Feminismus-Panorama von Meg Wolitzer Emanzipation von der Emanzipation

Gibt es einen falschen Feminismus? Meg Wolitzer erzählt in "Das weibliche Prinzip" von zwei Frauen-Generationen, die auf unterschiedliche Weise um Selbstbestimmung kämpfen.

Protest gegen Misswahlen in New York 1968
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Protest gegen Misswahlen in New York 1968

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Die Emanzipation der anderen kann eine ziemlich anstrengende Sache sein. Es gibt eine Stelle in ihrem Buch, da konfrontiert Meg Wolitzer ihre junge verzagte Heldin mit einer Reihe von schillernden Identifikationsangeboten: mit der Pop-Sängerin, die in ihren Hits überlebensgroß die weibliche Selbstermächtigung feiert. Mit dem Blog, der selbstgewiss erklärt, wie mit übergriffigen Kerlen zu verfahren sei. Mit dem Broadway-Hit, in dem sich junge Frauen auf der Bühne launig über ihre Menstruation austauschen. Cooler Kram, der schreit: Sei ein Teil davon!

Doch die Studentin Greer Kadetsky fühlt sich von der Bewusstseinsindustrie der Gegenwart, zwischen Beyoncé und Lena Dunham, eher erschlagen als ermuntert. Der Einstieg in die Selbstfindung erfolgt bei der 20-Jährigen ausgerechnet durch die gut dreimal so alte Faith Frank, die eines Abends einen Vortrag an Greers College hält und ihr erklärt, wie das alles funktioniert: die Schwesternschaft, der Protest, das Solidarprinzip.

Die Ältere ist für die Jüngere eine Epiphanie der Emanzipation. Eine Erleuchtung, nach der Greer ganz plötzlich den Campus-Dämmerzustand aus spaßfreien Gelagen und diffusem Aufbegehren beenden zu können glaubt.

Meg Wolitzer
Nina Subin

Meg Wolitzer

Faith Frank - Kämpferinnenpose, Breitwandlächeln, Lederstiefel bis unter die Knie - verwaltet ihren Status als Ikone des Second-Wave-Feminismus. Sie hält Vorträge in abgeschlagenen Unis und sammelt Spenden für ihr in die Jahre gekommenes Magazin "Bloomer". Berühmt geworden ist sie Anfang der Siebzigerjahre durch das Manifest "Das weibliche Prinzip".

Tiefenentspannt und hochsensorisch

So lautet auch der Titel von Wolitzers neuem Buch - das natürlich mit seinen fast 500 Seiten das Gegenteil eines Manifests ist. Die Schriftstellerin, hierzulande mit dem Cliquenroman "Die Interessanten" bekannt geworden, sucht ja nie den kürzesten Weg zu irgendeiner Botschaft, sie schweift gerne aus und spürt in der Ausschweifung Details auf, die dann doch wieder zentral zum Verständnis ihrer Charaktere sind.

Wie wir dieses tiefentspannte, hochsensorische Erzählen lieben. In "Das weibliche Prinzip" berichtet Wolitzer nun über Umwege, mit Ambivalenzen und ohne offensichtliche politische Agenda von einem halben Jahrhundert Feminismus, das so unterschiedliche Frauentypen wie eben Faith und Greer hervorgebracht hat.

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Meg Wolitzer:
Das weibliche Prinzip

Übersetzung: Henning Ahrens

DuMont Buchverlag, 496 Seiten, 24,- Euro (gebunden)

Faith, die ihr feministisches Erweckungserlebnis Ende der Sechzigerjahre als Cocktailkellnerin in Las Vegas hat, als sie mitansehen muss, wie ihre Kollegin bei einer heimlichen Abtreibung fast verblutet. Die in den Siebzigern in Fernsehtalkshows Journalisten mit riesigen Koteletten und noch riesigeren Egos gegen die Wand redet. Die jede Party zum feministischen Fanal macht. Und jedes feministische Fanal zur Party.

Greer, die ihr feministisches Erweckungserlebnis auf dem Campus hat, als ein Kommilitone auf einer Party über sie herfällt, um dann mit einer folgenlosen Verwarnung von der Collegeführung davonzukommen. Die bis zum Morgengrauen Protest-T-Shirts druckt, die keiner tragen will. Die die Weiblichkeit feiernde Popsongs hört und doch nirgendwo eine Frau wahrnimmt, die für sie zu sprechen scheint. Die im Gewirr der äußeren Stimmen ihre innere sucht.

#fingersandwichfeminism

Faith und Greer, das sind zwei Generationen, aber auch zwei Typen von Feministinnen. Das Angenehme an Wolitzers Feminismuspanorama ist, dass sie die einen nicht gegen die anderen ausspielt. Klar, sie beschreibt, wie die jüngere Generation den auf Charity-Veranstaltungen vorangetriebenen Salonaktionismus von der älteren Faith auf Twitter als "#fingersandwichfeminism" brandmarkt - und damit auch nicht ganz unrecht hat.

Sie zeigt aber auch, wie viel die Second-Wave-Feministin, der sie Züge der berühmten inzwischen 84-jährigen Aktivistin und Journalistin Gloria Steinem verliehen hat, noch in einem Alter bewegt, in der andere nicht mal mehr ihre Memoiren verfasst kriegen. Wie Steinem trägt auch Faith ihre Persona bewundernswert beweglich durch die Jahrzehnte und lädt sie immer wieder mit zeitaktuellen Zuschreibungen auf.

Gloria Steinem (im Jahr 1970)
AP

Gloria Steinem (im Jahr 1970)

Feminismus, so wie ihn Wolitzers Veteranin Faith betreibt, ist auch eine Art von Unternehmerinnentum. Wer gehört werden will, muss gesehen werden, das weiß Medienprofi Faith, im Kampf um die Aufmerksamkeitsökonomie geht es auch immer ums finanzielle Backing. Sie ist schon weit über 70, da eröffnet Faith noch mal mit der Unterstützung eines Milliardärs eine Agentur, die Kongresse und Frauenprojekte in Angriff nimmt. Eine feministische Kampfeinheit, kapitalistisch organisiert.

Wolitzer inszeniert dieses als Stiftung angelegte Unternehmen als Ort eines doppelten Verrats: Greer, die von Faith als rechte Hand engagiert wird, verhindert aktiv, dass ihre beste Freundin ebenfalls bei einer Stiftung anfangen kann. Sie will das Glück, Solidarität hin oder her, nicht teilen. Faith lässt sich auf einen krummen Deal ein, sie schaut zu, wie ein von ihr initiiertes prestigeträchtiges Hilfsprojekt für lateinamerikanische Prostituierte zur Farce gerät. Sie will die Publicity nicht verspielen.

Gibt es eigentlich einen falschen Feminismus? Es ist erstaunlich, wie Wolitzer von Verrat und Verletzungen erzählt, ohne dabei ihre Figuren zu desavouieren. Wie sie ihre junge Heldin im Rauschen der fremden weiblichen Stimmen schließlich doch die eigene finden lässt. "Das weibliche Prinzip" ist die Geschichte einer doppelten Emanzipation, die traurig, schön und wahr darüber berichtet, dass die Befreiten sich zuweilen von ihren Befreierinnen befreien müssen.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Lykanthrop_ 20.07.2018
1.
Gibt es noch kein Kommentar ? Der Feminismus hat mehr Beachtung verdient. Leider ist der berechtigte Feminismus von einst zur selbstgerechten, schwarz-weißen und männerfeindlichen Ideologie geworden. Feministinnen sind laut, aber vielleicht schon wieder eine stark schrumpfende Gruppe. Schade, ich mag emanzipierte Frauen.
kuntergrau 20.07.2018
2. Ich sehe keinen männerfeindlichen Feminismus, sondern jede Menge ...
... männlichen Frauenhass. Das Netz läuft davon über.
freddygrant 20.07.2018
3. Aber, Aber! Ich finde der ....
... Feminismus in seiner kosequentesten Form hat uns endlich die Gechlechterbefreiung gebracht. Und nicht nur das! Diese Befreiung der Geschlechter und was es sonst noch gibt macht uns alle auch von temporären und finanziellen Zwängen frei. Sofern trotzdem duale und generative Aktionen mit finanziellen Pflichten zu regeln sind, gilt hier dann auch das duale Kostenprinzip (fifty-fifty evaluation).
Lykanthrop_ 21.07.2018
4.
Zu Kommentar 2, dass es auch viel Frauenhass im Netz gibt bestreite ich nicht. Da liegt ja genau der Unterschied zwischen ihnen und mir, sie malen die Welt in schwarz-weiß. Zu Kommentar3, ich gebe ihnen Recht der Feminismus in einem gerechten Sinn ist absolut erstrebenswert, gleiche Rechte und Pflichten, Vor- und Nachteile für Männer und Frauen. Ich bin dabei. Ich mag emanzipierte Frauen. Vielleicht lebt es sich für viele Frauen im finanziellen Windschatten des Lebens doch einfach bequemer ? Das Leben als Mann ist nicht immer Gold, das der Frauen ebenso nicht. Lasst uns voneiander emanzipieren und für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen.
kuntergrau 21.07.2018
5. @ Lykanthrop
Im Netz gibt es Hasskommentare von Männern gegenüber Frauen, wie es umgekehrt nicht ansatzweise der Fall ist. Die Benennung von solchen Fakten als "Schwarzweißmalerei" hinzustellen und so zu tun, als sei alles halbundhalb und mittelgrau, ist Tatsachenverdrehung. Und: Sie "mögen emanzipierte Frauen" - aber wie deren Emanzipation aussehen soll und was "berechtigter" Feminismus ist, das wollen Sie bestimmen. Fällt Ihnen da nicht selber der Widerspruch auf?
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