Essay von Arundhati Roy Krieg ist Frieden

3. Teil




Heute fördert Pakistan ­ Amerikas Verbündeter in diesem neuen Krieg ­ Aufständische, die ins indische Kaschmir gehen. Pakistan rühmt sie als "Freiheitskämpfer". Indien nennt sie "Terroristen". Indien wiederum brandmarkt Länder, die Terrorismus fördern und begünstigen, doch Indiens Armee hat früher separatistische tamilische Rebellen ausgebildet, die eine Heimat für sich in Sri Lanka forderten ­ sie sind verantwortlich für zahllose blutige Terroranschläge. (So, wie die CIA die Mudschahidin fallen ließ, als sie ihren Zweck erfüllt hatten, kehrte Indien den tamilischen Rebellen aus vielerlei politischen Gründen abrupt den Rücken. Es war eine aufgebrachte tamilische Selbstmordattentäterin, die 1991 den ehemaligen indischen Premier Rajiv Gandhi ermordete.)

Regierungen und Politiker müssen begreifen, dass es zwar kurzfristige Resultate bringen kann, diese enormen, blindwütigen Gefühle der Menschen für eigene, engstirnige Zwecke zu manipulieren, dass dergleichen aber unerbittlich katastrophale Folgen hat. Religiöse Gefühle aus Gründen der politischen Nutzbarkeit zu entfachen und auszunutzen ist das gefährlichste Vermächtnis, das Regierungen oder Politiker einem Volk hinterlassen können ­ auch ihrem eigenen. Menschen, die in einer durch religiöse oder kommunale Bigotterie zerrütteten Gesellschaft leben, wissen, dass jeder religiöse Text ­ von der Bibel bis zur Bhagawadgita ­ untergraben und fehlinterpretiert werden kann, um alles vom Atomkrieg über Völkermord bis zur kollektiven Globalisierung zu rechtfertigen.

Für jeden Terroristen sterben Hunderte unschuldiger Zivilisten. Und an deren Stelle treten ein paar künftige Terroristen. Wie soll das enden?

Dies soll nicht heißen, dass die Terroristen, die am 11. September das Entsetzliche getan haben, nicht verfolgt und zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Das müssen sie. Ist aber ein Krieg der beste Weg, um sie aufzuspüren? Wird man die Nadel finden, wenn man den Heuhaufen niederbrennt? Oder wird es den Zorn schüren und die Welt zur wahren Hölle für uns alle machen?

Wie viele Leute kann man denn schließlich ausspionieren, wie viele Bankkonten einfrieren, wie viele Gespräche belauschen, wie viele E-Mails abfangen, wie viele Briefe öffnen, wie viele Telefone abhören? Schon vor dem 11. September hatte die CIA mehr Informationen zusammengetragen, als sich in einem Menschleben auswerten lassen. Das schiere Ausmaß der Überwachung wird zum logistischen, ethischen und bürgerrechtlichen Alptraum. Es wird uns glatt um den Verstand bringen. Und die Freiheit ­ dieses kostbare Gut ­ wird ihr erstes Opfer. Sie ist jetzt schon schwer verletzt und blutig geschlagen.

Regierungen in der ganzen Welt verwerten die herrschende Paranoia zynisch für ihre eigenen Interessen. Alles Mögliche an unvorhersehbaren politischen Kräften wird freigesetzt. In Indien, zum Beispiel, sind Mitglieder des "All India People's Resistance Forum" im Gefängnis, weil sie in Delhi Antikriegs- und Anti-US-Pamphlete verteilten. Sogar der Drucker dieser Streitschriften wurde verhaftet. Die rechtsgerichtete Regierung (die gleichzeitig extremistische hinduistische Gruppen wie die "Vishna Hindu Parishad" und die "Bajrang Dal" schützt) hat das "Students Islamistic Movement of India" verboten und versucht, ein Antiterror-Gesetz neu aufzulegen, das kassiert wurde, nachdem die Menschenrechtskommission berichtete, es werde mehr missbraucht als gebraucht. Millionen indischer Bürger sind Muslime. Bringt es irgendeinen Nutzen, wenn man sie ausgrenzt?

Mit jedem Tag, den der Krieg dauert, überschwemmen blindwütige Emotionen die Welt. Die internationale Presse hat wenig oder gar keinen freien Zugang zum Kriegsgebiet. Die Mainstream-Medien, besonders die amerikanischen, sind jedenfalls mehr oder weniger umgefallen und lassen sich gern den Bauch pinseln durch Pressemappen von Militärs und Regierungsbeamten. Afghanische Radiosender sind ausgebombt. Die Taliban hatten für die Presse schon immer nur tiefes Misstrauen übrig. In einem Propagandakrieg gibt es keine genaue Einschätzung darüber, wie viele Menschen getötet wurden oder wie groß die Zerstörung war. Ohne verlässliche Informationen wuchern die Gerüchte.

Wenn Sie in diesem Teil der Welt Ihr Ohr auf die Erde legen, dann können Sie das Dröhnen hören, den tödlichen Trommelwirbel des aufwallenden Zorns. Bitte, bitte stoppen Sie den Krieg jetzt! Genug Menschen sind gestorben. Die schlauen Raketen sind einfach nicht schlau genug. Sie bringen endlose, unterdrückte Wut zum Explodieren.

Präsident George Bush prahlte neulich, es sei ja wohl Unsinn, "mit einer Zwei-Millionen-Dollar-Rakete auf ein leeres Zelt oder einen Kamelhintern zu schießen". Präsident Bush sollte wissen, dass es in Afghanistan keine Ziele gibt, die den Preis seiner Raketen wert sind. Vielleicht sollte er ein paar billigere Raketen für billigere Ziele und billigere Leute in den armen Ländern der Welt bauen, und wäre es nur für den Etatausgleich. Doch das erschiene am Ende den Waffenherstellern der Koalition als nicht sehr vernünftig, geschäftlich gesehen.

Nach drei Jahren anhaltender Dürre ein Airline-Mahl vom Himmel hoch in Dschalalabad. Wer hinläuft, riskiert, von Landminen zerrissen zu werden.

Und vergessen Sie nicht, dass Präsident George Bush junior und Vize-Präsident Dick Cheney beide ihr Vermögen der Ölindustrie verdanken. Allein Turkmenistan, das an den Nordwesten Afghanistans grenzt, verfügt über gewaltige Gasvorkommen und geschätzte drei Milliarden Barrel Ölreserven. Amerika hat Öl immer als Sicherheitsfrage betrachtet und mit allen Mitteln geschützt, die es für nötig erachtete. Wenige von uns bezweifeln, dass seine militärische Präsenz im Golf weniger mit seinen Sorgen um die Menschenrechte als mit seinem strategischen Interesse am Öl zusammenhängt.

Öl und Gas aus der Kaspischen Region fließen gegenwärtig nordwärts auf die europäischen Märkte zu. Geografisch wie politisch bilden Iran und Russland große Hindernisse für die amerikanischen Interessen. 1998 sagte Dick Cheney ­ damals Chef von Halliburton, einem wichtigen Player in der Ölindustrie: "Ich kann mich an keinen Zeitpunkt erinnern, wo für uns eine Region so plötzlich strategisch so wichtig wurde wie die kaspische. Fast scheint es, als wären die Gelegenheiten über Nacht entstanden." Wie wahr.

Seit einigen Jahren nun verhandelt ein amerikanischer Ölgigant namens Unocal mit den Taliban über die Genehmigung, eine Ölpipeline durch Afghanistan nach Pakistan bis ins Arabische Meer zu bauen, weil Unocal sich einen Zugang zu den lukrativen "Emerging Markets" in Süd- und Südost-Asien erhofft. 1997 reiste eine Abordnung der Taliban nach Amerika und traf in Houston sogar mit Beamten des US-Außenministeriums und mit Unocal-Führungskräften zusammen.

Anders als heute galten damals die Vorliebe der Taliban für öffentliche Hinrichtungen und ihre Behandlung afghanischer Frauen nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Während der folgenden Monate übten Hunderte erzürnter amerikanischer Feministinnen-Gruppen Druck auf die Clinton-Regierung aus. Erfreulicherweise schafften sie es, den Handel platzen zu lassen. Und jetzt kommt die große Chance der US-Ölindustrie.

In Amerika werden die Waffenindustrie, die Ölindustrie, die großen Medien-Konglomerate und selbst die US-Außenpolitik sämtlich von den gleichen Kartellen kontrolliert. Daher kann man kaum erwarten, dass ein Diskurs über Gewehre und Öl und Verteidigungsabkommen ernsthaft in den Medien behandelt wird. Jedenfalls trifft das Geschwätz über den "Kampf der Kulturen", das Gerede von "Gut gegen Böse" genau auf ein ratloses Volk, dessen Stolz gerade verwundet wurde, dessen Angehörige tragisch ums Leben kamen, dessen Zorn frisch und heftig ist. Es wird von Regierungssprechern zynisch verbreitet, als handelte es sich um die tägliche Dosis Vitamine oder Antidepressiva. Diese regelmäßige Arznei garantiert, dass Amerika weiterhin das Rätsel bleibt, das es immer war ­ ein merkwürdiges Inselvolk, verwaltet von einer krankhaft aufdringlichen, verworrenen Regierung.

Und was ist mit dem Rest von uns, den betäubten Empfängern all dessen, das wir als groteske Propaganda wahrnehmen? Den täglichen Konsumenten von Lügen und Brutalitäten, die mit Erdnussbutter und Erdbeermarmelade beschmiert aus der Luft in unsere Köpfe abgeworfen werden, ganz wie diese gelben Lebensmittelpäckchen? Sollen wir wegschauen und schlucken, was man uns zuwirft? Sollen wir das grimmige Theater ungerührt mit ansehen, das sich in Afghanistan abspielt, bis wir im Kollektiv röcheln und mit einer Stimme rufen, dass wir genug haben?

Während das erste Jahr des neuen Millenniums dem Ende entgegeneilt, fragt man sich: Haben wir das Recht zu träumen verwirkt?

Werden wir uns je wieder Schönheit vorstellen können? Wird es je wieder möglich sein, den langsamen, erstaunten Lidschlag eines neugeborenen Geckos in der Sonne zu beobachten oder einem Murmeltier leise zu antworten, das uns etwas ins Ohr gewispert hat ­ ohne dass wir an das World Trade Center denken müssen oder an Afghanistan?

ÜBERSETZUNG: ILSE LANGE-HENCKEL



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