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Holocaust-Fauxpas: Micky Maus angeschwärzt

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Übersetzungsmalheur in Entenhausen: In der aktuellen Ausgabe von "Micky Maus Comics" verteilt ein Protagonist Auszeichnungen an Pfadfinder - mit dem Glückwunsch: "Holocaust!" Der deutsche Verlag zog das Heft zurück und schwärzte die Passage per Filzstift.

Fauxpas in "Micky Maus": Egmont Ehapa Verlag muss Comic anschwärzen Fotos
Walt Disney Corp./ Ehapa

Es ist wohl eher keine neue Gratulationsformel in Entenhausen. In der aktuellen Ausgabe von "Micky Maus Comics", einem Ableger der bekannten "Micky Maus", verteilt ein Honoratior der fiktiven Comicstadt "Auszeichnungen an unsere wackeren und allzeit hellwachen Feuerwachen!" Und fügt an, als wäre es ein ganz besonderer Glückwunsch: "Holocaust!"

Oder eben auch nicht. Denn das Wort ist geschwärzt, mit dickem und welligem Strich. Was ist geschehen? Klar ist, das geschwärzte Wort lässt sich bis ins amerikanische Original zurückverfolgen. Es ist eine Episode um das "Fähnlein Fieselschweif", die der legendäre Altmeister Carl Barks in den siebziger Jahren in den USA gestaltet hat. "Where there's smoke" heißt die Episode, auf deutsch "Der Brandstifter" beziehungsweise "Gefahr für den Finsterforst".

Die Fieselschweif-Pfadfinder verhindern darin einen Waldbrand. "Plaques to the Lookouts for pinpointing the awesome Holocaust" verkündet der Honoratior in der ursprünglichen Sequenz daher. Oder auf deutsch: Medaillen für die Ausgucke, die das Inferno lokalisiert haben.

Im Englischen ist der Ausdruck "Holocaust" bei weitem mehrdeutig als im Deutschen - er kann auch einfach nur "Inferno" oder "Vernichtung" bedeuten, ohne speziellen Bezug zum Massenmord der Nationalsozialisten an den Juden. Deshalb tauchte das Wort in bisherigen deutschen Ausgaben der Episode nicht auf. Für "Micky Maus Comics" wurde das Brandabenteuer allerdings erstmals seit 30 Jahren komplett neu übersetzt. Hatte der Übersetzer seine Hand im Spiel?

"Micky Maus" meets "Mein Kampf"

Nein, wiegelt Elke Schickedanz ab, Pressesprecherin des Ehapa-Verlages. Der Übersetzer habe nichts damit zu tun. In seinem Manuskript tauche der Ausdruck ebenfalls nicht auf. Es sei "ein Reprofehler", so Schickedanz. Der englische Text in der Sprechblase wurde nicht sauber genug entfernt. Ausgerechnet der Holocaust-Begriff wurde als einziger vergessen.

Aus diesem Grund wurde die gesamte Auflage des Heftes, das eigentlich am 8. Mai erscheinen sollte, zurückgerufen. In sämtlichen Exemplaren wurde in der Druckerei der Begriff in Handarbeit mit einem Edding geschwärzt. In dieser Version ist das Heft seit dieser Woche im Handel.

"Natürlich sind wir grundsätzlich daran interessiert, entsprechende Worte in unseren Publikationen zu vermeiden", erläutert Elke Schickedanz das Problem. Bekannt ist das Beispiel der Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf", die in der Geschichte "April, April" - ebenfalls von Barks - auf einer Entenhausener Müllkippe zu sehen ist. Die Geschichte ist von 1948 und zeigt deutlich Barks' Einstellung zur Nazi-Ideologie.

In deutschen Nachdrucken der Geschichte, ist das Buch nur sporadisch zu sehen. Während auf ältere Sammler ausgerichtete höherpreisige Ausgaben den historischen Schutt unverändert zeigen, wird bei Nachdrucken in der "Micky Maus" und vergleichbaren auf Kinder zugeschnittenen Publikationen der Titel meist dezent entfernt. Als es bei einem Nachdruck im Jahr 2005 vergessen wurde, führte das zu einem kleineren Skandal.

In den fünfziger Jahren war man noch weniger empfindlich gegen die Sprache des "Dritten Reiches". In der Episode "Die braven Brückenbauer" (1955, deutsch erstmals 1956) wurde die rabiate Leiterin des mit den Fieselschweiflingen konkurrierenden Fähnleins Kohlmeisen "alte Wehrmachtshelferin" genannt. In späteren Nachdrucken wurde eine "Kantinenwirtin" aus ihr.

Und in "Die Kohldampfinsel" (1954, deutsch erstmals 1955) singen die Panzerknacker leicht abgeändert den Text eines Nazi-Kampfliedes: "Heute gehört uns die Kohldampfinsel und morgen die ganze Welt!"

Glücklich ist übrigens, wem eine Ausgabe der "Micky Maus Comics" ohne Schwärzung gehört. Tatsächlich gelangte ein geringer Teil der unveränderten Auflage am 15. Mai lokal begrenzt in den Handel - und wurde am 16. Mai zurückbeordert. Die wenigen an diesem Tag verkauften Hefte dürften bald gesuchte Sammlerstücke sein.

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insgesamt 33 Beiträge
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1.
Rodelkönig 28.05.2012
Glücklich, wer noch rechtzeitig eins ohne Filzstift-Schwärzung ergattert hat. Wird bestimmt mal ein gefragtes Sammlerstück.
2.
meinmein 28.05.2012
Zitat von RodelkönigGlücklich, wer noch rechtzeitig eins ohne Filzstift-Schwärzung ergattert hat. Wird bestimmt mal ein gefragtes Sammlerstück.
Nicht jeder Fehldruck ist ein Sammlerstück. Der Sammlerpreis ist ja abhängig davon, was ein Kunde bereit ist zu zahlen. Für die Micky Maus gilt: Der Kundenkreis für die teuren Hefte aus den 50er Jahre schrumpft. (Das sind die Leute, die 1951 noch von Rip, Rap und Rup statt von Tick, Trick und Track gelesen haben.)
3.
dlmb 28.05.2012
Da war wohl ein automatisches Übersetzungsprogramm am Werk?
4. mal wieder der Sezzer
systemfeind 28.05.2012
Zitat von sysopWalt Disney Corp./ Ehapa Übersetzungsmalheur in Entenhausen: In der aktuellen Ausgabe von "Micky Maus Comics" verteilt ein Protagonist Auszeichnungen an Pfadfinder - mit dem Glückwunsch: "Holocaust!" Der Epha-Verlag zog das Heft zurück und schwärzte die Passage per Filzstift. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,835356,00.html
wer weiß wie in den usa Pfadfinder beglückwünscht werden - außerdem haben viele Sezzer Probleme mit einfachsten Texten - immerhin gibt es beim Ehapa Verlag Filzstifte .
5. Gäääähhhnnnn!
hienstorfer 28.05.2012
So was ist in Deutschland sogar einen Artikel wert.
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