"Feldstudien über ukrainischen Sex": Liebe unter Gefangenen

Von Bettina Musall

Vulgär und lyrisch schildert die ukrainische Autorin Oksana Sabuschko in ihrem frechen Roman "Feldstudien über ukrainischen Sex" das Scheitern einer Liebe - und macht die Geschichte ihres Landes dafür verantwortlich.

Der Titel ist, um in der Sprache des Buches zu bleiben, geil, aber irreführend: "Feldstudien über ukrainischen Sex". Wer danach eine flächendeckende Nahaufnahme des Geschlechtslebens der über 50 Millionen Osteuropäer zwischen Krim und Schwarzmeer erwartet, wird - zum Glück - enttäuscht.

Sabuschko-Cover: "Sexualopfer einer nationalen Idee"

Sabuschko-Cover: "Sexualopfer einer nationalen Idee"

Weder Oswalt Kolle noch Masters und Johnson haben die Autorin inspiriert. Oksana Sabuschko erzählt den grässlich-hässlich gewöhnlichen Niedergang einer Liebesgeschichte vom animalischen Beginn bis zum unbarmherzigen Zerstörungsfinale. Aber wie sie das tut - rotzfrech, selbstironisch, voller politischer Bezüge und voll Gefühl - hat ihren Roman zum einflussreichsten Stück neuerer Literatur in ihrem Land und darüber hinaus gemacht. Seit zehn Jahren auf der Bestsellerliste, sind die Feldstudien das erfolgreichste Buch, das je auf ukrainisch erschienen ist.

Da die Story großenteils in Amerika spielt, wo Sabuschko, 45, in Harvard gelehrt und gelebt hat, und die orangene Revolution den Westen neugierig gemacht hat auf das Land am Dnjepr, erobert die zierliche Schriftstellerin mit einiger Verspätung nun auch den westlichen Buchmarkt.

Oksana, die autobiografisch gezeugte Heldin der Erzählung, verlässt "Fäulnis und Moder" ihrer slawischen Heimat. Ihr Land "von Beamten in hängenden Hosen und schuppenbedeckten Sakkos, von verfetteten Schriftstellern, die nur in einer Sprache lesen können und nicht einmal das besonders häufig tun". Bloß weg in Richtung unbegrenzte Möglichkeiten. Doch in Cambridge, inmitten "adrett gekleideter, sauber gewaschener und desodorierter amerikanischer Jugendlicher" erwartet die junge Dozentin der ganze Frust des Exils.

Der ganze Viginia-Woolf-Beziehungsdreck

Ihr "unglücklicher Körper vergeht vor elementarem, sexuellen Hunger". Vielleicht würde er "wie ein Hase zu springen anfangen, würde man ihn ausreichend bumsen". Aber so leicht ist das nicht, "mutterseelenallein in einem fremden Land. Zuhause? Komm zu dir, Alte - wo ist dein Zuhause?" Da steigert sich die Sehnsucht nach dem ukrainischen Liebhaber ins Unerträgliche. Bei dem es weder "nötig war, ihm die ukrainische Sprache beizubringen", noch zu beweisen, dass "auch die Ukrainer fähig sind, sich in komplexen Satzgefügen auszudrücken".

Dieser malende Künstlermacho, der ihr anfangs wie ein "Siegertyp" erschien, "ein Ukrainer und ein Siegertyp: was für ein Wunder". Für den sie "durch und durch erfüllt von Zärtlichkeit" war, "eine sabbernde Idiotin", und der ihr seit der ersten Nacht vor allem wehgetan hatte, an Körper und Seele. Drei, vier Tage dauert die schmerzhafte Reunion des Paares. Der Rest ist Sprachgewalt. Der ganze Virginia-Woolf-Beziehungsdreck.

Das Besondere ist, dass die Autorin ihre Helden als "Sexualopfer einer nationalen Idee" beschreibt. In einem Wort- und Gedankenschwall, der häufig kein Satzende kennt, versucht Sabuschko, sich und der Welt das Scheitern einer Liebe unter Gefangenen zu erklären. Gefangen in der Leidensgeschichte ihres Volkes. Seit Generationen geschlagen und unterdrückt. Die aus ihren Söhnen liebesunfähige Triebtäter macht, "offen für das Böse" und aus ihren Töchtern opferbereite Oksanas, die "den Geruch von Leid aufspürt und ächzend darauf zukriecht", anstatt es "unbeschwert mit einem jungen gesunden Stier zu treiben".

Erzengel osteuropäischer Feministinnen

Der freche Ton ist es, der die Leidensgeschichte bei aller Ernsthaftigkeit zu einem vergnüglichen Erlebnis macht. Nur weil sie wirklich nah dran ist, kann sich die in Kiew promovierte Philosophin Sabuschko die Distanz erlauben, ihren inneren Monolog wie einen öffentlichen Vortrag aussehen zu lassen. Dabei schillert ihr Ton zwischen wissenschaftlichem Anspruch und der Munterkeit von Sicherheitshinweisen im Flugzeug. Die "Ladies und Gentlemen, meine Damen und Herren", denen die Erzählerin von Oksanas "Übelkeit im Unterleib" bis zum Spermageruch ihres Liebhabers nichts erspart, brauchen jenen Humor, den Sabuschko für "ebenso gogolesk wie klassisch ukrainisch" hält: "Mit ernster Miene Faxen machen, und die Zuhörer halten sich die Bäuche vor Lachen."

Dass die Autorin die "krummrückigen, knittergesichtigen Männer mit ihren verkrümmten Jockey-Beinen, Frauen, begraben unter Tonnen schwabbelnder Rohfleischmasse, Jungs mit debilem Lachen und Wolfsgebiss, Mädels mit grob auf die Haut gemalten Fratzen" bei aller Mitleidlosigkeit zärtlich wie eine Leidensschwester sieht, die sich immer auch selbst beschreibt, hat Sabuschko zum Erzengel osteuropäischer Feministinnen gemacht - und zur Ikone männlicher Fanclubs.

Mit porentiefer Präzision seziert Sabuschko ihre schwer verletzten Helden. "Sklaven sollen keine Kinder in die Welt setzen", sagt der Vater von Oksanas Ex-Beschäler, der in deutschen und sowjetischen Konzentrationslagern "die Abfälle aus dem Schweinetrog geschlürft" hat: "Weil sich das vererbt." Gulag, Krieg und sowjetische Unterdrückung, sagt die Autorin, da habe nach und nach "das Überleben das Leben ersetzt und sich in Degeneration verwandelt."

Nach dem orange gekennzeichneten Aufbruch ihres Volkes fühlt sich die international ausgezeichnete Schriftstellerin und Lyrikerin bestätigt - und vorsichtig optimistisch. In kürzester Zeit sei sichtbar geworden, wie Freiheit und innerer Frieden die Gesichter transformiere. "Wie viele schöne Menschen plötzlich in Kiew auf der Straße sind", sagt Sabuschko, "und diesmal übertreibe ich nicht."


Oksana Sabuschko: "Feldstudien über ukrainischen Sex". Droschl Literaturverlag, 176 Seiten, 19 Euro.

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