Roman-Debüt "Eskimo Limon 9" Zwischen "Eis am Stiel" und "X-Men"

Eine jüdische Familie zieht aus Tel Aviv in die deutsche Provinz: Mit "Eskimo Limon 9" hat Sarah Diehl einen entzückenden, popkulturell versierten Roman über Identitäten und Heimweh geschrieben. Und über Bienenstich und Sid Vicious.

Sarah Diehl: Faible für Populär- und Alltagskultur
Frank Schwarz

Sarah Diehl: Faible für Populär- und Alltagskultur

Von Maren Keller


Seine erste existentielle Krise verdankt Eran keinem Geschichtsbuch und keinem Gedenkstättenbesuch, sondern der Comic-Reihe "X-Men". Deren Bösewicht Magneto war während seiner Jugend in Auschwitz und hatte aus der Zeit für sich einen Entschluss mitgebracht: Die Dinge werden nicht besser, wenn man sich fügt. Wer verfolgt wird, nur weil er anders ist, kann auf keine Besserung hoffen, bis er sich gegen die Gegner erhebt. Das findet Eran sehr nachvollziehbar. Wie aber konnte Magneto dann der Bösewicht sein?

Eran liebt Comics. Eran ist elf. Und vielleicht in der Pubertät. Ganz sicher ist sich seine Mutter da nicht. Wahrscheinlich hat er schon Schamhaar. Auf jeden Fall kommt sie nicht mehr richtig an ihn heran. Und Eran ist es auf einmal peinlich zu erzählen, dass er in der neuen Schule als Allererstes ein Mädchen kennengelernt hat. Eran hat keine Lust auf dumme Nachfragen seiner Eltern.

Erans neue Schule liegt in Niederbrechen. Niederbrechen liegt in der Nähe von Oberbrechen, und nicht einmal seine Bewohner sind sich sicher, ob es sich bei Niederbrechen nun um eine Kleinstadt oder ein Dorf handelt. In Niederbrechen leben insgesamt ziemlich wenige Leute. Und noch weniger Juden. 1908 waren es noch 123. 1948 waren es null. Und ab Seite 21 des Romans "Eskimo Limon 9" sind es drei: Eran und seine Eltern.

Die Lücken zwischen den Bruchstücken

"Eskimo Limon 9" ist die Geschichte von Erans Familie und wie sie von Tel Aviv in die deutsche Provinz zieht, weil der Vater dort einen Job angeboten bekommen hat. Es ist die Geschichte über Erans neuen Klassenlehrer, der sich wundert, ob es wohl spezielle Unterrichtsmaterialen für diesen Fall gäbe, wo es doch auch Broschüren über die Integration sozial schwacher Schüler gibt. Es ist die Geschichte des diskussionsfreudigen Rentners, der die Familie zu Toast Hawaii einlädt, um den Nah-Ost-Konflikt zu diskutieren. Es ist die Geschichte des örtlichen Verschönerungsvereins, der auf die Idee kommt, aus einer alten Autowerkstatt ein Museum zu machen. Es ist eine Geschichte über die Bruchstücke, die man über andere Kulturen weiß, und die Lücken die bleiben, wenn man versucht, aus diesen Bruchstücken eine Welt zu bauen.

Pflichtbewusst führt Erans Vater den Antisemitismusverdacht an, als er etwas zu Rainer Werner Fassbinder sagen soll, weil er denkt, dass würde von ihm erwartet. Erans Mutter entdeckt einen ihr fremden Respekt für die israelischen Staatsgründer, den sie von ihrem Heimweh ausgelöst sieht. Und Erans Lehrer sorgt sich, ob es seine Schüler verwirren könnte, dass Erans und seine Eltern zwar aus Israel stammen und Chanukka feiern, aber trotzdem keine gläubigen Juden sind.

Die Welt gibt eine ganze Menge her

"Eskimo Limon 9" ist eine Geschichte über Identitätszuschreibungen und Vergangenheitsbewältigung, geschrieben von der Feministin Sarah Diehl, die als kluge Kulturwissenschaftlerin bekannt ist. Weil Sarah Diehl aber auch eine gute Erzählerin ist, kommen in dieser Geschichte keine theoretischen Einordnungen, sondern Bienenstich und Sid Vicious vor.

Denn das ist das entzückendste an diesem Roman: Diehls Faible für Populär- und Alltagskultur, das schon im Titel anklingt. Eskimo Limon ist der Name eines Wassereises, das eine Zeit lang in Israel beliebt war und der Name einer legendären israelischen Filmreihe. In einer Schlüsselszene des Films sieht Erans Mutter deutsches Fernsehen und findet überrascht auf einem der Kanäle eine deutsche Version des Films. Die Synchronisierung erscheint ihr dabei nur wie ein Verfremdungseffekt, der nicht funktionieren will. Der deutsche Titel des Films lautet "Eis am Stiel".

Diehl hat all die Bruchstücke, all die Popkulturphänomene, all die Figuren zu einer schlauen und unterhaltsamen Geschichte addiert, denn das ist genau das, was gute Literatur macht. Und weswegen auch Erans Mutter irgendwann beginnt Bücher zu lesen, obwohl sie Belletristik eigentlich lange Zeit blöd fand. "Die Erkenntnis, dass Realität wie Fiktion nur die zufällige Summe dessen war, was diese Welt hergab, war ihr erst allmählich gekommen." Und die Welt, das beweist dieses Romandebüt, gibt eine ganze Menge her.


"Eskimo Limon 9" ist bei Atrium erschienen und im SPIEGEL-Shop erhältlich.



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Zappa_forever 08.10.2012
1. Aaaaahja!
Zitat von sysopFrank SchwarzEine jüdische Familie zieht aus Tel Aviv in die deutsche Provinz: Mit "Eskimo Limon 9" hat Sarah Diehl einen entzückenden, popkulturell versierten Roman über Identitäten und Heimweh geschrieben. Und über Bienenstich und Sid Vicious. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/eskimo-limon-9-roman-von-sarah-diehl-ueber-identitaeten-und-heimweh-a-859733.html
"popkulturell versiert" - vielleicht ist der Plot auch nur ziemlich gestelzt, darauf lässt die eingangs zitierte Formulierung schließen. ...wohl was für eingefleischte Literaturhausgänger und Helmholzplatzcafé-Dauerbesucher.
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