F.C. Delius' 68er-Erinnerungen Bring mir die Stollenschuhe von Rudi Dutschke

Die Revolution war jung, Lachen und Fußball wichtiger als Klassenkampf: In seinem Erinnerungsband "Als die Bücher noch geholfen haben" erzählt Büchner-Preisträger F.C. Delius von der Apo, ohne die üblichen Mythen zu recyceln - und davon, wie ein Literatur-Jungstar ihm die Karriere rettete.

Marianne Kunert

Von Hans-Jost Weyandt


Das Beste war das Bolzen an der Peripherie. Zwei Stunden lang rannten, keuchten, brüllten die Wortführer des gesellschaftlichen Umbruchs, die Tagträumer und Anarchos auf den Hartplätzen irgendwo am Westberliner Stadtrand, und ab und zu traten sie wohl auch gegen den Ball. Weit weg von den Zentren der Bewegung, von Tumulten und Tränengas, Sit-Ins und Demos, vom guten Onkel Ho, dem frechen Fritz und der scharfen Uschi, weitab von der Frage nach der richtigen politischen Linie und sowieso im permanenten Abseitsverdacht kamen so ziemlich alle, die noch heute in keinem Beitrag über die Studentenbewegung fehlen dürfen, zum sonntäglichen Kicker-Stelldichein, das man sich getrost als munteres Tretdichklein vorstellen darf: Rudi Dutschke, Wolfgang Neuss und Otto Schily, die Rixdorfer Grafiker um den Lyriker Günter Bruno Fuchs, Journalisten und ein paar Nachwuchsautoren, Nicolas Born, Hans Christoph Buch, Horst Tomayer.

Und natürlich Friedrich Christian Delius, dem sich in seinen nun erschienen "biografischen Skizzen" unter dem Titel "Als die Bücher noch geholfen haben" das Gebolze vergoldet zu Stunden des spielerischen Glücks. Wenn sich dem scheuen Pfarrerssohn, der in "Der Sonntag, an dem wir Weltmeister wurden" erzählt, wie schwierig es war, der lastenden Stille am Tag des Herrn im Haus des Vaters zu entfliehen, um Herbert Zimmermanns Reportage vom "Wunder von Bern" zu lauschen, einmal 1968 als Chiffre einer Befreiung verwirklicht hat, dann beim Fußballspielen am heiligen Sonntag. Das war schon mal was.

Manchmal fehlte ein Paar Fußballschuhe, immer fehlte der Schiri, und so verlief die Entscheidungsfindung auf dem Platz auch nicht viel anders als auf der Jahreshauptversammlung der Wilmersdorfer Schützen oder auf dem Vietnamkongress: "Bei umstrittenen Szenen entschied, wer am lautesten und längsten schimpfen konnte." Und im Schimpfen war der Kabarettist Wolfgang Neuss einfach unschlagbar.

Steilpass als Höhepunkt der Studentenbewegung

Den legendären Mann mit der Pauke einmal mit einem feinen Steilpass bedient zu haben, zählt Delius, als Kicker nach eigener Einschätzung eher limitiert, zu seinen persönlichen "Höhepunkten der Studentenbewegung" - und zu ihren hübschen Fußnoten, dass er, als Autor ein weithin unbeschriebenes Blatt, seinerzeit immerhin damit prahlen konnte, gleich zweimal in Dutschkes Stollenschuhen gespielt zu haben. Der Studentenführer - und gute Fußballer! - war so freundlich, sie ihm für Auswärtsspiele auszuleihen.

Dass der Schuhnummerngleichstand mit der absoluten Apo-Größe die vergleichsweise kleine Nummer Delius nicht übers metaphorische Glatteis zu dem dummen Gedanken führte, in die gigantischen Fußstapfen des charismatischen Redners treten zu wollen, versteht sich bei diesem bis zur Sprödigkeit nüchternen Erzähler im Rückblick von selbst. Damals jedoch litt Delius mehr als einmal darunter, bis nahe an die Sprachlosigkeit schüchtern zu sein: schlechte Voraussetzungen in einer Zeit, in der es den guten Linken zur revolutionären Tat zu drängen hatte - und wenn nicht im Straßenkampf, so wenigstens am Rednerpult.

Was einen "guten Linken" außerdem ausmachte, wusste ein Genosse wie Erich Fried: nämlich all das, was Delius fehlte, der sich einmal erdreistet hatte, Frieds Prosa mit "durchaus soliden Argumenten" (Delius, hier durchaus mit genüsslich fieser Wortwahl) zu verreißen. Der Erfolgslyriker schloss daraus messerscharf, dass in seinem jungen Kollegen nicht nur ein Defätist lauerte, sondern gleich auch die Inkarnation des Bösen: Eigentlich brachte dieser Delius charakterlich alles mit für einen Eins-a-Nazimörder.

Den Regierungswechsel herbeitexten

Weil in alten Kämpfern immer auch ein Pädagoge schlummert, vergaß Fried nicht, seine Erkenntnisse dem Greenhorn hinter die Ohren zu schreiben: "Deine persönliche Mischung von Verhemmtheit, Schüchternheit und kompensatorischer Härte eignet sich nicht für einen guten Linken", belehrte der Dichter der bis in die friedensbewegten achtziger Jahre viel gelesenen "Liebesgedichte" seinen Kollegen und Lektor: "Die SS-Männer mit den Jungensgesichtern waren eine für diese neurotische Konstellation gemäße Form des Abreagierens."

Der blanke Hass des Londoner Emigranten, der sich wohl auch aus den niemals heilenden Verletzungen eines von den Nazis Verfolgten speiste und seine Brutalität notdürftig kaschierte mit dem zeittypischen Jargon all jener, die von Adorno über den "autoritären Charakter" aufgeklärt worden waren, ist das eklatanteste Beispiel für die babylonische Sprachverwirrung, wie Delius die sprachliche Militanz und kalte Radikalisierung nach der Ermordung Benno Ohnesorgs in der literarischen Szene nennt. Und wenn er heute frei Schnauze erklärt: "Von 1968 habe ich, offen gesagt, die Schnauze voll", dann meint er nur vordergründig das endlose Recycling der Pop- und Politmythen durch die immer gleichen Apo-Opas - und vielmehr die komplette Bewegung nach dem 2. Juni 1967.

Wie herrlich dagegen die Jahre zuvor! "Leitkultur im Berlin der vorachtundsechziger Zeit war das Lachen", wagt Delius zu behaupten und führt zum Beweis eine Legion der Lacher vor mit dem "Lachsack" Günter Kunert an der Spitze, gefolgt von "Lachsüchtigen" wie Enzensberger, "Lachkanonen" wie Günter Bruno Fuchs, Wolfgang Neuss und Wolf Biermann und überragend abgeschlossen von den "Lehr- und Lachmeistern" Walter Höllerer und Klaus Wagenbach: eine akademisch-literarische Lachbewegung, die beidseits der Mauer beschwingt durch die Woche gehen ließ: "Werktags Romane, sonntags Fußball", und Geld verdienen bei Willy.

Wenn man liest, wer sich 1965 im "Berliner Wahlkontor der SPD" traf, um unter der Doppelspitze Klaus & Klaus, Roehler und Wagenbach, munter den Regierungswechsel herbei zu texten, dann ahnt man etwas von der fröhlichen Anarchie dieser Zeit, die im Rückblick seltsam unwirklich scheint: Bernward Vesper und Gudrun Ensslin, Hubert Fichte und Günter Herburger, Nicolas Born, Hermann Peter Piwitt und viele andere Talente sogen sich für zehn Mark Stundenlohn Slogans wie "Wählen ist gut, SPD wählen ist besser" aus den Fingern, lachten sich schief, wenn sie über das patriotische Auftreten der Partei nachdachten, flüchteten wie alle Werbetexter in den trüben Trost, sie betrieben eigentlich Parodie - und ahnten nichts von der Dynamik, die sie schon bald in radikale Grabenkämpfe, in die politische Zersplitterung und teils in den Untergrund, in Suizid und Mord führen sollte.

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