Essay von Umberto Eco Leidenschaft und Vernunft

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco über die Vernunft in Zeiten terroristischer Bedrohung.


Umberto Eco, 69, gehört zu den bedeutendsten Intellektuellen Italiens. Mit seinem Schelmenroman "Baudolino" feiert der Philosoph und Schriftsteller derzeit Erfolge in den Bestsellerlisten
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Umberto Eco, 69, gehört zu den bedeutendsten Intellektuellen Italiens. Mit seinem Schelmenroman "Baudolino" feiert der Philosoph und Schriftsteller derzeit Erfolge in den Bestsellerlisten

Alle Religionskriege, die jahrhundertelang die Welt mit Blut getränkt haben, sind aus dem leidenschaftlichen Festhalten an vereinfachenden Gegensätzen entstanden, wie etwa Wir und die Anderen, Gut und Böse, Weiß und Schwarz. Wenn die westliche Kultur sich als fruchtbar erwiesen hat, so auch deshalb, weil man im Licht der Untersuchungen und des kritischen Geistes gezwungen wurde, sich von den schädlichen Vereinfachungen zu "befreien".

Natürlich hat sie es nicht immer so gehalten, weil zur Geschichte der westlichen Kultur auch Hitler gehört, der die Bücher verbrannte, die "entartete Kunst" verdammte und die Angehörigen "minderwertiger Rassen" umbrachte.

Es sind aber die besten Aspekte unserer Kultur, die wir mit den jungen Menschen aller Hautfarben diskutieren müssen, wenn wir verhüten wollen, dass auch in jenen Tagen, die sie nach uns leben werden, neue Türme einstürzen.

Was oft Verwirrung schafft, ist die Tatsache, dass verschiedene Dinge nicht auseinander gehalten werden: die Identifikation mit den eigenen Wurzeln; das Verstehen dessen, der andere Wurzeln hat; das Urteil darüber, was gut und was schlecht ist.

Zu den Wurzeln so viel: Würde man mich fragen, ob ich meine Zeit als Rentner lieber in einem kleinen Dorf im Monferrato ( Hügelland in Piemont, A. d. Ü.), in der majestätischen Bergwelt des Abruzzen-Nationalparks oder in den sanften Hügeln Sienas verbringen möchte, so würde ich mich für das Monferrato entscheiden. Dies aber bedeutet noch lange nicht, dass ich die anderen italienischen Gegenden als dem Piemont unterlegen bewerte.

Jeder identifiziert sich mit der Kultur, in der er aufgewachsen ist ­ die Fälle von Wurzelverpflanzungen sind in der Minderzahl

Wenn daher unser Ministerpräsident mit seinen Worten (für die Menschen im Westen gesprochen und nicht etwa an die Araber gerichtet) ausdrücken wollte, dass er lieber in der Nähe von Mailand als in Kabul leben und sich lieber in einem Mailänder als in einem Bagdader Krankenhaus behandeln lassen würde, so bin ich bereit, seine Meinung zu unterschreiben. Und dies sogar dann, wenn man mir sagte, dass man in Bagdad über das am besten ausgestattete Krankenhaus der Welt verfüge: In Mailand wäre ich zu Hause, und dies würde auch meine Heilungskräfte beflügeln. Die Wurzeln können auch über die rein regionalen oder nationalen Wurzeln hinausreichen. Ich würde, um ein Beispiel zu nennen, lieber in Limoges als in Moskau leben. Wieso das, ist Moskau denn etwa keine wunderschöne Stadt? Gewiss doch, aber in Limoges würde ich die Sprache verstehen.

Jeder identifiziert sich also mit der Kultur, in der er aufgewachsen ist, und die Fälle von Wurzelverpflanzungen, die es auch gibt, sind in der Minderzahl. Lawrence von Arabien kleidete sich genau wie ein Araber, aber letzten Endes ist er nach Hause gezogen.

Beschäftigen wir uns jetzt mit dem Gegensatz der Zivilisationen, weil es um diesen Punkt geht. Der Westen, wenn auch nur und häufig aus Gründen der wirtschaftlichen Expansion, ist auf die anderen Zivilisationen neugierig gewesen. Häufig hat er sie verächtlich abgetan: Die Griechen bezeichneten diejenigen als Barbaren, das heißt also als Stotterer, die nicht die griechische Sprache beherrschten, und daher war es, als ob sie überhaupt nicht sprechen könnten.

Ruine des New Yorker World Trade Centers: "Wir müssen verhüten, dass in Zukunft neue Türme einstürzen"
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Ruine des New Yorker World Trade Centers: "Wir müssen verhüten, dass in Zukunft neue Türme einstürzen"

Aber reifere Griechen, wie die Stoiker (vielleicht weil einige unter ihnen phönizischen Ursprungs waren), haben bald darauf bemerkt, dass die Barbaren eine andere als die griechische Sprache benutzten, sich aber auf dieselben Gedanken bezogen. Marco Polo hat versucht, die Sitten und Bekleidung der Chinesen mit großem Respekt zu beschreiben; die großen Kirchenlehrer der christlichen Theologie des Mittelalters haben sich darum bemüht, sich die Texte der arabischen Philosophen, Medici und Astrologen übersetzen zu lassen; die Männer der Renaissance haben sogar in ihren Bemühungen übertrieben, verloren gegangene Weisheiten der Orientalen, von den Chaldäern bis zu den Ägyptern, aufzuspüren; Montesquieu hat sich vorzustellen versucht, wie wohl ein Perser die Franzosen verstehen würde; und die modernen Anthropologen haben sich als erstes Forschungsobjekt die Salesianer ausgesucht, die zwar zu den Bororo gingen, um sie ­ nach Möglichkeit ­ zu bekehren, aber auch um zu verstehen, wie sie dachten und lebten.

Ich habe die Anthropologen erwähnt und sage nichts Neues, wenn ich daran erinnere, dass sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Kulturanthropologie als Versuch entwickelt hat, die Gewissensbisse des Westens angesichts der Anderen zu besänftigen ­ besonders angesichts jener Anderen, bei denen es sich um definitiv Wilde, Gesellschaften ohne Geschichte und primitive Völker handelte.

Die westliche Kultur hat die Fähigkeit entwickelt, ihre eigenen widersprüchlichen Bedingungen freimütig offen zu legen und zu diskutieren

Der Westen ist mit den Wilden nicht gerade zartfühlend umgegangen: Er hat sie "entdeckt", sie zu bekehren versucht, sie ausgebeutet und viele von ihnen auch mit Hilfe der Araber in die Sklaverei gebracht, denn die Sklaven, die in New Orleans von gepflegten Edelleuten französischen Ursprungs entladen wurden, waren an den afrikanischen Küsten von muselmanischen Händlern verschifft worden. Die Aufgabe der Kulturanthropologie bestand darin aufzuzeigen, dass Logiken existierten, die von der westlichen Logik verschieden und ernst zu nehmen, nicht aber zu verachten und zu unterdrücken waren.

Dies hatte nicht zu bedeuten, dass die Anthropologen, nachdem sie einmal die Logik der Anderen erklärt hatten, beschlossen haben, wie diese zu leben; daher kehrten sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nach Beendigung ihrer langjährigen Feldarbeit in Übersee nach Devonshire oder in die Picardie zurück, um dort einen unbeschwerten Lebensabend zu genießen. Liest man jedoch ihre Bücher, so könnte man zu dem Schluss kommen, die Kulturanthropologie nehme eine relativistische Position ein und behaupte, eine Kultur sei so gut wie eine andere. Das scheint mir nicht so zu sein. Höchstens sagt der Anthropologe uns, dass man ihre Lebensweise respektieren müsse, jedenfalls so lange, wie die Anderen zu Hause bleiben.



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