Evolutions-Comic "Alpha": Am Anfang war das Bild

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14 Milliarden Jahre Evolutionsgeschichte in 2000 Zeichnungen: In seinem Mammutwerk "Alpha...directions" erzählt der Berliner Comicautor Jens Harder von der Entstehung des Universums - und schafft dabei so verspielte wie wagemutige Motive.

Comic "Alpha...directions": Schöner Schöpfen Fotos
Carlsen Verlag

Als ich etwa fünf Jahre alt war, machte man mir zwei Angebote zum ersten Verständnis der Welt. Das eine drückte man mir nach dem Kindergottesdienst als Belohnung für das Ausharren in die Hand: kleine, holzschnittartige Sammelcomics im Querformat, die biblische Geschichten erzählten. Bilder sollten uns verdeutlichen, was wir erzählt nicht verstanden.

Das andere Angebot kam in Gestalt eines Buches von erheblichem Gewicht: "Die Welt, in der wir leben", 1956 aufgelegt, über 300 Seiten im Festeinband. Bis zu fünf Buchseiten breit ließen sich seine opulenten Bildtafeln ausklappen, in Öl gemalte Träume vom Anfang der Zeit. In satten, hochglänzenden Farben gedruckt wurden Sterne geboren, wirbelnde Staubscheiben verdichteten sich zu glühenden Himmelskörpern. Meteore schlugen den roten Bällen Pockennarben, bis endlich Regen fiel und Dampf stieg und Berge und Meere entstanden, um roten Algen Raum zu geben, Einzellern, Mehrzellern, Vielzellern.

Und weiter: Flechten am Strand, Moose an Land, Schachtelhalm und Baum. Insekten fliegen, Lurche kriechen - und dann saß das Kind endlich staunend vor der Monster-Parade: Mit kalten Augen stampft der grässliche Tyrannosaurus durchs Buschland, in dem es von Leben wimmelt, während am Horizont Vulkane dunkle Wolken spucken. Halb im Wasser stehend kaut ein Brontosaurus, während das Dimetrodon durch die Wüste wackelt und am Himmel das Pteranodon kreist: Rudolph Zallingers berühmtes Wandgemälde "The Age of Reptiles" von 1947 kondensiert die Zeit und die Lebenswelten von rund 470 Millionen Jahren vom Karbon bis zur Kreidezeit. Unwirklich schön, übervölkert und zu allem Überfluss auch noch rückwärts (je weiter rechts, desto älter).

Insofern ist es ein schräges Bild, nicht nur weil es auf längst widerlegten oder weiterentwickelten Erkenntnissen beruht: Es ist Kunst, nicht Wissenschaft, es ist Unterhaltung, nicht Wissensvermittlung, weil es Versatzstücke der Information zusammenführt, die eigentlich nicht zusammengehören. Es vermittelt keine reine Information, aber es visualisiert Wissen, wenn man es deuten kann. Dann aber werden solche Bilder zu Ankern, an denen man seine Gewissheit festmachen kann: So könnte das also ausgesehen haben!

Sternenstaub

Jens Harder weiß, was ich meine. Der Berliner Comicautor hat in seiner Kindheit ähnliche Dinge erlebt: Die oben angerissene Geschichte ist dieselbe, die sein aktuelles Comic erzählt. Im Anhang seines Buches "Alpha...directions", in dieser Woche bei Carlsen in deutscher Erstausgabe erschienen, finden sich Skizzen, die er als Kind gemacht hat: Dinosaurier, natürlich.

Sie weckten bei ihm das Interesse an den Anfängen des Lebens. Harder lernte, und sein wachsendes Wissen um die Erklärungsansätze, die wir bisher gefunden haben, verdichteten sich für ihn zu einer kongruenten Geschichte.

Genau das ist der Witz an einer grundlegenden naturgeschichtlichen Bildung: Man sieht die Dinge nicht mehr isoliert, man deutet sie sich in ihren Zusammenhängen. Das Universum hat einen Beginn und wird wohl auch ein Ende haben. Es hat eine Geschichte, von der wir wissen, es hat räumliche und zeitliche Dimensionen. Die Dinge, wie sie jetzt sind, fußen auf dem, was einmal war. Wir alle, sagte Carl Sagan einst, sind aus Sternenstaub gemacht. Immer weniger Menschen sind sich jedoch darüber im Klaren, dass man diesen Ausspruch wörtlich nehmen sollte. Das ist ein erhebender Gedanke!

Mantra über das Wunder einer Schöpfung

Womit die Frage nach dem Motiv schon beantwortet wäre. Hier ist sie trotzdem: Warum setzt sich da einer hin und malt rund 2000 kleine, holzschnittartige Bilder, in denen er das vorherrschende wissenschaftliche Erklärungsmodell der Entstehung des Universums, der Erde, des Lebens und der Evolution abbildet?

Im Nachwort gibt Harder selbst die Antwort: weil das wissenschaftliche Bild der Welt gefährdet ist. Weil ein Wissen von der Welt dem irrationalen Wahn aber die Grundlage nimmt. Eine Kultur, die das Verständnis für die Zusammenhänge verliert, greift zurück auf zu einfache Erklärungen. Die Schwäche des wissenschaftlichen Lagers aber ist, dass es keine Angebote mehr macht, keine Bilder bietet, an denen man seine Gewissheiten ankern könnte.

Harder wollte mit "Alpha" etwas schaffen, "ähnlich einer Bilderbibel, wie sie früher für Analphabeten herausgegeben wurde". Denn nach wie vor komme uns die Geschichte der Entstehung des Lebens doch wie ein Wunder vor, schreibt er.

Unterhaltung und Bildung

Harder versteht den Comic als Bildreigen, der hier und da sparsam von kurzen Texten gestützt wird. Er bewegt sich dabei durch rund 14 Milliarden Jahre Universumsgeschichte, ohne wirklich den Versuch zu machen, diese zu erklären - er zitiert nur aus den Schätzen der Erkenntnis. Man kann den Fluss seiner Bilder lesen wie ein Mantra über das Wunder einer Schöpfung, die mühelos ohne Schöpfer auskommt.

Insofern ist dieses Comic ähnlich wie die Bibelgeschichten meiner Kindheit: Es sind Visualisierungen zumindest halb gekannter Vorgänge, sonst lässt sich damit wenig anfangen.

Das Problem dabei: Eine ausgeprägte Text-Bild-Schere. Die Texte sind trocken, die Bilder nicht. Sie sind verspielt, mitunter sogar wagemutig. Die Texte klingen dagegen so: "Auf das Ende der spätkambrischen Eiszeit", steht da unter einem Block von fünf Bildern, "folgt eine Phase der tektonischen Unruhe mit extrem starken Klimaschwankungen." Klingt wie Schulbuch.

Bildung und Kunst

Die Zeichnungen leisten da mehr: Sie wagen mitunter geschickte Analogien. Wenn sich etwa zu Beginn der Entwicklung des Sonnensystems die um die junge Sonne rotierende Staubscheibe zu Klumpen verdichtet, aus denen Planeten wachsen, visualisiert das Harder ohne Text mit dem eingeschobenen Bild eines Schneeballs, der einen Abhang herunterrollt. Wissenschafts-Nostalgie fehlt auch nicht: Wenn die DNA ins Spiel kommt, darf das Crick-und-Watson-Stillleben nicht fehlen.

Kreuz und quer durchs Buch wimmelt es zudem von Verweisen auf mythologische Welterklärungen aus allen möglichen Religionen - mal um zu zeigen, dass die nur mit Göttern erklären wollten, was sie anders nicht erfassen konnten, mal um zu zeigen, dass ihnen mitunter durchaus "verblüffende, wenn auch noch nebulöse Ahnungen von Prozessen" innewohnen.

Liest man das alles mit Gewinn? Es kommt darauf an: Zu Lesen gibt es erst einmal relativ wenig, dafür viel zu sehen. "Alpha" ist ein Buch für Menschen, die sich auf das Medium Bild einlassen können, mehr noch, als dies bei Comics sonst üblich ist.

Das alles ist äußerst ambitioniert, eine opulente Feier der menschlichen Erkenntnis- und Erklärungsfähigkeit. Harders Bilder sind Anker, an denen man seine Gewissheiten festmachen kann, sie visualisieren die ungebrochene Kontinuität unserer Welterklärungen. Was dabei als Produkt herauskommt, sprengt Raster: Es ist nicht Unterhaltung, weil es zu sehr Bildung ist, es ist nicht Bildung, weil es zu sehr Kunst ist - und so weiter.

Das alles muss den Hamburger Verlag Carlsen dazu bewogen haben, in die Tasche zu greifen: Der Verlag flankiert die Veröffentlichung mit ungewöhnlich großem Aufwand, zu dem eine Lesung im Sauriersaal des Museums für Naturkunde in Berlin gehörte, auf dem Comicsalon in Erlangen Anfang Juni wird es zudem eine Ausstellung geben. In Frankreich, wo "Alpha" zuerst erschien, bekam das Buch soeben den Prix de l'Audace 2010, den "Preis für die mutigste Neuerscheinung". Auch dem deutschen Verlag gebührt Anerkennung für dieses so gar nicht profitorientierte Projekt.

Denn wie groß kann die Zielgruppe schon sein, die für 49,90 Euro ein 350-Seiten-Bilderbuch zur Naturgeschichte kauft? Nicht groß genug, in jeder Hinsicht, und genau darum hat Harder dieses Mammutwerk ja gewagt.

Es ist übrigens nur der erste Teil einer geplanten Trilogie: Die Geschichte der Menschen soll folgen und schließlich der Blick in die Zukunft. "Im Grunde genommen", zitiert Harder Stephen Hawking, "bewegen nur zwei Fragen die Menschheit: Wie hat alles angefangen und wie wird alles enden?"

"Alpha...directions" ist ein Comic für Menschen, die das auch so sehen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. Schöner Schöpfen...
G. Whittome 03.06.2010
So wie in dem besprochenen Werk das Bild Vorrang vor dem Wort hat, hat anscheinend derjenige, der sich den Titel zur Fotostrecke ausgedacht hat, auch seine Probleme mit der Sprache. "Schöner Schöpfen"? Mit einer Kelle das Wasser schöpfen? Oder soll das etwas mit der "Schöpfung" zu tun haben? Das eine ist das Verb (eine Flüssigkeit) "schöpfen", das andere ist von dem Verb "(er)schaffen" abgeleitet. Immer schön auseinander halten. Ein gelegentlicher Blick in ein Herkunftswörterbuch kann auch nicht schaden.
2. ...
snickerman 03.06.2010
Nur am Rande: Im Text und beim ersten Bild der Fotostrecke steht richtig "Carlsen Verlag", unter allen anderen "Carsen Verlag" Ansonsten ging mir wie dem Zeichner, als ich zu lesen begann, waren es auch die Panoramen und Schaubilder, die mich so verzauberten, dass ich begann, mich durch die Texte zu kämpfen und die bis heute haftenblieben...
3. Deja-Vu
starchaser 03.06.2010
Den T.Rex auf dem Cover kenn ich. Der ist hier abgemalt: http://travismurk.files.wordpress.com/2010/01/evolution-t-rex.jpg
4. Godzillasaurus
Zyklotron 03.06.2010
Zitat von starchaserDen T.Rex auf dem Cover kenn ich. Der ist hier abgemalt: http://travismurk.files.wordpress.com/2010/01/evolution-t-rex.jpg
Was macht denn Godzilla da bei den Sauriern? *lol* Einige sind abgezeichnet. Ich denke, sie sind als Zitate zu verstehen. Angepasst an den Stil des Buches.
5. ja
Wer ich wirklich bin 03.06.2010
"Genau das ist der Witz an einer grundlegenden naturgeschichtlichen Bildung: Man sieht die Dinge nicht mehr isoliert, man deutet sie sich in ihren Zusammenhängen." Gehts nur mir so, oder hat auch irgendwer anders das Gefühl, dass hier ein Kreationist seinen Glauben zu verbergen sucht?
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