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"Fänger im Roggen": Kultautor Salinger wehrt sich gegen Fortsetzung seines Romans

Millionen haben J.D. Salingers Buch "Fänger im Roggen" gelesen - und viele Leser werden überlegt haben, was wohl aus der Hauptfigur Holden Caulfield geworden ist. Jetzt hat ein Nachwuchsautor eine Fortsetzung des Kultromans geschrieben - und löst damit Empörung aus.

Herr C. ist aus dem Altersheim ausgebüxt. Er streunt durch die Straßen von New York und lässt seine Gedanken wandern. Herr C. ist 76 Jahre alt, doch er dürfte in der Welt der Literatur noch für einigen Wirbel sorgen.

Denn der schwedisch-amerikanische Autor John David California macht kein Geheimnis daraus, dass er mit C. die Romanfigur Holden Caulfield meint, die legendäre Schöpfung des amerikanischen Schriftstellers J.D. Salinger.

"Der Fänger im Roggen", Salingers Werk aus dem Jahr 1951, erzählt von drei Tagen im Leben eines 17-jährigen Antihelden - und gilt als einer der erfolgreichsten Romane des 20. Jahrhunderts. Mehr als 25 Millionen Exemplare wurden gedruckt und verkauft, schätzen Fachleute, und jedes Jahr gehen weitere 250.000 über den Ladentisch.

Es ist ein zeitloses Buch, eine Geschichte vom Erwachsenwerden - oder vielmehr über die Angst davor. Caulfield ist von der Schule geflogen, er führt einen aussichtslosen Kampf gegen die Konventionen und will auswandern, ein neues Leben anfangen, weil er sich in seinem ersten, noch so jungen Leben nicht zurechtfindet.

Was wohl aus ihm geworden ist?

Mehr als ein halbes Jahrhundert war das nur ein Gedanke der Leser. Aber seit die Filmindustrie das Heil in der Fortsetzung gefunden hat und selbst Klassiker wie "Vom Winde verweht" weitergesponnen werden, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Weltliteratur zur Serie verarbeitet wird.

"Catcher in the Rye" heißt das Original im Englischen - "60 Years Later, Coming Through the Rye" soll nun der Titel der Fortsetzung lauten. Nach "Fänger im Roggen" nun "Der durch den Roggen kommt" - oder so ähnlich.

Das klingt furchtbar peinlich - und hat nun sogar J.D. Salinger aus der Reserve gelockt, der sich Mitte der sechziger Jahre aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat - und seither in einem winzigen Kaff an der Atlantikküste von New Hampshire lebt. Es hat seither kaum Lebenszeichen von Salinger gegeben - und wenn, dann nur, weil er gerichtlich gegen die Verletzung seiner Privatsphäre vorgegangen ist. Die Biografie einer Verflossenen, die Veröffentlichung von Briefen, die er an Freunde geschrieben hat oder auch die unautorisierte Publikation seiner eigenen Werke - das sind die wenigen Anlässe, da er noch einmal von sich hören ließ.

"Es sind doch nur Worte"

Ironischerweise sorgt ausgerechnet sein Protest gegen "Roggen 2" dafür, dass sich alle Welt fragt, was er in den vergangenen Jahrzehnten getrieben hat, warum er nichts mehr veröffentlicht. Der inzwischen 90-Jährige muss damit rechnen, dass die Klatschreporter jetzt wieder vor seinem Haus aufkreuzen, dass es mit seiner selbstgewählten Isolation vorbei ist. Aber er will den Kampf aufnehmen. "Die Angelegenheit ist in den Händen der Anwälte", sagte seine Agentin Phyllis Westberg dem britischen "Sunday Telegraph".

Es gibt nicht wenige Kritiker, die das Ganze für einen Jux halten, einen Betrug am Leser, und daran ist der Autor selbst nicht ganz unschuldig. John David heißt er mit Vornamen, also J.D., als Geburtstag gibt er den 1. April 1976 an - April, April. Den Nachnamen seiner Eltern - seine Mutter stammt aus Schweden, sein Vater ist US-Amerikaner - hat er abgelegt und sich den sonnigen Künstlernamen California verliehen. Eigenen Angaben zufolge hat er als Friedhofsgärtner gearbeitet, in Hotels und Schuhgeschäften, bevor er zum Schreiben fand. Als Verlag hat er ausgerechnet ein Unternehmen gewählt, das sich Windupbird Publishing nennt - "wind up" bedeutet im Englischen "veralbern". Alles Zufall?

Der britische "Daily Telegraph" versicherte seinen Lesern am Samstag, er habe "ein Exemplar des Romans erhalten" und die Versicherung von Autor wie Verlag, es handele sich dabei um "einen ernsthaften Beitrag zur Literatur".

California nennt den "Fänger im Roggen" jedenfalls eine "großartige Inspiration" - und kann nichts daran finden, die Geschichte weiterzuspinnen. "Es sind doch nur Worte", verteidigt er sein Tun im "Telegraph": "Ich habe über Herrn C. geschrieben, einen 76-jährigen Mann; Salinger hat ein Buch über einen 16-Jährigen namens Holden Caulfield geschrieben. Es ist eine Geschichte über das Älterwerden - und darüber, wie man seinen eigenen Weg findet in dieser Welt."

In einem Interview mit dem britischen "Guardian" war California nicht ganz so vorsichtig: "Ich habe mich immer gewundert, was wohl aus ihm geworden ist - und ich meine, er hat ein Leben über die ersten 16 Jahre hinaus verdient." Er habe versucht, beim Schreiben der Fortsetzung sehr behutsam zu sein und hoffe, dass Salinger zufrieden sei mit seinen Bemühungen. "Ich habe gar nicht vor, ihn an die Öffentlichkeit zu locken, aber es könnte doch spaßig sein, zu hören, was er darüber denkt, wie ich Caulfield und seine Zukunft beschreibe."

Er hätte sich die Mühe schenken können. Salinger ist oft genug gefragt worden, ob er nicht selbst erzählen wollte, wie es seinem Helden weiter ergangen ist. California hätte nur das Interview lesen müssen, das Salinger vor vielen Jahren dem "Boston Globe" gegeben hat: "Es gibt nicht mehr von Holden Caulfield. Lesen Sie doch das Buch noch einmal, da steht alles drin. Holden Caulfield ist nur ein Moment geronnener Zeit."

Ein Moment für die Ewigkeit? Einerseits. Aber Salinger lässt seinen jungen Helden selbst altklug sagen: "Manche Sachen sollten so bleiben, wie sie sind. Man sollte sie in einen großen Glaskasten stecken und so lassen können. Natürlich ist das unmöglich, das weiß ich."

oka

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
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1. Über die Unfähigkeit, Dinge in Ruhe zu lassen...
LadyWanda, 31.05.2009
Es gehört zu den perversen Eigenheiten des westeuropäischen Kulturbetriebs, dass man Dinge die gut und in sich abgeschlossen sind nicht in Ruhe lassen kann, weil man glaubt, vielleicht noch ein Remake und noch ein Remake und ein Remake des Remakes produzieren zu müssen, um auf den großen Erfolg von einst draufsatteln zu können. Was dabei rauskommt ist in der Regel nur ein kümmerlicher, epigonaler Abklatsch des Originals. Was hat es für Jahren um die Fortsetzung von "Vom Winde verweht" für einen Wirbel gegeben! Eine vom Bertelsmann-Konzern angefachte Massenhysterie - man MUSSTE unbedingt "Scarlett" gelesen haben, wenn man nicht das Wesentliche im Leben versäumen wollte... Bei dem kleinen Privatsender bei dem ich damals arbeitete, kam es zu richtiggehenden Telefonschlachten und nervous breakdowns, als die Geschäftsführung zwei oder drei Exemplare bei einem Hörerspiel als Gewinn auslobte. Und heute? Ich habe vor kurzem ein Exemplar von "Scarlett" auf einem Flohmarkt gesehen - noch weitestgehend unbenutzt. Man konnte deutlich sehen, bis wohin der Vorbesitzer gelesen - und wo er gelangweilt das Handtuch geschmissen hatte... Vanitas, vanitatum et omnia vanitas... Salinger hat vollkommen Recht, wenn er sich mit Händen und Füßen gegen die Ausbeutung seines geistigen Eigentums durch irgendeinen Epigonen wehrt. Fortsetzungen dieser Art sind kalter Kaffee, Eintagsfliegen - und davon gibts schon mehr als genug auf dem Buchmarkt. Oder redet HEUTE noch irgendjemand von den "Feuchtgebieten"? - Na also!
2. Der Fänger im Roggen
einEi 31.05.2009
Ich kenne diesen Salinger nicht, da ich mich weigere, Bücher über Pubertierende zu lesen, aber wer Philip Roths Roman "Exit Ghost" aus dem Jahr 2008 gelesen hat, weiß, dass jeder Schriftsteller, der einer ist, die Verunglimpfung durch diese Fortschreiberei durch selbsternannte Fortsetzer mit allen Mitteln bekämpft. Auch wenn das den eigenen Tod bedeuteten sollte. "Es gibt nicht mehr von Holden Caulfield. Lesen Sie doch das Buch noch einmal, da steht alles drin. Holden Caulfield ist nur ein Moment geronnener Zeit." Schriftsteller - das sind Leute, die beschreiben, wie es war, wie es ist und wie es immer sein wird. Ich bewundere Sie und Ihren vielleicht letzten Kampf, Herr Salinger.
3. Der Mensch strebt nach Vollkommenheit
Allegorius 31.05.2009
Nun, LadyWanda, ihrer Kernaussage stimme ich voll und ganz zu, doch sei zunächst gesagt, dass "Scarlett" und "Roggen 2" keine Remakes, sondern Sequels sind, also keine Neuverfilmungen, sondern Fortsetzungen. Auch derer gab es in der Vergangenheit reichlich und in aller Regel waren dies stets höchst überflüssige Produktionen (oder gar ärgerlich, z.B. "Blues Brothers 2000"). Jedes Werk entsteht in seiner Zeit und spiegelt diese in der einen oder anderen Form wieder. Um den Erfolg des Remakes oder eines Sequels sicherzustellen müssen zahlreiche Kernpunkte in die jeweils aktuelle Zeit übertragen werden, spiegeln somit diese wieder und können automatisch nie an die Originalität des Vorgängers anknüpfen. Der menschliche Geist strebt nach Konsens, nach Auflösung, ein offenes Ende ist ihm zuwider. Doch eben jenes macht zumeist den Reiz einer Lektüre, oder eines Filmes aus. Im Übrigen, ist nicht alle Mär über Jesus' baldige Rückkehr der Wunsch nach einem aus der Ungewissheit erlösenden Sequel?
4. wind up
Pnin, 31.05.2009
---Zitat--- Als Verlag hat er ausgerechnet ein Unternehmen gewählt, das sich Windupbird Publishing nennt - "wind up" bedeutet im Englischen "veralbern". ---Zitatende--- Gott, ist das schlecht.
5.
Roque Spiegel 31.05.2009
Zitat von LadyWandaEs gehört zu den perversen Eigenheiten des westeuropäischen Kulturbetriebs, dass man Dinge die gut und in sich abgeschlossen sind nicht in Ruhe lassen kann, weil man glaubt, vielleicht noch ein Remake und noch ein Remake und ein Remake des Remakes produzieren zu müssen, um auf den großen Erfolg von einst draufsatteln zu können. Was dabei rauskommt ist in der Regel nur ein kümmerlicher, epigonaler Abklatsch des Originals. Was hat es für Jahren um die Fortsetzung von "Vom Winde verweht" für einen Wirbel gegeben! Eine vom Bertelsmann-Konzern angefachte Massenhysterie - man MUSSTE unbedingt "Scarlett" gelesen haben, wenn man nicht das Wesentliche im Leben versäumen wollte... Bei dem kleinen Privatsender bei dem ich damals arbeitete, kam es zu richtiggehenden Telefonschlachten und nervous breakdowns, als die Geschäftsführung zwei oder drei Exemplare bei einem Hörerspiel als Gewinn auslobte. Und heute? Ich habe vor kurzem ein Exemplar von "Scarlett" auf einem Flohmarkt gesehen - noch weitestgehend unbenutzt. Man konnte deutlich sehen, bis wohin der Vorbesitzer gelesen - und wo er gelangweilt das Handtuch geschmissen hatte... Vanitas, vanitatum et omnia vanitas... Salinger hat vollkommen Recht, wenn er sich mit Händen und Füßen gegen die Ausbeutung seines geistigen Eigentums durch irgendeinen Epigonen wehrt. Fortsetzungen dieser Art sind kalter Kaffee, Eintagsfliegen - und davon gibts schon mehr als genug auf dem Buchmarkt. Oder redet HEUTE noch irgendjemand von den "Feuchtgebieten"? - Na also!
Ach, die USA gehören mittlerweile zu Europa? Ansonsten teile ich aber Ihre Meinung, die ganze Angelegenheit ist eine Frechheit.
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