden Konversation eine starke Authentizität verleihen.

Trotzdem wartet man vergeblich auf einen Wendepunkt, auf das eine entscheidende Ereignis - es bleibt aus. Zeitweise werden Stellen verschenkt, dann verschwimmen emotional bedeutsame Momente mit öden Alltags-Nebensächlichkeiten. Welcher Moment am Ende im Gedächtnis bleibt? Gute Frage. Das Buch hinterlässt Spuren, so viel ist sicher. Aber diese verblassen - schneller, als es Luis' Geschichte verdient hätte.

Was am Ende bleibt ist die Erkenntnis, dass es für ein Kind wichtig ist, Kind sein zu dürfen. Dass eine verschenkte, vergebene Kindheit sich nicht aufholen lässt, den Pseudo-Erwachsenen früher oder später wieder einholt. Oft aber erst dann, wenn schon nicht mehr viel geblieben ist. Dann, wenn es schon nichts mehr bringt. Egal, ob Bringer oder nicht.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lalito 13.08.2014
1. Klasse
"Dann, wenn es schon nichts mehr bringt. Egal, ob Bringer oder nicht."
Antoninus 24.10.2014
2. Wennn das genial ist...?
Der Verlagstext von KiWi ist hier ein wenig umgestellt: In der Hauptpassage sogar besser formuliert: "Schonungslos und erschütternd, leichtfüßig und heiter erzählt Güntner von der Haltlosigkeit des Erwachsenwerdens und von der größten Kunst überhaupt: dem Besiegen der eigenen Ängste." Aber wenn so ein Buch zu diesem Allerwelts-Sex-und-Kindheitsthema nicht g e n i a l ist, kann man den Pappband auch liegen lassen, bis er entsorgt wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.