Ex-Pornostar Sasha Grey: Akt der Befreiung

Von Jörg Böckem

Man könnte sie als Margot Käßmann des Sexfilms bezeichnen: Sasha Grey ist der Spagat zwischen Porno und Pop gelungen. Nach dem Ende ihrer Film-Karriere verarbeitet sie ihre Erfahrungen in einem Buch und zeigt in einer Ausstellung in Frankfurt ihre Fotos.

Ex-Sexfilmstar Sasha Grey: Spagat zwischen Porno und Pop Fotos
Sasha Grey / Ian P. Cinnamon

In vielerlei Hinsicht kann Sasha Grey als eine Art Margot Käßmann des Porno gelten. Die 23-jährige Amerikanerin, die kurz nach ihrer Volljährigkeit als Darstellerin ins Pornogeschäft ein- und in kurzer Zeit zum Star aufstieg, hat es wie die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche verstanden, Menschen außerhalb ihres originären Wirkungskreises für sich einzunehmen: Oscar-Preisträger Steven Soderbergh besetzte sie vor zwei Jahren als Edel-Callgirl für die Hauptrolle in seinem Film "The Girlfriend Experience", bescheinigte ihr große Klugheit und bezeichnete sie als "eine ganz neue Spezies". Die "New York Times" attestierte Grey, die in Interviews gern auch Friedrich Nietzsche zitiert und eine Vorliebe für das französische Autorenkino bekundet, einen "ungewöhnlichen Grad an intellektueller Ernsthaftigkeit".

Sasha Grey, die eigentlich Marina Ann Hantzis heißt, und ihren Künstlernamen sehr porno-untypisch beim Sänger der Industrial-Band KMFDM (Sascha Konietzko) und bei Oscar Wilde ("Das Bildnis des Dorian Gray") entliehen hat, ließ sich, auch hier eine Käßmann-Parallele, von Beginn an nicht auf die ihr zugedachte Rolle festlegen. Das Etikett des von der bösen Branche missbrauchten und manipulierten, einfältigen Mädchen hat sie sich nie anheften lassen: Die Arbeit in der Pornobranche, erklärte sie, sei eine bewusste Entscheidung gewesen; ein Weg, ihre Sexualität zu erforschen, ihre Grenzen auszuloten und sich von anerzogenen Schuldgefühlen zu befreien. Porno als, sozusagen, feministischer Akt der Befreiung und Religionsaustreibung.

Ins Porno-Ghetto sperren ließ sich Sasha Grey nicht: Seit Jahren bewegt sie sich im Pop-Universum, hat ein Duett mit Moby aufgenommen, in einem Eminem-Video mitgespielt, gemodelt und mit ihrem Elektro-Projekt "aTelicene" ein Album veröffentlicht; sie arbeitet als DJ und als Schauspielerin in Independent-Filmen. In der HBO-Erfolgsserie "Entourage" spielte sie ein paar Episoden lang eine fiktionalisierte Version von sich selbst. Ein Spagat zwischen Porno und Pop, der vor ihr niemandem so nachhaltig gelungen ist.

Identitätsklärung am Porno-Set

In diesem Frühling hat Grey, wie Käßmann im vergangenen Jahr, einen souveränen Rücktritt hingelegt: "Keine Angst, ich habe nicht zu Jesus gefunden", kommentiert sie auf ihrer Webseite ihren Rückzug aus der Pornobranche. "Ich bin stolz sagen zu können, dass ich nichts bereue. Ich habe als Darstellerin alles erreicht, was ich erreichen wollte. Es war einfach die richtige Zeit, weiter zu gehen."

"Neü Sex" ist das Buch zum Abschied. Ein Bildband, der Fotos aus den Jahren 2006 bis 2009, ihren ersten Pornojahren, zeigt. Bis auf wenige Ausnahmen ist auf jedem Bild Sasha Grey zu sehen, mal nackt, mal bekleidet, am Strand, im Hotelzimmer, auf der Toilette oder am Porno-Set; einige Fotos sind dokumentarisch, andere inszeniert, einige sinnlich, andere verstörend. Fotos, die die unterschiedlichen Facetten, das Selbstbild und nicht zuletzt die Selbstinszenierungsstrategien der Grenzgängerin Grey abbilden.

Dazu stellt sie, und das ist vielleicht der aufregendste Teil des Buches, kluge und persönliche Kurzessays. Es geht um Sexualität, Pornografie, aber auch um Philosophie, Medien und Öffentlichkeit. Und wie all das zusammenhängt. Sie beschreibt, wie ihre Arbeit ihr bei der Identitätsklärung geholfen habe, referiert illusionslos darüber, dass Sex im Porno nie authentisch sein könne. Und beschäftigt sich mit Jean-Paul Sartres Theorie des "Blicks"; schreibt, wie dieser Blick der anderen uns festlegen, beschneiden und limitieren kann. Und wie wichtig es sei, diesem Blick und den damit einhergehenden Vorurteilen und Stereotypen möglichst wenig Macht zu geben, ihnen etwas entgegen zu setzen - ein solches Buch, zum Beispiel.

Ein Buch, das es verdient hätte, ähnlich erfolgreich zu sein wie die Werke von Margot Käßmann. In eine Ausstellung hat es Sasha Grey damit zumindest schon geschafft: Vom 29.9. bis zum 1.10. zeigt das Künstlerhaus Mousonturm in Rahmen des Festivals "Bodies Of Babel" einige ihrer Fotos und den Dokumentarfilm "9 to 5: Days in Porn" des deutschen Regisseurs Jens Hoffmann, in dem Sasha Grey eine zentrale Rolle spielt. Zudem ist sie bei der Eröffnung am 29.9. und bei einer Podiumsdiskussion am 30.10. zu Gast. Sie wird einiges zu erzählen haben.


Ausstellung "Bodies Of Babel". Vom 29.9. bis 1.10. im Mousonturm Frankfurt.
DVD "9 to 5: Days in Porn" mit Sasha Grey, Belladonna u.a. Regie: Jens Hoffmann. Indigo; 15,99 Euro.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Hier könnte mein Klarname stehen
snickerman 26.09.2011
Mit dieser jungen Frau sollte Alice Schwarzer mal diskutieren, anstelle die immergleichen Vorwürfe zu wiederholen, in dieser Branche würden nur kranke, missbrauchte und drogensüchtige Frauen arbeiten.
2. Titel kommt noch
Werner655 26.09.2011
Zitat von sysopMan könnte sie als Margot Käßmann des Sexfilms bezeichnen: Sasha Grey ist der Spagat zwischen Porno und Pop gelungen. Nach dem Ende ihrer Film-Karriere verarbeitet sie ihre Erfahrungen in einem Buch und zeigt in einer Ausstellung in Frankfurt ihre Fotos. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,787922,00.html
Der Autor will auf Teufel komm raus Margot Käßmann ins Spiel bringen. Ziemlich abenteuerlich und möglicherweise auch deshalb, um Aufmerksamkeit zu generieren..
3. Datum
xcver 26.09.2011
Ich schätze mal die Podiumsdiskussion ist am 30.09. und nicht am 30.10. ...
4. 1
Rockker 26.09.2011
Das ist ja aber eine geradezu märchenhafte Verklärung des Porno-Bussines... Ja klar, da gehen allesamt selbstbewusste Frauen, wie diese Sasha hin, wollen nur Erfahrung sammeln für ihre spätere Bücher und alle werden irgendwann mit Soderbergh und anderen großen Regisseuren zusammenarbeiten und mit bekannten Musikern Musikvideos drehen. Ich glaube, sie macht sich selbst etwas vor. Das deutsche ex-Sternchen, Gina Wild, hat ja auch mal in einem Video von Toten Hosen mitgespielt, hat in Paar TV-Spielfilmen mitgewirkt in kleinen Nebenrollen, oder in belanglosen Gastrollen, wie in der Prol-Serie "Hausmeister Krause"..Und das war alles. Seit ihrem Ausstieg aus Porno, das ist mehrere Jahre her, versucht sie eine Karriere als ernsthafte Schauspielerin, bis heute, bis auf diese kleine Auftritte, ist daraus nichts geworden. Ich bewzweifele sehr dass Sasha G. es besser hinkriegt. In USA und in konservativem Hollywood? Never.. Die früheren deutschen Porno-Stars, Sybille Rauch und Karin Schubert, hatten je einen erfolglosen Selbstmordversuch hinter sich..Einige bekannte US ex-Darstellerinnen waren darin erfolgreicher, sind nicht mehr am Leben... Sicherlich, gehen die Mädels frewillig hin und keiner zwingt sie dazu, aber daß jemand da aus purer Geilheit hingeht, oder "die Erfahrung zu sammeln" wie diese Sasha.., das ist vielleicht nicht mal bei 2% der ganzen Darstellerinnen da. In Europa haben die ganzen billigen osteuropäischen Mädels den Porno-Bussines überschwemt. Sie machen alles für Paar Hundert Euros und die westeuropäischen Produzenten ist das natürlich Recht. Bis sie Mitte zwanzig sind, haben diese Mädchen vielleicht schon über 200 Filme gedreht, und dabei vieleicht mehrere Tausend Male auf hartester Art und Weise gebumst worden und stehen da als junge Rentnerinen mit wenig oder Nichts da. So sieht die Realität aus. Dass eine wirklich reich und berühmt davon wird, gibt es nicht, es sei denn, sie heiratet den reichen Produzenten, wie Dolly Buster es getan hat.
5. 1
Rockker 26.09.2011
Das ist ja aber eine geradezu märchenhafte Verklärung des Porno-Bussines... Ja klar, da gehen allesamt selbstbewusste Frauen, wie diese Sasha hin, wollen nur Erfahrung sammeln für ihre spätere Bücher und alle werden irgendwann mit Soderbergh und anderen großen Regisseuren zusammenarbeiten und mit bekannten Musikern Musikvideos drehen. Ich glaube, sie macht sich selbst etwas vor. Das deutsche ex-Stärnchen, Gina Wild, hat ja auch mal in einem Video von Toten Hosen mitgespielt, hat in Paar TV-Spielfilmen mitgewirkt in kleinen Nebenrollen, oder in belanglosen Gastrollen, wie in der Prol-Serie "Hausmeister Krause"..Und das war alles. Seit ihrem Ausstieg aus Porno, das ist mehrere Jahre her, versucht sie eine Karriere als ernsthafte Schauspielerin, bis heute, bis auf diese kleine Auftritte, ist daraus nichts geworden. Ich bewzweifele sehr dass Sasha G. es besser hinkriegt. In USA und in konservativem Hollywood? Never.. Die früheren deutschen Porno-Stars, Sybille Rauch und Karin Schubert, hatten je einen erfolglosen Selbstmordversuch hinter sich..Einige bekannte US ex-Darstellerinnen waren darin erfolgreicher, sind nicht mehr am Leben... Sicherlich, gehen die Mädels frewillig hin und keiner zwingt sie dazu, aber daß jemand da aus purer Geilheit hingeht, oder "die Erfahrung zu sammeln" wie diese Sasha.., das ist vielleicht nicht mal bei 2% der ganzen Darstellerinnen da. In Europa haben die ganzen billigen osteuropäischen Mädels den Porno-Bussines überschwemt. Sie machen alles für Paar Hundert Euros und die westeuropäischen Produzenten ist das natürlich Recht. Bis sie Mitte zwanzig sind, haben diese Mädchen vielleicht schon über 200 Filme gedreht, und dabei mehrere Tausende Male auf hartester Art und Weise gebumst worden und stehen da als junge Rentnerinen mit wenig oder Nichts da. So sieht die Realität aus. Dass eine wirklich reich und berühmt davon wird, gibt es nicht, es sei denn, sie heiratet den reichen Produzenten, wie Dolly Buster es getan hat.
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