Farians Gefasel Bitterkeiten eines Tresenhockers

Dieter Bohlen ist eigentlich gar kein netter Mensch - findet zumindest Frank Farian. In seinem Buch "Stupid Dieser Bohlen" rechnet der Musikproduzent mit seinem Konkurrenten ab - und greift dabei in die unterste Schublade, nicht nur gegen Bohlen.

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Farian-Buch "Stupid Dieser Bohlen": Geknurrte Bitterkeiten

Farian-Buch "Stupid Dieser Bohlen": Geknurrte Bitterkeiten

Jetzt hatten wir uns doch schon fast daran gewöhnt. Hatten das Bohlen-Geräusch als mediales Hintergrundrauschen so weit auszublenden gelernt, dass es fast unhörbar geworden war. Hatten unsere visuellen Filter so justiert, dass "Bunte"-Titel und "Bild"-Schlagzeilen über Deutschlands lästigstes Medienphänomen fast unsichtbar wurden. Und jetzt das: Frank Farian steigt ins Literaturbusiness ein. Weil er sauer ist, auf den Dieter, das Kameradenschwein. Ein Buch hat er geschrieben, was sonst, Druckwerke haben Interviews ja als Werkzeuge öffentlicher Verunglimpfung inzwischen weit hinter sich gelassen. Weil einem keiner lästige Fragen stellt und es auch keine Sendezeitbegrenzung gibt.

Farians Abrechnung mit dem bösen Bohlen also. 369 Seiten Beschimpfung für "den Pop-Hochstapler". 369 Seiten, die nur die eingeschworensten Bohlen-Feinde und Farian-Freunde wirklich komplett durchstehen werden. Ein Spaß ist das ganze nämlich nicht. Mit insgesamt etwa fünf Behauptungen füllen Richter Farian und seine beiden Schöffen Dieter Kaltwasser und Reginald Rudorf Seite um Seite.

Ein bisschen Psychoanalyse, ein paar Beschuldigungen

Ein bisschen über Bohlens Jugend, die seine Persönlichkeit erklären soll, garniert mit etwas Farian-Psychoanalyse: "Es ist der Hass auf den Vater, den er auf alles, was für ihn übermächtig ist, überträgt." Einschließlich Farian. Ein bisschen Herumgefummle unter der Gürtellinie, Bohlen habe nur begonnen, Musik zu machen, weil er "die Mösen feucht machen" wollte. Ein paar Anschuldigungen, Bohlen habe nicht selbst gesungen, er würde nicht selbst produzieren, er sei schlicht kein Musiker. Ach so. Ein paar Zitate von Verflossenen des blonden Vorzeigeproleten, die erneut belegen, dass er kein netter Mann ist. Naddel sagt, er habe ihr die Haare büschelweise ausgerissen.

Autorenteam Bohlen, Kessler: "Ethik für immer verplombt"
TORSTEN SILZ / DDP

Autorenteam Bohlen, Kessler: "Ethik für immer verplombt"

Und dazwischen: Viel Frank Farian. Gern spricht der Autor in der dritten Person von sich selbst: "Farian war immer Sturmspitze", "Frank Farian multipliziert sich in der Fortführung einer akustischen Ideenkette", "Farian hat als erster westlicher Musikproduzent die Stufen des Kreml überschritten", Farian hat für Bertelsmann "Milliardenumsätze" gemacht. Im Anhang sind neben mehreren Seiten Jubel-E-Mails für Farians mutiges Einschreiten gegen den blonden Bösewicht auch "Jahrhundert-Hits" abgedruckt, Chart-Listen in denen - wie könnte es anders sein - stets Farians Boney-M-Titel auftauchen, aber nichts von Bohlen.

Besonders bizarr ist, das sich der Hit-Produzent nicht nur als Chartbreaker sondern explizit auch als Top-Betrüger beweihräuchert: Die "100 Greatest Shocking Moments in Rock 'n' Roll" aus einer US-Fernsehsendung hat er neben seine Jahrhundert-Hits gestellt. An erster Stelle steht die Ermordung John Lennons, auf Platz sieben "Milli Vanilli können nicht singen (1990)". Farian hatte mit zwei Tänzern, die nur so taten, als ob sie singen könnten, jahrelang die Popwelt genarrt. Gesungen hatten andere, unter anderem er selbst. Einen Grammy, den er für das Projekt bekam, musste er zurückgeben, als der Betrug aufflog.

Langweilig wird das Buch vor allem dadurch, dass jede der Tiraden zig mal wiederholt wird. Immer wieder wird uns erklärt, was für ein beziehungsunfähiger Frauenfeind Bohlen ist. Mindestens fünf Mal wird Bohlen mit "dem Dieb, der 'haltet den Dieb' ruft" verglichen. Mindestens fünf Mal müssen wir lesen, dass Bertelsmann in Gütersloh das "Tal der Ahnungslosen" ist. Insgesamt hat man den Eindruck, über Stunden hinweg den geknurrten Bitterkeiten eines delirierenden Tresenhockers in den frühen Morgenstunden zu lauschen.

Geknurrte Bitterkeiten eines Tresenhockers

Dazwischen gibt es seitenweise Erkenntnisse, für die die Welt nun wirklich keinen Farian mehr braucht. Die Casting-Shows seien gar nicht so toll, meint er, "die neuerdings inflationäre Suche nach 'Stars' geht an den wahren Talenten vorbei". Gemerkt hat er das aber erst, nachdem er sich die Rechte am britischen Markennamen "Pop Idol" gesichert hatte und ihn RTL und BMG anschließend ausbooteten und die deutsche Fassung "Deutschland sucht den Superstar" nannten. Inzwischen findet Farian, dass "ein Stern aus sich heraus leuchtet" und "kein künstlich gepushtes Produkt" ist. Wie war das noch mal mit Milli Vanilli?

Farian: Gekränkte Eitelkeit
DDP

Farian: Gekränkte Eitelkeit

Über fünf Seiten wird uns erklärt, das "Geiz ist Geil" zwar ein griffiger, aber doch ein schlechter Werbespruch ist, weil "ein inhaltlicher Unterschied nivelliert wird zwischen einem eher positiv zu wertenden Begriff und einem negativen". Was das mit Bohlen zu tun hat? Der ist auch geizig und deswegen irgendwie mit Schuld an der ganzen Misere. Um seine pseudofeuilletonistischen Betrachtungen über den Verfall der Sitten anzureichern, zitiert der Pop-Produzent fleißig die Großen. Goethe, Adorno, Freud und Heine werden unter anderem bemüht, mal mit Quellenangabe, mal ohne, mal korrekt, mal fehlerhaft.

An den Stellen, an denen das Buch unterhält, tut es das durch unfreiwillige Komik - davon gibt es dafür reichlich. Farian über Bohlens Ghostwriterin Katja Kessler: eine "'Bild'-Journalistin, die eine Ethik der Wörter wohl schon im Mund der Patienten ihrer Zahnarztpraxis für immer verplombt hat".

"Plastiksprache und hochfrigide Falschgoldfeder"

Farian will sich nicht auf Bohlens Niveau hinab begeben, entschuldigt sich aber im ersten Kapitel gleich mal prophylaktisch, falls es ihm doch passieren sollte. Und dann passiert es. Dauernd. "Der spätpubertierende Bohlen erzählt in einer sich jünglingshaft gerierenden Plastiksprache und Frau Kessler führt dazu ihre hochfrigide Falschgoldfeder."

Farian-Fake Milli Vanilli: Wie war das nochmal?
DPA

Farian-Fake Milli Vanilli: Wie war das nochmal?

Soso, Herr Farian, beziehungsweise: Soso, Herr Rudorf. Farians Co-Autor Reginald Rudorf, ehemals Musikjournalist, Urheber von Sachbüchern wie "Nie wieder links" und gelegentlicher Autor für die Rechtspostille "Junge Freiheit" hat Farian stilistisch offenbar kräftig unter die Arme gegriffen. Der verschwurbelt-adjektivlastige Stil des Buches erinnert sehr an Rudorfs Kolumnen in seinem "Rundy-Medieninformationsdienst". Lektoriert hat die Ausführungen wohl niemand, der Text strotzt vor Grammatik- und Orthografiefehlern, vielen Sätzen scheint der Sinn vollständig abhanden gekommen zu sein.

Am Ende geht es gegen die Bertelsmann-Chefetage

Enthüllt wird durch das Buch vor allem eins: Farians gekränkte Eitelkeit. Dass er nicht der einzige ist, der Bohlen - wen wundert's - nicht leiden kann, zeigt sich an einer Reihe von Briefen, die teils im Text, teils im Anhang den Zorn der Kollegenschaft offenbaren sollen. Udo Jürgens schreibt, Bohlen bewerfe einen mit Schmutz, sobald man ihm den Rücken zukehre. Drafi Deutscher nennt ihn einen "Provinzscheißer", Frank Zander einen "Blender und Schaumschläger". Einzig der ehemalige Blue-System-Keyboarder Achim Strieben mahnt Farian zur Vernunft: "Ich fürchte, Du hast Dich von Deinem Zorn recht weit auf seine Ebene ziehen lassen."

Bohlen-Buch: Reicht das für diese Wut?

Bohlen-Buch: Reicht das für diese Wut?

Was, fragt man sich Seite um Seite, treibt diesen Mann an, woher kommt die Wut? Bohlen hatte in "Hinter den Kulissen" gewitzelt, Farian hätte in einem Bordell in Brasilien die Preise verdorben, im Studio würde er "seine Zeit mit Mulattinnen vergeuden". Kann das wirklich reichen, den Hit-Macher so auf die Palme zu bringen? Klar wird die Motivation des Nachwuchsautors erst ab Seite 249, denn da legt Farian richtig los. Jetzt geht es nicht mehr nur gegen Bohlen, sondern gegen das "Tollhaus" Bertelsmann.

"Superstar"-Juror Thomas Stein, BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz, Manager Gunter Thielen und sogar Liz Mohn kriegen ihr Fett weg, und zwar in durchaus justiziablem Format. Schmidt-Holtz etwa wird als notorischer Schürzenjäger porträtiert. Eine Klage gegen das Buch hätte also durchaus auch aus Gütersloh statt aus dem niedersächsischen Tötensen kommen können - aber bei Bertelsmann will man den Ausführungen keine zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen, auch nicht mit juristischen Mitteln.

Offenbar hat Farian ernsthaften geschäftlichen Ärger mit dem Mediengiganten. Die Tatsache, dass der zur Gruppe gehörende Verlag Random House Bohlens Auslassungen veröffentlicht hat, bestätigt den Produzenten in der Annahme, dass sich in Gütersloh ein unbeschreiblicher Sittenverfall vollzieht. Der Bertelsmann-Chefetage prophezeit er eine kurze Karriere, dem Konzern einen rasanten Absturz.

Ein paar Seiten bevor Farian gegen Stein, Schmidt-Holtz, Thielen und Mohn in die Vollen geht, stellt er fest, dass "der der mit Lehm schmeißt, nun mal auch als Dreckschleuder wahrgenommen wird". Und: Es gelte heute ja nur noch der "grellfarbige Pinselstrich: Es wird nicht mehr geschrieben, sondern gebrüllt. (...) Inhaltlich sind alle Bücher (von Bohlen, Feldbusch, Küblböck) auf dem Niveau schlüpfriger Meinung, in Gestalt verwobener, vager Andeutungen. (...) Diese Bücher sind übelster Schund".

Genau.



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