Essaysammlung "Glänzende Zeiten" Brave neue Welt

Der Feuilletonist Adam Soboczynski wettert gegen rauchfreie Bars und alkoholfreie Mittagspausen, gegen haarfreie Männerbrüste und abenteuerfreie Affären, gegen Kinder in Kneipen und Jogger in der Stadt - kurz: gegen den Terror der Tugend. Ein glänzendes Buch.

Feuilletonist Adam Soboczynski, Autor des Buches "Glänzende Zeiten": Steile Thesen
dapd

Feuilletonist Adam Soboczynski, Autor des Buches "Glänzende Zeiten": Steile Thesen

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Früher war alles besser. Früher hatte der Mensch noch Laster, früher rauchte er noch und soff und schlug mit der Hand schon mal auf den Tisch, früher flanierte er noch ziellos umher und fuhr Fahrrad ohne Fahrradhelm und ging beizeiten fremd, nicht geplant, abgeklärt, glanzlos, sondern leidenschaftlich, unvernünftig, kopflos, früher joggte er noch nicht und aß nicht fleischfrei und rasierte sich nicht babyglatt, früher wirkte der Mensch noch nicht wie ein verblendeter Sektenjünger: stets bejahend, konstruktiv und einsichtig, schlank, glatt und erleuchtet. Stets diszipliniert.

Das ist übertrieben, natürlich ist es das, es ist "pauschal dahergesagt", wie es an einer Stelle in dem Buch "Glänzende Zeiten" heißt, es "stimmt nur in groben Zügen, ist nicht beweisbar, nur ein Erfahrungswert", und doch streicht man beim Lesen einen Satz nach dem anderen an, kopfnickend, schmunzelnd, grienend, bis beinahe jeder dritte Satz angestrichen ist. Weil Adam Soboczynski, 35, so schöne Sätze schreibt, wie von früher, voller Nebensätze und Einfügungen. Und weil er so kluge Sätze schreibt, wie von früher, aus den Hochzeiten der kritischen Theorie. Soboczynski hat, natürlich hat er das, recht. Jawohl.

Kinder machen Kneipen unerotisch

Der "Zeit"-Feuilletonredakteur wettert gegen "die Glättung, Aufhellung, Gesundung, Normierung der Welt, die ungute Disziplinierung, die Verbannung individueller Verrücktheiten und Fluchten des Alltags", zum Beispiel gegen rauchfreie Bars und alkoholfreie Mittagspausen, weil der Mensch des Trostes durch Alkohol und Nikotin so ungeheuer bedürftig ist - und weil "die Angst vor der Krankheit selbst schon eine Krankheit ist", gegen Kinder in der Kneipe, weil sie diesen "Ort der dunklen Geheimnisse, der schlüpfrigen Anbandelei und abwegigsten Frivolitäten" enterotisieren - und weil sie, diese "Trophäen des gesunden Volkskörpers", die kinderlosen Gäste als Sozialschmarotzer erscheinen lassen, gegen die Vermessung der Welt durch Smartphones, weil sie das Unerwartete beseitigen, auf das der Flaneur angewiesen ist. "Der Weg ist heute immer schon für einen gebahnt."

Allen voran verspottet Soboczynski den Asketen, einen "Feind des Lebens", der die glückliche Zukunft um jeden Preis möchte - dabei kann es so schnell gehen: "Bei aller Selbstgeißelung, die man sich auferlegt, muss man sich immer ernstlich fragen, ob sie den Aufwand lohnt." Und pointierter: "Es muss der Verzicht auf das Steak stets mit der Möglichkeit eines Erdbebens verrechnet werden."

Der Asket kontrolliert nicht nur sich selbst, sondern auch andere, er hasst den Genussmenschen, den Raucher, den Trinker, den Vielesser, er ist ein Missionar neoliberaler Tugenden, ein Anwalt der Arbeitstüchtigkeit. Denn für den Genuss, für das Laster, so schreibt es Soboczynski, habe auch immer ihre Subversionskraft gesprochen: "Es war die Unvernunft selbst, die sich damit Bahn brach und die seit je ganz unökonomisch war. Sie behinderte, zum Ärger aller Reformer, das kapitalistische Räderwerk."

Die Freizeit als Funktion der Arbeit

Nun ist es nicht so, dass Soboczynski die Selbstdisziplin grundsätzlich geißelt, bei manchen Zeitgenossen vermisst er sie sogar: bei Joggern, die ihren schwitzenden, kaum verhüllten Körper hemmunglos in den Innenstädten ausstellen, und bei Bahnreisenden, die ihre Schuhe im Abteil ausziehen. "Dort, wo man sich disziplinieren müsste, lässt man sich gehen, dort, wo man sich gehen lassen sollte, diszipliniert man sich heute. Auf den wildesten Partys wird einem die Zigarette nicht mehr gegönnt, aber die Schuhe zieht man sich mit der größten Selbstverständlichkeit immer und überall aus." Weil es bequemer ist, weil man sich entspannen will, und so sind die Muster hinter dem Zuviel und dem Zuwenig an Selbstdisziplin mitunter verwandt: "Wer immerzu sagt, er müsse sich entspannen, betont immerzu, wie viel er doch arbeitet, wovon er sich entspannen müsse. Mithin, er verrechnet die Arbeit mit seiner Freizeit, was die Freizeit zur Funktion der Arbeit degradiert."

Sein Buch gliedert Soboczynski in 29 Kapitel, essayistische Episoden, die lose miteinander verschränkt sind, aber keinen roten Argumentations- oder gar Handlungsfaden erkennen lassen. Der Untertitel "Fast ein Roman" führt also in die Irre, einerseits. Andererseits erlaubt er es Soboczynski, sich hinter einem Erzähler-Ich zu verstecken - und noch steilere Thesen zu verfechten.

Manches erinnert im Ton und im Inhalt an die Schriften Theodor W. Adornos, Walter Benjamins und Siegfried Kracauers, bloß mit weniger Pathos und mit mehr Humor. Mitunter könnte man meinen, Soboczynski imitiere die Vorbilder, um sie zu persiflieren. Er schreibt kritische Theorie nach der Postmoderne - mit ironischem Unterton.

Seine feuilletonistischen Streifzüge machen Lust darauf, sich weiter zu vertiefen in Alltagsphänomene unserer Gegenwart, Lust auch darauf, weiterzulesen in den Büchern, die er im Anhang aufführt. Ein Werk, das Soboczynski besonders ausgiebig zitiert, jenes eines gewissen Hannes Maria Wetzler, den er als bayerischen Schriftsteller vorstellt, als ehemaligen Angehörigen eines sozialistischen, dann expressionistischen Künstlerkreises, als Bekannten von Max Frisch und Ingeborg Bachmann und allerlei anderer Geistesgrößen, wird man jedoch nicht finden: Hannes Maria Wetzler existiert nur in Soboczynkis Buch; der Onlinekatalog der Deutschen Nationalbibliothek kennt den Namen nicht.

Schade, man hätte sich dessen Werk glatt bestellt.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
specchio, 22.11.2010
1. Gekauft
---Zitat--- "Dort, wo man sich disziplinieren müsste, lässt man sich gehen, dort, wo man sich gehen lassen sollte, diszipliniert man sich heute. ..." ---Zitatende--- Wie dargestellt sicher ein Buch, das man sich zu Weihnachten wünschen sollte. Ein Buch von einem überraschend jungen Menschen, obwohl man mit 35 natürlich schon alles Wesentliche kennengelernt haben kann. Das Buch passt in jede Generation, jeden erwischt es irgendwann, dass er die sich ändernde Umwelt erleben muss und keine Lust mehr hat, ihr hinterher zu rennen. Dabei kommen diejenigen noch gut weg, denen lediglich elektronische Geräte auffallen, die man angeblich nicht braucht, weil unsere Vorfahren uns auch ohne sie hervorgebracht haben.
faustjucken_tk 22.11.2010
2. ...
Das Gegreine eines Mannes in den Middlife-Krisis. Braucht keiner
clauscst 22.11.2010
3. Jogger
Zitat von sysopDer Feuilletonist Adam Soboczynski wettert gegen rauchfreie Bars und alkoholfreie Mittagspausen, gegen haarfreie Männerbrüste und abenteuerfreie Affären, gegen Kinder in Kneipen und Jogger in der Stadt - kurz: gegen den Terror der Tugend. Ein glänzendes Buch. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,730077,00.html
Der Autor mokiert sich über schwitzende Jogger, deren Körper kaum verhüllt sind? Da wird doch wieder die gute alte Körperfeindlichkeit bedient. Zudem: Einen Beobachter, der sich von Joggern "in der Innenstadt" belästigt fühlt, kann ich nun wirklich nicht Ernst nehmen. Und es wieder mal alles nur witzig gemeint - also das Gegenteil von witzig.
Bamboo, 22.11.2010
4. -
Zitat von faustjucken_tkDas Gegreine eines Mannes in den Middlife-Krisis. Braucht keiner
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Spiegelblupp 22.11.2010
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Zitat von faustjucken_tkDas Gegreine eines Mannes in den Middlife-Krisis. Braucht keiner
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