Von Tobias Becker
Arne Hansen ist ein Modellathlet, über zwei Meter groß und 95 Kilo schwer, ein Macher, ein Meister, ein Medaillengewinner: 1988 rudert er als Schlagmann im Deutschland-Achter zum Olympia-Gold, 1991 im Vierer zum WM-Gold. Doch es glänzt nicht alles, was Gold ist: Arne Hansen ist ein Masochist, der härter trainiert als jeder andere. Eine Mensch-Maschine, programmiert auf Selbstvernichtung. Ein Magersüchtiger recht bald, über zwei Meter groß und nur noch 60 Kilo schwer. 2001 stirbt er.
Arne Hansen ist der tragische Held in Evi Simeonis Ruderroman "Schlagmann". Eine fiktive Romanfigur, aber eine, die ein Vorbild hat in der Realität: Bahne Rabe, die Legende aus Lüneburg. Groß, stark, erfolgreich. Und plötzlich tot. Mit 37. Ein Schlagmann, der sich selbst geschlagen hat.
Die Sportreporterin Evi Simeoni war dabei: Für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat sie 1988 den Text über den Olympiasieg geschrieben, 1991 den Text über den WM-Triumph und 2001 den Nachruf. "Das Schicksal dieses Ruderers und die Suche nach der Botschaft darin haben mich nicht mehr losgelassen", schreibt sie nun im Nachwort ihres Debütromans "Schlagmann". Es ist der Versuch, der Realität über die Fiktion näher zu rücken: Hat der Leistungssport Bahne Rabe krank gemacht? Oder sind viele Leistungssportler vielleicht von vornherein psychisch krank?
Die attraktive Anna Amalia
Bahne Rabes Geschichte ist eine jener realen Geschichten, bei denen man als Schreiber nicht allzu viel falsch machen kann. Man muss sie nur aufschreiben, irgendwie, sie werden ihre Leser finden. Simeonis Roman also ist eine fesselnde Lektüre, wie sollte es anders sein, schade ist nur, dass sie auf 276 Seiten aus dem Stoff nicht viel mehr rausholt als in ihrem Nachruf damals in der "FAZ". Wer den gelesen hat und dazu den Text "Locker, Bahne, locker" von Dirk Kurbjuweit aus der SPIEGEL-Ausgabe 45/2001, der wird über Bahne Rabe nichts Neues erfahren. Was vor allem deshalb ein Problem ist, weil der Roman auch literarisch kaum über einen journalistischen Gebrauchstext hinausweist.
Simeoni erzählt die Geschichte von Arne Hansen, alias Bahne Rabe, aus der Perspektive von drei fiktiven Figuren: Sportreporter Paco Müller, der Hansen bei vielen Wettkämpfen beobachtet hat, Hansens Ex-Freundin Anna Amalia von Osterthal und Hansens Ex-Trainingspartner Ali Alt. Die Grundidee des Plots ist solide, originell ist sie nicht. Im Gegenteil: Der Reporter geht bald in Rente und will vorher unbedingt noch die große Frage seines Reporterlebens klären - was ist damals wirklich mit Arne Hansen passiert? So oder so ähnlich hat man solche Geschichten schon oft erzählt bekommen.
Der Reporter nimmt Kontakt auf zur Ex-Freundin und zum Ex-Trainingspartner, interviewt beide mehrfach und fasst die Tonbandaufzeichnungen schriftlich zusammen. Ergänzt um die eigenen Gedanken des Reporters, ergeben diese Niederschriften das Buch: einen Roman im Stil eines Rechercheprotokolls. Das hat den Nachteil, dass Hansen für den Leser sehr stark auf Distanz bleibt, weil er nie unvermittelt in den Fokus gerät, mit Ausnahme des wirklich gelungenen Prologs. Vor allem aber hat es den Nachteil, dass die Autorin Simeoni sich hinter ihrem Protokoll-Kniff verstecken - und sich allerlei sprachliche Schwächen durchgehen lassen kann, vor allem Sportjournalisten-Jargon und abgegriffene Metaphern. Da ist die Rede von "unseren Recken", die "Schmalz in den Armen" haben und die beim Training leiden "wie ein Hund". Hinzu kommt Philosophie und Psychologie in Merksätzen, oft ein bisschen zu holzschnittartig und zu groß und zu pathetisch fürs reale Leben. Sportler-Philosophie.
Besoffen mit Brandblasen
Es mag Simeonis Stilprinzip sein, die Ereignisse und Gedanken literarisch ungeformt zu lassen. Aber es drängt sich doch der Eindruck auf, sie habe diesen Sportroman in einem ziemlich sportlichen Tempo runtergetippt.
Ihr Glück ist, dass Bahne Rabe sie mitzieht, so wie er einst die anderen im Deutschland-Achter mitgezogen hat. Seine Geschichte ist zu gut, zu tragisch und zu traurig, um den Roman vorzeitig wegzulegen. Man liest fassungslos, dass er sich über den Olympiasieg gar nicht freute. Dass er am Abend nach der Siegerehrung mit dem Kopf gegen die Wand rannte, mehrfach. Dass er im gemeinsamen Urlaub der Medaillengewinner besoffen in der Sonne einschlief und mit Brandblasen wieder aufwachte. Dass er Ravioli zu Hause kalt aus der Dose aß, weil das Strom sparte und der Nährwert nicht kleiner war als der von warmen Ravioli. Dass er zwar in Kneipen ging, dort aber nie etwas bestellte. Dass er seine Wohnung kaum heizte. Dass er sich mit Rasierklingen die Arme aufritzte. Dass er sich Zigaretten auf der Haut ausdrückte.
Die psychischen Defekte schildert Simeoni nicht als Folge des Leistungssports. Eher andersherum: Die Entscheidung für den Leistungssport erscheint als Folge psychischer Defekte. Sie erlaubte es Arne Hansen alias Bahne Rabe, eine Persönlichkeitsstörung nicht nur zu kompensieren, sondern in gewisser Weise sogar fruchtbar zu machen. Wenn auch nur auf Zeit.
Sein Leben aber war wohl schon aus dem Ruder gelaufen, bevor er erstmals ein Ruderboot bestieg.
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