Zum Tod von F.W. Bernstein Ich, der Elch

Verdammte Dialektik! Sein Witz, seine Kritik richtete sich immer gegen die, zu denen man selbst gehört. Jetzt ist der geniale Zeichner, Dichter und Humorist F.W. Bernstein im Alter von 80 Jahren gestorben.

imago/ epd

Von


Einen Zweizeiler gibt es, mit dem ganze Biografien auf den Punkt gebracht, ganze Generationen umschrieben, die Geschichte der Bundesrepublik und, wie nebenbei, die Natur alles Menschlichen überhaupt eingefangen ist wie die Maus in einer Lebendfalle: "Die schärfsten Kritiker der Elche/ Waren früher selber welche".

Die Entstehungsgeschichte dieses Satzes hat F.W. Bernstein einmal selbst erzählt: "Wie einem wie mir ein Zweizeiler wie der gelungen ist", und zwar in den Sechzigerjahren "auf schneeglatter Straße von Paris nach Colmar in einem VW", in dem neben Bernstein noch F.K. Waechter und Robert Gernhardt saßen und mit dem Aufnahmegerät spielten.

Verworfen wurden Reimjuwelen wie "Die klügsten Kritiker des Tieres/ Sind wir es?" oder "Die wahren Kritiker der Wanzen/ Sind selber mies im großen Ganzen". Und als die Elche dann gefunden waren, veredelte und verewigte Hans Traxler den Bernsteinschen Zweizeiler mit einem kongenialen, weil den Spruch präzisierenden und zugleich verrätselnden Bild. Jede WG, in der irgendwo das Plakat mit den behüteten Elchen im Trenchcoat, die mit ihren farbigen Geweihen vor künstlicher Bergkulisse hing, war eine gute WG.

Übersicht und Einsicht

Wo muss einer eigentlich stehen, damit er einen solchen Blick auf die Welt hat? Einen Blick, der zugleich Übersicht und Einsicht ist, in dem Schärfe und Milde liegen? Eine aktuelle Karikatur von Til Mette bringt es auf den Punkt. "Ihre Arbeiten als grotesken Humor zu bezeichnen - ist das eine Beleidigung oder ein Kompliment, Herr Bernstein?", fragt unsicher ein Reporter, der, obwohl er auf einem Stuhl steht, dem verehrten Lulatsch nicht einmal bis zur Brust reicht.

"Ich wurde als Sohn des und der geboren. Das war 1938", schrieb Bernstein, der den bürgerlichen Namen Fritz Weigle so rasch ablegte wie seine schwäbische Heimat. 1956 begegnete er an der Stuttgarter Kunstakademie dem geistesverwandten Dichter Gernhardt. Zusammen mit dem später sich dazu gesellenden F.K. Waechter werden sie als "Dreigestirn" des deutschen Nonsenswesens in die Geschichte zumindest der hin und wieder zur Selbstkritik erwachenden Bundesrepublik aufsteigen.

In Anlehnung an die gelesenen und verstandenen Klassiker der Frankfurter Schule um Theodor Adorno und Max Horkheimer entstand, zunächst in der Satirezeitschrift "Pardon", die Neue Frankfurter Schule. Das verfremdete Adorno-Porträt in der legendären "Titanic"-Rubrik "Humorkritik" ist ein fernes Echo auf diesen Bezug, wie überhaupt die Neue Frankfurter Schule inzwischen bereits in zweiter, vielleicht sogar dritter Generation von Abgängern weiterwirkt.

Der Bezug ist so klamaukig nicht. Wenn der Kritischen Theorie an der Aufdeckung von Herrschaftsverhältnissen gelegen war, dann ist die Neue Frankfurter Schule keine Travestie der Frankfurter Schule - sondern ihre Vollendung. Mag sein, dass Rudi Dutschke in seinem Belehren und Erklären ein miserabler Redner war. Ein Reim, eine Zeichnung von F.W. Bernstein hingegen teilt sich sofort mit.

"Mehrschichtige Form von Unsinn"

Sie waren, wie Bernd Eilert das nannte, "eine mehrschichtige Form von Unsinn". Und in ihrer lustvollen Obszönität wirklich Welten entfernt vom bräsigen Elend, das in manchen Tageszeitungen noch heute gerne als "politische Karikatur" durchgeht. Sujet seiner Striche waren nicht "die Mächtigen", wer immer das sein mag. Sondern "die Leute", zu denen man - verdammte Dialektik! - immer auch selbst gehört. Tiere übrigens sind auch nur Leute und gehören ebenso beobachtet wie beschimpft.

Ein seltener, beinahe britischer und grundsympathischer Charakterzug war die Bescheidenheit, mit der sich der Meister fortwährend klein machte. Dezenz. Die Kollegen bezeichnete er als "Großmeister", sich selbst als "besser im Bewundern als Bewundertwerden". In einer schon 2001 endgültigen Hymne auf den "Professor" zitiert Oliver Maria Schmitt dessen Einschätzung, er habe nur das "Glück gehabt, manchmal dabei sein zu dürfen", wenn etwas Komisches entstehe. Dabei glücke ihm "nur selten" etwas.

Die Kunst der Untertreibung beherrschte er also ebenso vollendet wie die "exprmntelle Lürik" oder den wild flatternden Strich - den er in Anschauung der Wirklichkeit bis ins hohe Alter trainierte. Als ihn die Journalistin Carola Rönneburg für die "taz" einmal beim Zoobesuch begleitete, belehrte der Universalgelehrte sie beiläufig über Anatomie der Haifischflosse ebenso wie über das typische "Schluchzen der Waldrappen".

Neben seiner vielgestaltig funkelnden und in ihrer Fülle jeden Kritiker überfordernden Tätigkeit als Zeichner, Lyriker, Herausgeber reüssierte Bernstein auch als Lehrer, und auch hier auf sehr eigene Weise. Als Professor für Karikatur und Bildergeschichte in Berlin erteilte er seinen Studenten gerne den Auftrag, etwas zu zeichnen, wofür sie in der Schule ein "mangelhaft" bekommen hätten.

"Pädagogische Abrüstung"

Er nannte das seinen "Beitrag zur pädagogischen Abrüstung". Man könnte es auch eine Zurüstung nennen, kritisch zu werden und zu bleiben, nicht nur in der Theorie. Mit scharfem Blick auf "Gene, Terror, Zeitkritik/ Korruption und Politik/ Attentate und dann diese/ Pi-Pa-Po-Parteienkrise", wie es in seinem letzten Gedichtband von 2017 ("Frische Gedichte") heißt.

Wie sehr er vermisst werden wird, zeigt auch ein kleiner Vierzeiler, in dem der ganze Wahn der aktuellen Identitätspolitik von rechts wie links schon vor Jahrzehnten mal eben benannt - und in Witz aufgelöst wird: "Bin ich ein Fürst? Ein Bettelmann?/ Bin Heil'ger ich oder Hur'?/ Bin ich ein Gi-Ga-Gantenbein/ Oder ein Wuschel nur?".

Wo steht einer, der solches schreibt? Im Leben. Und dort wird F.W. Bernstein, selbst wenn Fritz Weigle im Alter von 80 Jahren und nach langer Krankheit verstorben ist, auch bleiben. Trotzdem: Der Waldrapp schluchzt.

Anmerkung: In einer vorherigen Version dieses Artikels haben wir das berühmte Elch-Bild F.W. Bernstein zugeschrieben, sie wurde aber von Hans Traxler geschaffen. Wir haben den Fehler inzwischen korrigiert.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.