Expo-Faust "Welch ein Wahnsinn!"

Ermüdend, seelenlos, einengend - so lauten die Reaktionen auf Peter Steins Expo-Faust in der deutschen Presse. Der Funke wollte 21 Stunden lang nicht überspringen.


Auf der Eintrittskarte stand "Faust Marathon". Laut dem Presseecho am Dienstag war das Wort "Marathon" wohl auch die angemessenste Beschreibung der 21-stündigen "Faust"-Inszenierung von Regisseur Peter Stein, die am Wochenende auf der Weltausstellung zu erleben war. Wirkliche Begeisterung ist nicht zu vernehmen, eher Anerkennung für die enorme Arbeitsleistung - auch die der Zuschauer - und Kritik an der Seelenlosigkeit der Inszenierung.

"Der Tagesspiegel": Steins Antrieb ist im höchsten Maße amoralisch-künstlerisch und bewundernswert. 22 Stunden "Faust" waren es am Ende, welch ein Wahnsinn! Welch ein Privileg aber auch!

"Die Welt": "Am Anfang war die Tat!", weiß Faust. Stein weiß es besser: Am Anfang war das Wort! Das ist sein Dogma, Textfrömmigkeit seine Ideologie. Die Vernichtung des Rotstiftes mag unser Sitzfleisch quälen. Unsere Seele beglückt es mit einer Flut sonst selten oder nie gehörter Verse. Bewahrt uns vor Vergröberung, Verniedlichung, Verballhornung, Verbiegung aus dem eitlen Geist aktueller Moden.

"Süddeutsche Zeitung": Die Szenen ermüden, weil sie vom Zuschauer nichts anderes fordern als hörige Gefolgschaft. Alles erklärt, alles bebildert, alles verdoppelt, verdreifacht Stein. Dem Zuschauer bleibt nicht die geringste Möglichkeit, selber zu Worten Räume, Farben und Gebärden zu imaginieren. (...) Abstraktion ist Steins Sache nicht. Vor lauter Vergnügen am Ausmalen vergisst er, dass im Zentrum des "Faust" nicht Maschinen stehen, nicht Kostüme, Rüstungen und Holzspielzeuge, sondern Menschen.

"Neue Züricher Zeitung": Peter Stein nahm schon vor der Premiere den Kritikern jeglichen Wind aus den Segeln, indem er öffentlich erklärte, sie würden seine Inszenierung garantiert verreißen. Schade, dass er einigermaßen Recht behalten musste.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": Immer wieder zeigt Stein, wie schön er Massen choreografieren kann, wie er Spaziergänge und Polonaisen und Paraden in den Griff bekommt, aber wenn es darauf ankommt, eine Welt sich um Personen drehen zu lassen, dann müsste unter der Pappe dieser Welt auch irgendetwas lodern, was zu uns herüberbrennt.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.