Debütroman über junge Berliner Türkin Kartoffeln kommen nur am Rande vor

Volljährig, voll genervt und voller Wut: Fatma Aydemir schickt in ihrem starken Romandebüt "Ellbogen" eine gerade 18-Jährige auf die schiefe Bahn, an deren Ende vielleicht die Freiheit steht.

Autorin Fatma Aydemir
Bradley Secker

Autorin Fatma Aydemir

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Der 18. Geburtstag. Der Tag der Volljährigkeit. Ein Tag, an dem eine Art von Freiheit erlangt wird, für manche mehr, für manche weniger. Zum Beispiel für Hazal Akgündüz, deren Mutter ihr doch tatsächlich verbieten will, den 18. Geburtstag zu feiern. Hazals Reaktion: "Hallo? Menschenrechte?" Die Mutter: "Ich scheiß auf deine Menschenrechte. Jetzt steh auf und hol mir einen Çay."

Hazal lebt mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder im Berliner Wedding, nahe dem Leopoldplatz. Wenn ihr Vater ganz entspannt ist, erzählt er von den Hügeln am Schwarzen Meer, wo er aufgewachsen ist. Ansonsten fährt er Taxi, wenn er zu Hause nicht weiterweiß, schlägt er zu, aber meist verabschiedet er sich so schnell wie möglich ins Café. Hazal bleibt zurück mit ihrer Mutter, die türkische Serien guckt oder Handyspiele zockt - und ihr Dinge verbietet.

So soll ihr Leben nicht werden, denkt Hazal, "das brave türkische Mädchen spielen und irgendwann den Sohn irgendeines beschissenen Nachbarn heiraten und mich mit Goldschmuck behängen lassen". Aber die Gegenwart schaut nicht besser aus: Sie steckt in einer BVB, einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme. Den Praxisteil absolviert sie in der Bäckerei ihres Onkels, klassisches Kleingewerbe, das dank Familieneinsatz überlebt.

Straßenszene im Berliner Wedding
imago

Straßenszene im Berliner Wedding

Das ist die Ausgangsituation, die die in Berlin lebende Autorin Fatma Aydemir in ihrem Debütroman "Ellbogen" zeichnet - und zwar in Form eines Einzelschicksals, das aber ganz offenkundig idealtypisch gemeint ist. Ganz klassisch stellt Aydemir im ersten Teil des Buches Kapitel für Kapitel die Heldin, die Familie, die Freundinnen vor. In allen steckt viel Wiedererkennbares aus dem Leben von Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten - um es mal maximal als Kartoffel-Spruch auszudrücken, wie es Hazal vielleicht sagen würde.

Es ist die extreme Genauigkeit, die Fatma Aydemir auf die Sprache verwendet und in die Dialoge ihre Figuren investiert hat, die den Roman vor der Gefahr bewahrt, allzu sehr nach Lehrstück zu klingen. So kann das wahrscheinlich erste Auftauchen des türkischen Ausrufs "çüs" in der deutschen Literatur vermerkt werden - Elma sagt es, die aus Bosnien stammende beste Freundin Hazals, weil sie häufig türkische Wörter benutzt, die sie irgendwo aufgeschnappt hat. Ganz angleichen will sie sich ihren Freundinnen aber nicht mehr, denn sie hat "gemerkt, wie anstrengend es ist, eine Türkin zu sein, und wie bescheuert, da freiwillig mitzumachen".

Zu diesen Freundinnen zählt Gül, die Alevitin, die nicht nur den Lippenstift immer ein bisschen zu dick aufträgt, und Ebru, die ihren Ausbildungsplatz verloren hat, nachdem sie bei Facebook schrieb: "jeder bekommt das, was er verdient #fuckcharliehebdo". Sie trinkt nicht und geht nicht weg mit den Freundinnen.

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Fatma Aydemir:
Ellbogen

Hanser Verlag, 272 Seiten, 20 Euro

Die interessanteste Figur ist aber Hazals Tante Semra: Sie hat "Sozialarbeit studiert", in ihrer Kreuzberger Wohnung liegen Tampons offen auf dem Tisch, sie ist Single. Eingeführt als voll integriert, wirkt sie anfangs noch wie ein mögliches Vorbild zur Befreiung aus den einengenden Familienverhältnissen. Doch ihre Rolle im Leben von Hazal ändert sich im Laufe des Romans fundamental, später wäre ihre Form der Anpassung das sichere Ende der Freiheit.

Aber sowieso findet Hazal ja: "Leute, die Abi machen, labern alle nur Scheiße und haben fettige Haare." Die Momente, in denen sie sich frei fühlt von der Angst, ob sie alles richtig macht, haben mit Gewalt zu tun. Erst mit verbaler Gewalt, nach der sie "dieses Brennen im Bauch, dieses Gefühl, dass ich alles kann, wenn ich nur mit Elma unterwegs bin", verspürt. Dann, in dem Moment, auf den sich der Roman unausweichlich hinbewegt, mit körperlicher Gewalt.

Natürlich ist "Ellbogen" nicht der erste Roman, der die Jugend in der Großstadt aus der Perspektive des unteren Endes der Gesellschaft erzählt. Da gab es zum Beispiel "Tigermilch", in dem die Autorin Stefanie de Velasco zwei 14-Jährige durch Berlin treiben ließ, "hin und her zwischen Straßenstrich und Spielplatz", wie Fatma Aydemir in ihrer Tätigkeit als "taz"-Redakteurin schrieb. Und auch die spezifische Realität von Türken in Deutschland ist schon literarisch beschrieben worden, von Feridun Zaimoglu und anderen.

Fatma Aydemir und Kollegin bei der Arbeit an türkischer "taz"-Sonderausgabe
DPA

Fatma Aydemir und Kollegin bei der Arbeit an türkischer "taz"-Sonderausgabe

Doch so konsequent wie hier bleibt die Mehrheitsgesellschaft selten draußen. Es gibt eigentlich nur drei Szenen, in denen "deutsche Deutsche" eine wichtige Rolle spielen. In der ersten ein Kaufhausdetektiv, vor dem Hazal sich fürchtet. In den anderen beiden bekommen sie Hazals Wut ab.

Eine Wut, die sich daraus speist, dass Polen oder Spanier mit ihren dreckigen Turnschuhen am Türsteher vor dem Klub vorbeikommen, Hazal und ihre Freundinnen aber abgewiesen werden. Eine Wut auf die "Ellbogen, die uns das Leben reingerammt hat, immer wieder, und immer noch. Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind". Eine Wut, dass sich niemand für sie interessiert, "sie sehen uns nur, wenn wir Scheiße bauen, dann sind sie plötzlich neugierig".

Warteschlange vor Berliner Klub
imago

Warteschlange vor Berliner Klub

Und Scheiße baut Hazal in diesem Buch, ziemlich große Scheiße. Es ist die Sorte Vergehen, die von Überwachungskameras aufgenommen wird, die viral geht, wenn davon ein Video in Umlauf gerät. Die Sorte Geschichte, die das Ressort für Vermischtes beschäftigt.

Aber Fatma Aydemir dreht die Geschichte ihrer wütenden Heldin noch weiter, Hazal gerät sogar hinein in Themen für den Politikteil: In Istanbul, das sie eigentlich "nur aus dem Fenster des Busses" kennt, der sie "jeden zweiten Sommer vom Flughafen in unsere stinklangweiligen Käffer kutschiert", bekommt sie die Politik der harten Hand von Präsident Erdogan ebenso mit wie den Putschversuch gegen ihn.

Panzer in Istanbul in der Putschnacht vom 16. Juli 2016
Getty Images

Panzer in Istanbul in der Putschnacht vom 16. Juli 2016

Als Journalistin ist Aydemir interessiert an den Zusammenhängen in der Türkei, sie ist eine der Initiatorinnen der türkischsprachigen "taz"-Veröffentlichungen. Für ihre Romanfigur hingegen bleibt das politische Geschehen ein Nebengeräusch auf der Suche nach ihrer persönlichen Freiheit.

Eine einfache Lösung für Hazal hat der Roman nicht anzubieten, so wie sie vielleicht ein Jugendbuch nun anbieten würde, aus falscher Rücksicht, aus mangelndem Vertrauen in das Weltverständnis der Leser. "Wüsste ich die Antwort auf irgendeine meiner Fragen, hätte ich nie das Bedürfnis gehabt, einen Roman zu schreiben", zitiert Fatma Aydemir in den Danksagungen die US-Schriftstellerin Joan Didion.

Doch die offenen Fragen, mit denen die Autorin ihre Figur und die Leser zurücklässt, es sind entscheidende für ein Land, in dem Zuwanderung längst Alltag ist.

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