Fiktive Autobiografie: Frau Hoppe zeigt Größenwahn

Von Hans-Jost Weyandt

Auf Tuchfühlung mit Eishockey-Ikonen und Musik-Genies: In ihrem wundersamen Werk "Hoppe" erzählt Felicitas Hoppe ihr eigenes Leben in Romanform - und schafft so für die Literatur, was Cindy Sherman mit ihren Selbstinszenierungen in der Kunst gelingt.

Schriftstellerin Felicitas Hoppe: Fabelhafte Biografie im Gewand eines Romans Zur Großansicht
Tobias Bohm

Schriftstellerin Felicitas Hoppe: Fabelhafte Biografie im Gewand eines Romans

Felicitas Hoppe ist ein Ereignis, einmalig, unvergleichlich. Das steht zweifellos fest - für die Schriftstellerin selbst: In einem Interview nannte sie sich kürzlich eine "absolute Ausnahmebegabung" und reihte sich sehr bestimmt und etwas wolkig unter die "drei Besten der Besten" ein.

Die Formulierung klingt größenwahnsinnig und kindisch zugleich und führt zur Frage, ob Felicitas Hoppe es vom verheißungsvollen "literarischen Fräuleinwunder", zu dem sie Ende der neunziger Jahre gezählt wurde, mittlerweile zum Wunderlichen gebracht habe. Oder eventuell schon in einer Welt lebt, die einzig nach Hoppe-Regeln funktioniert.

Unbedingt, lautet jeweils die Antwort, nachweislich in dieser ebenso fiktiven wie wundersamen Biografie, in der freilich so häufig das Wort "nachweislich" verwendet wird, bis nichts mehr wunderlich ist: Weder der Umstand, dass Hoppe, deren Lieblingsheld Pinocchio heißt, angeblich ein einsames "Winterkind" war, das ein stoffeliger Vater nach der Trennung der Eltern mit sich zerrt auf eine Never-ending-Tour von Job zu Job, von Kontinent zu Kontinent. Noch dass sie gleichzeitig als hochbegabtes und lebensflinkes Wunsch- und Wanderkind dem sagenhaften Rattenfänger von Hameln rund um den Globus folgte und dabei seine Melodie selbst zu spielen gelernt habe.

Mit ihrem Buch "Hoppe" legt Felicitas Hoppe ein vielstimmiges Lied ihres fabelhaften Lebens vor, dem kein Leser widerstehen kann, solange er nicht taub ist für die hohen Sehnsuchtstöne, die ein identisches Leben im Fremden verheißen.

Übers Eis mit Wayne Gretzky

Verführerischer, verlockender, aber auch verwirrend virtuoser als in dieser heiteren Rattenfängerei, bei der Fänger, Tier, Kind auf seltsame Weise verschmelzen und sich immer wieder neu zu überraschenden Gestalten ausformen, ist wohl noch nie die traurige Weise angestimmt worden vom verwaisten Kind, das ausziehen muss in die kalte Welt und sich wärmt, indem es eine neue in sich schafft. Und größenwahnsinniger schon gar nicht. Man kann sich in die superfixe Wanderratte Hoppe bis über beide Ohren verlieben. Hoppe ist einfach die Tollste.

Immerhin, dies zur Beruhigung für nüchterne Gemüter, ist die Hoppesche Hybris keineswegs so ausgeprägt, dass sie niemanden neben sich gelten ließe. Den einzigartigen Bach-Interpreten Glenn Gould, ihre große Jugendliebe, zählt sie ebenso zu den "drei Besten der Besten" wie den größten Eishockeyspieler aller Zeiten.

Mit Wayne Gretzky flitzt Felicitas in jener heiklen Phase, in der sich Mädchen in alles verknallen, was bei drei als Poster an der Wand kleben kann, egal ob ein Pferd, ein Bill Kaulitz oder seinerzeit eben ein Wayne Gretzky, übers Eis im kanadischen Brandfort. Wayne nennt sie wegen ihrer eigenen unglaublichen Wendigkeit "Fly". Hoppe nimmt das Wahnsinnstempo des Eishockeys auf, wenn sie schreibend durch ihre Biografie kurvt und dabei so traumhaft sicher Themen verknüpft und Motive phrasiert, aus fremden und immer wieder aus Hoppes eigenen Büchern, als tastenwandle ein genialer Pianist von Bach über Beethoven zu den Locktönen des Rattenfängers. Das Buch atmet einen ungemein sportlichen Geist und ist dabei hochmusikalisch komponiert, Gould und Gretzky sei Dank.

Dennoch bleibt ein Restverdacht, dass die Kürung der beiden Megastars zu Sidekicks nicht ganz ernst gemeint sein kann: Wenn inkarnierte Superlative wie Hoppe sich schon nach christlichem Vorbild zur Trinität formieren, dann bitte schön gleich als dreifaltige Erscheinungen der eigenen Person. Und so befragt denn auch in besagtem Interview eine Hoppe die zweite Hoppe zur dritten Hoppe, der Titelfigur des Buchs, das Hoppe in derart verschiedener Gestalt vorstellt, dass die Idee von der Dreieinigkeit der Besten schnell eine Nummer zu klein wirkt für diese grandiose Dichtung.

Mit "Hoppe" ist Hoppe ein künstlerischer Selbstentwurf gelungen, der in seiner romantischen Radikalität die fiktionale Romankonstruktion sprengt und in der zeitgenössischen Literatur kaum Entsprechungen finden dürfte. Eher schon in der bildenden Kunst: Was Cindy Sherman über die theatralische Inszenierungen ihres Körpers erzählt, das macht Felicitas Hoppe mit der phantastischen Verkleidung ihrer Biografie.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Rayk Wielands "Kein Feuer, das nicht brennt", John Burnsides "In hellen Sommernächten", Miranda Julys "Es findet dich", Mark Z. Danielewskis "Only Revolutions" und Jennifer Egans "Der größere Teil der Welt".

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Felicitas Hoppe
krampfader 11.04.2012
Zitat von sysopTobias BohmAuf Tuchfühlung mit Eishockey-Ikonen und Musik-Genies: In ihrem wundersamen Werk "Hoppe" erzählt Felicitas Hoppe ihr eigenes Leben in Romanform - und schafft so für die Literatur, was Cindy Sherman mit ihren Selbstinszenierungen in der Kunst gelingt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,825840,00.html
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2.
miauwww 11.04.2012
Zitat von sysopTobias BohmAuf Tuchfühlung mit Eishockey-Ikonen und Musik-Genies: In ihrem wundersamen Werk "Hoppe" erzählt Felicitas Hoppe ihr eigenes Leben in Romanform - und schafft so für die Literatur, was Cindy Sherman mit ihren Selbstinszenierungen in der Kunst gelingt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,825840,00.html
Das trifft fuer die Leseprobe ( http://www.fischerverlage.de/sixcms/media.php/308/LP_978-3-10-032451-1.pdf ) schon zu, duerfte sich allerdings dann aber auch, falls so das ganze Buch ausmachend, sehr schnell abnutzen und nervtoeten.
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