Essay von Umberto Eco Leidenschaft und Vernunft

3. Teil


Doch genau diese Kritik der Parameter, die der Westen verfolgt und ermutigt, lässt uns begreifen, dass die Frage der Parameter delikat ist. Ist es richtig und zivilisiert, das Bankgeheimnis zu schützen? Viele sind davon überzeugt. Wenn aber dieses Geheimnis den Terroristen erlaubt, ihr Geld in der City von London zu halten? Ist dann die Verteidigung der so genannten Privacy ein positiver oder ein zweifelhafter Wert?

Gefangener Taliban-Kämpfer: "Man stelle sich vor, die islamischen Fundamentalisten würden eingeladen, den christlichen Fundamentalismus zu studieren - sie würden den eigenen besser verstehen"
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Gefangener Taliban-Kämpfer: "Man stelle sich vor, die islamischen Fundamentalisten würden eingeladen, den christlichen Fundamentalismus zu studieren - sie würden den eigenen besser verstehen"

Wir stellen unsere Parameter ständig zur Diskussion. Die westliche Welt macht dies in einem solchen Ausmaß, dass sie es den eigenen Bürgern zugesteht, den Parameter der technischen Entwicklung nicht als positiv anzuerkennen und Buddhisten zu werden oder aber in einer Gemeinschaft zu leben, die keine Reifen benutzt, nicht einmal für Pferdekutschen. Die Schule muss lehren, die Parameter, auf denen unsere leidenschaftlichen Behauptungen beruhen, zu analysieren und zu diskutieren.

Das Problem, das die Kulturanthropologie nicht gelöst hat, lautet: Was macht man, wenn ein Mitglied einer Kultur, deren Prinzipien wir sogar zu respektieren gelernt haben, zu uns zieht und bei uns leben möchte? In Wirklichkeit ist die Mehrzahl der rassistischen Reaktionen im Westen nicht auf die Tatsache zurückzuführen, dass in Mali Animisten leben, sondern dass sich die Animisten bei uns ansiedeln. Was ist aber, wenn sie den Tschador tragen und wenn sie ihre Mädchen infibulieren (Vernähen der Vagina bis zur Hochzeitsnacht, A. d. Ü.) wollen, wenn sie (wie dies bei bestimmten Sekten im Westen der Fall ist) die Bluttransfusion für ihre kranken Kinder ablehnen, wenn der letzte Menschenfresser aus Neuguinea (falls es diese noch gibt) zu uns emigrieren und sich wenigstens jeden Sonntag einen kleinen Jungen rösten möchte?

Bei dem Menschenfresser sind wir alle einer Meinung: Er wird ins Gefängnis gesteckt. Bei den Mädchen, die im Tschador zur Schule gehen, sehe ich nicht ein, weshalb wir daraus eine Tragödie machen sollten, wenn es ihnen gefällt. Über die Infibulation dagegen ist die Debatte eröffnet (das gilt sogar für denjenigen, der so tolerant ist vorzuschlagen, diese solle von ört-lichen Krankenstationen vorgenommen werden, weil dann die Hygiene gesichert ist). Was aber machen wir beispielweise mit der Forderung, die muslimischen Frauen sollten für die Passfotos mit Schleier fotografiert werden dürfen?

Wir haben Gesetze, die für jedermann gelten und die Kriterien für die Identifizierung der Bürger aufstellen. Und ich glaube, dass man davon nicht abweichen kann. Wenn ich eine Moschee besuche, ziehe ich mir die Schuhe aus, weil ich die Gesetze und Gebräuche des Gastgeberlandes beachte. Wie halten wir es da mit einem Foto mit Schleier? Ich glaube, dass man in solchen Fällen verhandeln kann. Letzten Endes sind Passfotos ohnehin nur bedingt tauglich. Womöglich hilft man sich demnächst mit einem Fingerabdruck im Pass. Wenn Musliminnen ihrem eigenen Kleiderkodex folgen, aber unsere Schulen besuchen würden, könnten sie auch von Rechten erfahren, die sie nicht zu besitzen glauben ­ so wie viele aus dem Westen die Koranschulen besucht und sich aus freien Stücken entschlossen haben, Muslim zu werden.

Seit einigen Jahren gibt es eine internationale Organisation mit dem Namen Transcultura, die eine "alternative Anthropologie" verficht. Sie hat afrikanische Forscher, die nie im Westen gewesen sind, dazu angeregt, die französische Provinz und die Gesellschaft von Bologna zu beschreiben, und ich versichere Ihnen, dass ­ als wir Europäer gelesen haben, dass zwei der überraschendsten Beobachtungen das Faktum betrafen, dass die Europäer ihre Hunde spazieren führen und man am Strand nackig herumläuft ­ der gegenseitige Blick von beiden Seiten zu funktionieren begonnen hat und daraus interessante Diskussionen entstanden sind.

Man stelle sich vor, die islamischen Fundamentalisten würden eingeladen, den christlichen Fundamentalismus zu erforschen ­ diesmal kommen keine Katholiken ins Spiel, sondern protestantische Amerikaner, die fanatischer als ein Ajatollah sind und in den Schullehrbüchern jeden Hinweis auf Darwin tilgen möchten. Nun, ich glaube, dass das anthropologische Studium des Fundamentalismus anderer dazu dienen könnte, die Natur des eigenen besser zu verstehen. Sie kämen dazu, unser Konzept des Heiligen Krieges zu ergründen (ich könnte ihnen viele interessante Schriften empfehlen, auch neueren Datums), und vielleicht sähen sie die Vorstellung vom Heiligen Krieg in ihrem Fall mit kritischeren Augen. Eigentlich haben wir im Westen über die Grenzen unserer Denkweise nachgedacht, indem wir "La pensée sauvage" ("Das wilde Denken") beschrieben haben.

Schwule beim Hamburger Umzug am Christopher Street Day: "Wie stellt man es an, die Akpzeptanz der Differenz zu lehren?"
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Schwule beim Hamburger Umzug am Christopher Street Day: "Wie stellt man es an, die Akpzeptanz der Differenz zu lehren?"

Einer der Werte, von denen in der westlichen Zivilisation viel gesprochen wird, ist die Akzeptanz der Differenzen. Theoretisch sind wir uns alle einig, dass es politically correct ist, in der Öffentlichkeit zu sagen, jemand sei gay, aber zu Hause redet man dann kichernd von einem Schwulen. Wie stellt man es an, die Akzeptanz der Differenz zu lehren? Die Académie universelle des cultures hat eine Website ins Internet gestellt, auf der sich Materialien über diverse Themen finden lassen (Hautfarben, Religionen, Sitten und Gebräuche und so weiter), und zwar für Pädagogen eines jeden Landes, die ihren Schülern beibringen möchten, wie sie jene akzeptieren, die anders sind als sie selbst.

Zunächst hat man beschlossen, den Kindern keine Lügen aufzutischen, indem man behauptet, alle Menschen seien gleich. Die Kinder bemerken sehr wohl, dass einige Nachbarn oder Klassenkameraden nicht so sind wie sie selbst, sondern eine andere Hautfarbe, Mandelaugen, volleres oder glatteres Haar haben, seltsame Dinge essen und nicht zur Ersten Heiligen Kommunion gehen. Auch genügt es nicht, ihnen zu sagen, dass jeder ein Geschöpf Gottes sei, weil auch die Tiere Geschöpfe Gottes sind, und dennoch haben die Kinder nie eine Ziege im Klassenzimmer gesehen, die ihnen die Rechtschreibung beibringt.

Man muss den Kindern also beibringen, dass die menschlichen Wesen untereinander sehr verschieden sind, und ihnen genau erklären, worin diese sich unterscheiden, um dann aufzuzeigen, dass diese Unterschiedlichkeiten ein Quell der Bereicherung sein können. Ein Lehrer in einer italienischen Stadt müsste seinen italienischen Schülern helfen zu begreifen, warum andere Kinder zu einer anderen Gottheit beten oder eine andere Musik spielen, die sich anders anhört als Rock'n'Roll. Natürlich müsste ein chinesischer Lehrer chinesischen Kindern, die in der Nachbarschaft einer christlichen Gemeinde leben, dasselbe beibringen. Der nächste Schritt wäre dann aufzuzeigen, dass deren und unsere Musik Gemeinsamkeiten besitzen und dass auch ihr Gott einige gute Dinge empfiehlt.

Möglicher Einwand: Wir tun es in Florenz, aber machen sie es auch in Kabul? Nun, dieser Einwand ist so weit wie nur möglich von den Werten der westlichen Zivilisation entfernt. Wir begreifen uns als pluralistische Gemeinschaft, weil wir es zulassen, dass bei uns Moscheen gebaut werden, und wir nicht darauf verzichten können, nur weil sie in Kabul die christlichen Propagandisten ins Gefängnis werfen. Wenn wir es doch täten, würden auch wir zu Taliban werden.

Wir hoffen, dass ­ da wir die Moscheen bei uns zulassen ­ es eines Tages christliche Kirchen bei ihnen gibt oder sie die Buddha-Figuren bei sich nicht bombardieren.



In diesen Zeiten kommen viele merkwürdige Dinge ans Tageslicht. Es scheint so, als wäre die Verteidigung der westlichen Werte die ureigenste Angelegenheit der Rechten geworden, während die Linke sich wie üblich philo-islamisch gibt.

Dabei ist die Verteidigung der Werte der Wissenschaft, des technischen Fortschritts und der modernen Kultur des Westens im Allgemeinen stets ein Merkmal der laizistischen und fortschrittlichen Flügel gewesen. Auf eine Ideologie des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts haben sich auch alle kommunistischen Regime berufen. Das Kommunistische Manifest von 1848 beginnt mit einer unbefangenen Würdigung der bürgerlichen Expansion. Marx sagt nicht etwa, dass man das Rad neu erfinden und zur asiatischen Produktionsweise übergehen müsse ­ er sagt vielmehr, das Proletariat müsse sich bestimmte Werte und Errungenschaften des Bürgertums aneignen.

Umgekehrt ist es immer das reaktionäre Denken (im vornehmsten Sinn des Wortes) gewesen, zumindest beginnend mit der Ablehnung der Französischen Revolution, das sich der laizistischen Ideologie des Fortschritts entgegengestellt hat mit der Forderung, man müsse sich den Werten der Tradition zuwenden. Die ernsthafteren unter den Denkern der Tradition haben sich immer, neben den Riten und Mythen der primitiven Völker oder der buddhistischen Lehre, dem Islam als noch stets aktuellem Quell alternativer Spiritualität zugewendet. Es waren stets sie, die uns daran erinnert haben, dass wir ­ wenngleich von der Ideologie des Fortschritts ausgetrocknet ­ nicht überlegen sind und dass wir die Wahrheit bei den mystischen Sufis oder bei den tanzenden Derwischen suchen müssen.

In diesem Sinn öffnet sich derzeit eine sonderbare Kluft. Aber vielleicht ist dies auch nur ein Zeichen dafür, dass in einer Zeit großer Verwerfungen (und gewiss leben wir in einer solchen) niemand mehr weiß, auf welcher Seite er steht.

Gerade in einer solchen Zeit muss man es verstehen, dem eigenen Aberglauben wie dem der anderen entgegenzutreten: mit den Waffen der Analyse und Kritik. Ich hoffe, dass diese Themen nicht nur bei Pressekonferenzen angesprochen werden, sondern auch in den Schulen.




Übersetzung aus dem Italienischen: Helmut Mennicken.

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